Thomas Harms beim Interview kurz nach seinem 80. Geburtstag. Foto: Monika Merstetter

Vor kurzem beging Thomas Harms aus Weil am Rhein seinen 80. Geburtstag. Im Gespräch mit ihm wird deutlich, dass seine Lebensjahre in 40 und 40 einzuteilen sind.

Die erste Hälfte im Leben des Weiler Apothekers steht für Familie und Beruf, die zweite Hälfte begann, als sich am 25. April um 23.23 Uhr mitteleuropäischer Zeit das Reaktorunglück in Tschernobyl ereignete.

 

Die ersten vier Jahrzehnte fasst er kurz zusammen. Sehr sprachbegabt – er spricht Englisch, Französisch und Spanisch – studierte er Pharmazie.

Beides sollte später von Nutzen sein, als er begann, sich für die strahlengeschädigten Menschen in der Ukraine zu engagieren.

Nach dem Studium schlug er eine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität Heidelberg ein, die in eine Verbeamtung führen sollte. Er zog die Selbstständigkeit vor und gründete 1980 die „Apotheke am Rathaus“.

Er erinnert sich noch sehr genau, wie die ersten Nachrichten aus Schweden kamen, dass sich eine riesige radioaktive Wolke von Osten kommend ausbreite. Was das für die Bevölkerung zu bedeuten hatte, war damals noch nicht einzuordnen.

Tödliche Gefahr, die sich nicht abwaschen ließ

Schnell wurde klar, dass da etwas in der Luft ist, dass weder zu riechen, zu sehen oder zu spüren war. Abwaschen ließ es sich schon gar nicht.

Harms verbot seinen Kindern, draußen im Sandkasten zu spielen. Er sah die ungläubigen Gesichter der Marktfrauen vor seiner Apotheke, die ihr im Freiland angebautes Gemüse nicht mehr verkaufen sollten.

Nicht nur die Sowjetunion, die erst drei Tage später ihre Bevölkerung informierte, auch die deutsche Regierung beschwichtigte. Es wurde zum Kauf von Konserven geraten. Die Apotheken versuchten große Mengen von Jodtabletten als Vorbeugemaßnahme zu besorgen. Scheibchenweise kamen mehr Informationen.

Los der Menschen bewegt den Apotheker

Thomas Harms informierte sich über alle ihm möglichen Quellen. Vor allem erschütterte ihn das Los der Menschen, die unmittelbar um den havarierten Reaktor wohnten.

Ebenso das der unzähligen Helfer, Liquidatoren genannt.

Als sich 1992 der Weiler Verein „KiHeV“ (Kinderhilfe Kiew e. V.) gründete, schloss er sich diesem an.

In ihm wuchs ein großes Anliegen im Rahmen seiner Möglichkeiten zu helfen.

Die erste Reise hat er nie vergessen

Seine erste Reise, die er damals mit vier weiteren Vereinsmitgliedern nach Kiew unternahm, hat er bis heute nicht vergessen.

Er traf auf strahlengeschädigte Kinder und Erwachsene, die abgelegen mitten im Wald, in einem alten, spartanisch eingerichteten ehemaligen Tuberkuloseheim untergebracht waren.

Inzwischen ist die Krebsklinik, deren Aufbau zehn Jahre dauerte, einer Poliklinik angeschlossen.

Von Anfang an sei klar gewesen, dass es sich hier um eine langfristige, generationenübergreifende Hilfe handeln muss. Es fehlte an allem.

Die radioaktive Belastung der Umwelt hält an, Strahlenschäden werden von Generation zu Generation vererbt. Heute kommen bereits in dritter Generation Kinder mit darauf zurückzuführenden Gendefekten zur Welt.

Unzählige Sach- und Geldspenden zusammengetragen

Mit großer Intensivität begann der Apotheker Material für Diagnostik, Medikamente, medizinische Geräte, Kleidung und Sachspenden zu sammeln.

Es wurde um Geldspenden gebeten, damit regelmäßige Lastwagen-Transporte auf den Weg gebracht werden konnten.

Harms selbst flog mehrmals im Jahr auf eigene Kosten in die Ukraine. Er reiste immer mit prall gefüllten Koffern, in denen sich aber lediglich Medikamente befanden.

Den Koffer voller Medikamente

Für sich selbst packte er sehr spartanisch das Notwendigste ein. Es dauerte eine Weile, bis die Zollformalitäten reibungslos liefen.

Als es einmal nicht klappte, wurde er erst nach stundenlangem Warten durch eine Professorin der Strahlenklinik ausgelöst.

Thomas Harms lernte Russisch

Hier kam die Sprachbegabung wieder ins Spiel: Er lernte Russisch, um zu verstehen, ob seine Angaben auch korrekt weitergegeben wurden.

Von weiteren Schwierigkeiten kann er berichten: Zu Beginn der 2000er-Jahre bekam Harms eine große Menge Säuglingsnahrung von der Migros gespendet. Der Zoll verweigertedie Einfuhr, weil keine Bescheinigung vorlag, dass die Ware BSE-frei sei.

Persönliche Kontakte halfen

Zur selben Zeit war er als Fraktionsvorsitzender der FDP/Freien Bürger im Gemeinderat zur Verabschiedung von Wolfgang Dietz bei der baden-württembergischen Landesvertretung in Brüssel eingeladen. Dort sprach er kurzerhand die Schweizer Delegation darauf an und hatte drei Tage später das Papier.

Oft war es ein weiter Weg bis zum Ziel

Er faxte es an den ukrainischen Zoll, die wollten jedoch das Original. Durch eine am Basler Flughafen arbeitende Schallbacherin, die das Schreiben einem Piloten gab, konnte die Sendung noch vor dem Verfallsdatum ausgeliefert werden.

Schicksal der Patienten berührt ihn persönlich

Viele Patienten lernte er während der vielen Besuche über Jahrzehnte kennen. Viele überleben mit schweren Schäden. Viele schaffen es aber auch nicht, was den Apotheker schmerzt, besonders, wenn es sich um Kinder handelt.

Seit dem russischen Angriff vor vier Jahren hat sich sein Engagement drastisch verändert. Die Hilfslieferungen in die Ukraine erfolgen nun zusammen mit dem „Einlädele“ in Freiburg, selbst fährt er aus Sicherheitsgründen nicht mehr hin.

Unterstützung wird ausgeweitet

Der Krebsklinik wird weiter geholfen, zum Teil gehen die Hilfslieferungen aber auch tiefer ins Landesinnere, bis an die Front. Jeden Tag um 8.15 Uhr telefoniert Harms mit einem Professor aus der Klinik. Zum Glück sei diese bisher nicht getroffen worden, sagt er. Es breite sich aber eine Kriegsmüdigkeit aus, die betroffen mache. Viele Organisationen, die in den ersten Jahrzehnten enorme Hilfe leisteten, gibt es nicht mehr. Die Spendenbereitschaft lasse spürbar nach.

www.kihev.de