Olympiasieger Martin Schmitt arbeitet bei Olympia für Eurosport. Warum der frühere Top-Star im Skispringen das Konzept in Italien gut findet und ihm seine Aufgaben so viel Spaß machen.
An diesem Donnerstagvormittag in Predazzo. Skisprung-Olympiasieger Martin Schmitt (48) ist einen Tag vor der Eröffnungsfeier schon an seinem Arbeitsplatz. Für Eurosport wird er ab diesem Samstag die Skisprungwettbewerbe kommentieren. Der gebürtige Villinger freut sich auch nach vielen Jahren immer wieder riesig auf die Olympischen Spiele.
Martin Schmitt wohnt mit seiner Familie in Kirchzarten, trainiert den jüngsten DSV-Nachwuchs und hat eine erfolgreiche Marketing-Firma. Der Schwarzwälder verrät, was ihn immer noch an Olympia fasziniert.
Martin, erinnern wir uns zunächst zurück. 2002 feierten sie zusammen mit Sven Hannawald, Stephan Hocke und Michael Uhrmann in Salt Lake City in der Mannschaftswertung den Olympiasieg. Wie sah damals Ihre Gefühlswelt aus?
Es war natürlich ein tolles Gefühl. Es war etwas, was man als Sportler anstrebt und wovon man als Kind geträumt hat. Aber bei so einem Großereignis gehen nicht immer alle Pläne auf. Die Vorzeichen damals waren für mich gar nicht so gut. Ich hatte mit einer Knieverletzung zu kämpfen, war nicht hundertprozentig fit. Wir hatten mit dem Skimaterial etwas zu kämpfen. Aber für das Teamspringen hatten wir dann – körperlich wie materialtechnisch – die richtigen Lösungen gefunden. Am Ende hat es dann für uns nach einem sehr spannenden und hochklassigen Wettkampf zu Gold gereicht. Es war überwältigend.
Wo haben Sie die Goldmedaille aufbewahrt?
(lacht). Diese wurde damals in eine schöne Holzschatulle gelegt, und in dieser befindet sie sich immer noch. Der Aufbewahrungsort ist streng geheim. Also: Die Medaille hängt nicht irgendwo, sondern ist sehr gut aufbewahrt.
Was macht Olympia für einen Sportler aus?
Sehr viel. Mit diesem Thema kam ich schon als sportbegeistertes Kind recht früh in Berührung. Ich habe mit meinem Bruder neben dem Skispringen den gesamten Sport am Fernseher verfolgt. Ich kann mich zum Beispiel noch gut an die Winterspiele 1984 in Sarajevo oder an die Sommerspiele im gleichen Jahr in Los Angeles erinnern. So wie ich mit Skispringer Matti Nykanen mitgefiebert habe, tat ich es auch mit Sprinter Carl Lewis.
Entsprechend haben wir als Kinder dann anschließend Skisprungübungen gemacht oder sind überall herumgerannt. Ich hatte mit meinem Bruder eine sehr aktive und schöne Zeit. Wir spielten viele Sportarten nach. Wir haben dann immer wieder den nächsten Olympischen Spielen entgegengefiebert. Irgendwann ging dann die eigene Reise dorthin los. Olympia hat für einen Sportler einen sehr großen Wert. Olympische Spiele sind einfach die Universalwerbung für den Sport.
Nach vielen Jahren sind die Olympischen Winterspiele zurück in den Alpen. Was für Spiele erwarten Sie in Italien? Auch unter dem Aspekt, dass die Austragungsorte doch weit auseinanderliegen.
Zu Recht wurde in den vergangenen Jahren der Gigantismus ohne Nachhaltigkeit bei den Bauten in den olympischen Orten kritisiert. Deshalb ist das Konzept nun in Italien eine gute Lösung. Es ist nicht möglich, an einem Ort alle Sportarten auszutragen. Deshalb ist dieses Konzept doch gerade im Sinne der Nachhaltigkeit sehr gut. Zum Beispiel gibt es in Predazzo schon ein Leistungszentrum für die Nachwuchsspringer, das dann auch, baulich für Olympia verbessert, in der Zukunft gut genutzt werden wird.
Man darf sich deshalb nicht über die Entfernungen beschweren. Mit all den technischen Möglichkeiten kann man in Italien alles so präsentieren, dass wir tolle Olympische Spiele erleben werden. Natürlich hat man als Sportler nicht das Erlebnis, dass in einem olympischen Dorf alle zusammen sind. Doch wir hatten 1998 in Nagano auch kein typisches olympisches Dorf. Letztendlich kämpft jeder Athlet darum, nicht nur dabei zu sein, sondern auch erfolgreich zu sein.
Werden Sie neben Ihrer Arbeit bei Eurosport die Zeit haben, in den kommenden zwei Wochen privat auch andere Sportarten zu besuchen?
Ich werde hier und in Tesero auf jeden Fall bei der Nordischen Kombination dabei sein und denke, auch den einen oder anderen Langlaufwettbewerb live mitverfolgen zu können. Außerdem möchte ich nach dem Ende der Sprungwettbewerbe noch Wettbewerbe in Cortina d’Ampezzo besuchen.
Kommen wir zu den aktuellen DSV-Adlern. Probleme oder Medaillenchancen?
Medaillenchancen. Ich glaube, dass das Team ganz gut drauf ist. Felix Hoffmann und Philipp Raimund verzeichnen eh eine gute Saison. Am vergangenen Wochenende kam auch Andi Wellinger wieder in die Spur. Er kann mit viel Selbstvertrauen anreisen. Natürlich wäre ein früherer Formaufbau bei ihm wünschenswert gewesen.
Doch für ihn spricht seine Erfahrung. Entweder es geht etwas oder nicht. Bei den Frauen ist Selina Freitag auf Tuchfühlung. Agnes Reisch absolviert eine konstante Saison. Katharina Schmid hatte auch gute Ergebnisse. Ich glaube, bei den Herren, bei den Damen und auch im Mixed sind Medaillenchancen da.
Karl Geiger wird nicht dabei sein. Er zeigte zuletzt in Willingen aber eine sehr gute Leistung.
Es geht ja um das Erreichen der Olympia-Normen. Einerseits braucht man für die Nominierung eine Orientierung, aber es ist auch so, dass so ein starres System seine Tücken hat. Natürlich kann man hinterfragen, ob ein Wettkampf im November höher zu gewichten ist als ein Wettbewerb eine Woche vor den Olympischen Spielen. In Willingen war der Nominierungsschluss ja schon passé. Aber vielleicht hätte man das Skifliegen in Oberstdorf Ende Januar noch abwarten können. Es gab schon genügend Nominierungschancen. Wir haben ein gutes Team.
Sie sind ja beim DSV auch noch Talentscout. Ist die Lücke hinter den deutschen Elitespringern gegenüber den Nachwuchsspringern aktuell tatsächlich so groß?
Es war ein paar Jahre lang etwas schwieriger. Wir hatten im Anschluss nicht so die Breite. Aber es kommen jetzt wieder mehr jüngere Springer wie Ben Bayer oder Jannik Faißt in eine Position, in der sie im Alpen- oder im Continentalcup ihr Potenzial aufzeigen. Die Jungs sind schon gut. Aber es ist nicht so einfach, den Sprung in den Weltcup zu schaffen. Ich bin aber ganz optimistisch, dass es den Jungs in den nächsten Jahren gelingt, den nächsten Schritt zu schaffen.
Bundestrainer Stefan Horngacher hört nach dieser Saison auf. Sie haben seine Nachfolge abgelehnt.
(lacht). Das habe ich auch irgendwo gelesen. Wir hatten darüber gar nicht konkret gesprochen. Ich bin überzeugt davon, dass sich unser Sportdirektor Horst Hüttel sehr viele Gedanken macht, die optimale Lösung zu finden. Ich bin sehr glücklich und eng verbunden mit meinen Aufgaben im DSV-Nachwuchs oder hier bei Eurosport.
Was ist für Sie als Experte die wichtigste Maxime bei den Übertragungen?
Die Kunst ist es, die Komplexität des Skispringens dem Zuschauer am Fernsehen einfach zu erklären – an Beispielen oder Bildern. Ich habe schon den Anspruch, nicht ganz oberflächlich zu bleiben, sondern zu erklären, worauf es ankommt und möchte die richtigen Worte dazu finden. Ich glaube, dass es der Zuschauer schon verstehen will, warum es bei einem Skispringer nun gerade läuft und beim anderen eben nicht. Das zu erklären, macht mir schon großen Spaß.
Mit Skicrosserin Daniela Maier, Biathletin Janina Hettich-Walz und Snowboardcrosserin Jana Fischer ist der Schwarzwald gut bei den Olympischen Spielen vertreten. Was trauen Sie den drei Athletinnen denn zu?
Es ist toll, dass sie in einer guten Form bei Olympia antreten. Wichtig ist für die drei, dass sie jetzt gesund bleiben, sich voll auf ihre Wettbewerbe fokussieren und sich viel zutrauen. Dann wird etwas Gutes passieren.
Auf was freuen Sie sich am meisten bei diesen Olympischen Spielen?
Generell immer auf die Vielfalt des Sports, auf das Gesamterlebnis. Das macht das Besondere an Olympia aus.