Die Kinderarztversorgung ist je nach Interpretation gut oder schlecht. Foto: dpa-tmn/Christin Klose

Keine Unterversorgung und freie Wahl – die Kassenärztliche Vereinigung schätzt die kinderärztliche Versorgung in Hechingen unkritisch ein. Warum das so ist, lesen Sie hier.

Diese Suche ist kurz, das Ergebnis ernüchternd: Gerade einmal zwei Hechinger Kinder- und Jugendärzte zeigt die elektronische Arztsuche der KVBW aktuell an. Schon in wenigen Wochen wird es nur noch einen Treffer geben, denn Jurij Ciokan, seit 1989 Kinderarzt in Hechingen, geht in den Ruhestand und lässt nach eigenen Aussagen rund 1500 kleine Patienten ohne Arzt zurück.

 

Ob Hechinger Eltern mit ihren kranken Kindern wohl bald nach Tübingen fahren müssen? Dürfen sie das überhaupt? Dürfen sie zu einem Arzt außerhalb des Zollernalbkreises gehen?

Eltern können den Kinderarzt frei wählen

Kai Sonntag, Pressesprecher bei der KVBW klärt auf: „Wir haben in Deutschland eine freie Arztwahl.“ Grundsätzlich wäre es also möglich, eine weit entfernte Kinderarztpraxis aufzusuchen. Ob das praktisch ist, sei eine ganz andere Frage.

Doch die Hoffnungen auf einen baldigen Nachfolger für die Zollerstadt sind schnell zerschlagen: In ganz Baden-Württemberg gibt es bislang keinen einzigen Standort mit einer formalen Unterversorgung, wie Kai Sonntag berichtet. Die sei nämlich erst dann erreicht, wenn die errechnete Optimalversorgung eines Landkreises auf unter 50 Prozent sinke.

Der Zeitaufwand pro Kind ist gestiegen

Mit Ciokans Praxisaufgabe und dann elf Kinderärzten im Zollernalbkreis sei man davon aber noch weit entfernt. Die nicht errechnete Realität gibt indes freilich ein anderes Bild: Zahlreiche Eltern sind auf der Suche nach einem Kinderarzt, finden aber keinen. Man kann durchaus von einer gefühlten Unterversorgung sprechen – wenngleich nicht von einer errechneten.

Immerhin bedeute eine 100-Prozent-Versorgung im Landkreis zwölf bis zwölfenhalb Vollzeitstellen, so Sonntag. Sonntag erklärt, wie diese Zahl errechnet wird: Demnach müsse auf 2915 0-18-Jährige ein Kinderarzt kommen – „rein rechnerisch“, wie Sonntag betont. Trotzdem: „Es gibt eine wesentlich höhere Nachfrage an Kinderärzten, als es Ärzte gibt.“ Die Gründe dafür seien vielfältig.

Zum einen würden immer wieder Kinderkliniken geschlossen, weswegen Ausbildungsmöglichkeiten wegfielen. Viele Kinderärzte würden außerdem keine eigene Praxis mehr eröffnen und lieber als Angestellte arbeiten wollen.

Kinderärzte brauchen mehr Zeit für die Kinder

Doch das ist noch nicht alles: Kai Sonntag merkt an, dass zusätzlich der Zeitaufwand für Kinderärzte pro Kind gestiegen sei. Mehr Untersuchungen, eine gewachsene Unsicherheit der Eltern durch Vorab-Internetrecherchen und die Zuwanderung seien dafür verantwortlich. Kurzum: Auch wenn der Zollernalbkreis „rein rechnerisch“ genügend Kinderärzte hat, bleibt die Lage angespannt.

Kinderarzt müsste freiwillig kommen

Und was kann man dagegen tun? Richtig, einen Nachfolger für die Lücke, die Ciokan in Hechingen hinterlässt, finden. Wie das gelingen könnte, weiß Kai Sonntag: So können angehende Kinderärzte einen Teil ihrer Facharztweiterbildung in einer Praxis absolvieren. Wenn das auch in Hechingen verstärkt möglich wäre, könnte das „wiederum die Nachfolge erleichtern“.

Der Zug scheint für Ciokans Praxis jedoch bereits abgefahren zu sein. Ein Kinderarzt müsste also freiwillig in die Zollerstadt kommen, zwingen könne man dazu laut Sonntag keinen. Aber: „Wir kümmern uns natürlich darum, dass Nachfolger und zusätzliche Ärzte kommen“, sagt Sonntag. Bislang jedoch ohne Erfolg.

Hier finden Eltern Hilfe

Arztsuche
 Im Internet können Eltern nach Kinderärzten in verschiedenen Orten suchen. Die Internetadresse hierfür lautet: https://www.arztsuche-bw.de/. Manche Kinderärzte tauchen mehrmals in der Liste auf; diese haben dann mehrere Betriebsstätten, heißt es von der KVBW.

Online-Sprechstunde
 Unter der Telefonnummer 116117 erreichen Eltern von Montag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr Teleärzte, die sich um die Anliegen der kleinen Patienten kümmern.