Uwe Rehnert aus Brigachtal ist Experte, wenn es um Selbstverteidigung geht. Foto: Simone Neß

Der gefährlichste Ort ist oft nicht der dunkle Park, sondern das eigene Zuhause. Selbstverteidigungstrainer Uwe Rehnert zeigt, wie man im Ernstfall richtig reagiert.

308 Opfer häuslicher Gewalt – diese Zahl aus der polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2025 steht für hunderte persönliche Schicksale im Schwarzwald-Baar-Kreis. Und die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

 

Einer, der Betroffenen helfen will, sich im Ernstfall zu schützen, ist Personal Trainer und Selbstverteidigungsexperte Uwe Rehnert. Seit zehn Jahren arbeitet er hauptberuflich als Trainer und hat sich auf Kampfsport und Selbstverteidigung spezialisiert.

Uwe Rehnert praktiziert seit 47 Jahren Karate und machte seine Anfänge beim Schwenninger Karate-Urgestein Dieter Haas. Seit 1988 ist der Brigachtaler im Verein Shintaikan Karate Dojo Villingen aktiv. 2022 wurde er in der Kategorie Masters zum „Sportler des Jahres“ gekürt und schaffte es auch 2024 bei den Masters auf den dritten Platz. Er ist ein Sportler durch und durch – doch beim Thema Selbstverteidigung setzt er andere Schwerpunkte.

Denn wenn es um Selbstverteidigung geht, dann ist die körperliche Verfassung laut Uwe Rehnert zweitrangig. „Selbstverteidigung hat mit Sport nichts zu tun“, sagt er. Auch wenn es durchaus nützlich sein könne, eine Kampfsportart zu beherrschen.

Zahlen steigen deutlich

Die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt ist im Schwarzwald-Baar-Kreis deutlich gestiegen. 2025 wurden 308 Menschen erfasst – das sind 48 mehr als im Vorjahr (260).

Auf den ersten Blick wirkt dieser Anstieg alarmierend. Gleichzeitig kann er aber auch ein positives Signal sein. Häusliche Gewalt weist ein sehr großes Dunkelfeld auf: Viele Betroffene erstatten aus Scham oder Angst keine Anzeige. Steigende Zahlen können daher auch bedeuten, dass sich mehr Opfer trauen, Straftaten zu melden – nicht zwangsläufig, dass die Gewalt tatsächlich zunimmt.

Um dieses große Dunkelfeld weiß auch Uwe Rehnert. Gerade deshalb möchte er Betroffenen einen „Werkzeugkasten“ an die Hand geben, mit dem sie sich im Notfall schützen können.

Seine Kurse richten sich an Menschen zwischen neun und 90 Jahren. Selbst eine 94-jährige Teilnehmerin habe bereits bei ihm trainiert. Die Mehrheit seiner Kursteilnehmer sei weiblich, doch auch Männer besuchen gelegentlich seine Kurse – und seien oft überrascht, „wie schnell sie auf der Matte liegen“.

Opfer vor allem weiblich

Dass vor allem Frauen das Angebot nutzen, ist kein Zufall. Ein Blick in die Kriminalstatistik zeigt, wie relevant Selbstverteidigung für Frauen ist: Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis waren die Opfer häuslicher Gewalt 2025 überwiegend weiblich. Bundesweit wird das Ausmaß noch deutlicher: Laut Bundesministerium des Innern wurden 2024 in Deutschland 132 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet.

Trotzdem ist es Uwe Rehnert ein Anliegen, seine Kurse besonders breit anzubieten. Er besucht unter anderem Schulklassen, Vereine, Verwaltungen und Pflegeheime, ist Trainer bei Shintaikan Karate Dojo Villingen oder bietet Kurse in seinem eigenen Trainingsraum an. Dabei geht es nicht nur um häusliche Gewalt, sondern um Selbstschutz in allen bedrohlichen Situationen.

Ob Betroffene gezielt Hilfe suchen? Nur selten sprechen sie offen darüber. Dennoch spüre er oft, wenn Teilnehmer bereits Gewalt erlebt hätten – etwa wenn sie sich besonders gut in Gefahrensituationen hineinversetzen können.

Mögliche Warnsignale

Während Uwe Rehnert als Kampfsportler den sportlichen Wettkampf aktiv sucht, verfolgt er bei der Selbstverteidigung ein anderes Motto: „Jeder nicht geführter Kampf ist ein gewonnener Kampf“, betont er.

Ein mögliches Warnsignal sei, wenn das Gegenüber den Blick von den Augen auf den Brustkorb senkt. Spätestens dann sollte man Abstand nehmen, so der Experte. Er empfiehlt auch, auf das Bauchgefühl zu hören. „Das Bauchgefühl ist ein wichtiger Signalgeber und hat zu über 90 Prozent Recht“, ist er überzeugt.

Konflikte sollten zunächst verbal entschärft werden. Im Zweifel sei es sinnvoll, zurückzustecken, um eine Eskalation zu vermeiden. Gleichzeitig gelte: aufmerksam bleiben, ohne paranoid zu werden oder sich verrückt zu machen.

Tipps für den Ernstfall

Laut dem Trainer sollte sich jeder ein paar Techniken aneignen, die für einen selbst praktikabel sind, damit man im Ernstfall reagieren kann. Wichtig sei zudem, die sogenannten Vitalpunkte zu kennen, an denen der Körper besonders verletzlich ist.

Als weitere Hilfsmittel empfiehlt der Trainer beispielsweise einen Taschenalarm, der ein lautes Signal auslöst. Doch auch Alltagsgegenstände wie eine zusammengerollte Zeitung, eine Taschenlampe oder ein Handy können im Ernstfall bei der Verteidigung helfen. Ebenso wichtig sei es, Tritte und Schläge zu üben und den Überraschungsmoment gezielt zu nutzen.

Diese Hilfsmittel können im Ernstfall bei der Selbstverteidigung helfen: Kubotan (Druckpunktverstärker), Taschenalarm, Handy(attrappe), zusammengerollte Zeitschrift oder Taschenlampe. Foto: Simone Neß

Eine entscheidende Rolle spiele auch das Selbstbewusstsein. „Ich kann etwas“ – diese Haltung sei zentral. Denn eine positive Grundeinstellung helfe, in Gefahrensituationen handlungsfähig zu bleiben und nicht in Schockstarre zu verfallen. „Mir ist wichtig zu zeigen, welche Möglichkeiten jeder hat“, so Uwe Rehnert.

Zudem sollte nach Möglichkeit verhindert werden, dass ein Kampf am Boden ausgetragen wird. „Kämpfe enden in der Regel am Boden“, weiß Uwe Rehnert. Kommt es zu einem Sturz, sei es wichtig, so schnell wie möglich wieder aufzustehen.

Rot sieht der Trainer jedoch, sobald jemand ein Messer zückt. „Man kann sich gegen ein Messer, oder ähnlich scharfe Gegenstände, praktisch nicht verteidigen“, sagt der Experte. Die Gefahr tödlicher Verletzungen sei in solchen Situationen sehr hoch. Deshalb sieht er bei einem Messerangriff vor allem eine Option: größtmöglicher Abstand, beziehungsweise die Flucht, was aber auch nicht immer praktikabel sei, wenn zum Beispiel schutzbedürftige Personen dabei sind.

Den Ausstieg schaffen

Betroffenen häuslicher Gewalt rät Uwe Rehnert, Abstand zu nehmen und sich Unterstützung bei Hilfsorganisationen wie dem Weißen Ring zu holen. „Wer einmal schlägt, schlägt wieder“, weiß er. Körperliche Schäden ließen sich meist nicht komplett rückgängig machen, umso wichtiger sei es, rechtzeitig den Ausstieg aus einer toxischen Beziehung zu schaffen – auch wenn dieser Schritt sehr schwerfalle.

Die nächsten Kurse

Kinderferienprogramm
In den Pfingstferien findet in Villingen-Schwenningen am Mittwoch, 27. Mai, 9.30 bis 11.30 Uhr, ein Selbstverteidigungskurs für Kinder statt. Anmeldung und weitere Infos unter https://www.unser-ferienprogramm.de/villingen-schwenningen/index.php

Stiloffener SV-Lehrgang
Am Samstag, 4. Juli, 10 bis 13 Uhr, richtet der Verein Shintaikan Karate Dojo Villingen einen stiloffenen Selbstverteidigungs-Lehrgang in der Klosterringschule in Villingen aus. Info und Anmeldung unter 0177/3 84 21 30 (WhatsApp) oder per E-Mail an sv-trainer@gmx.de.