Platz ist in der kleinsten Hütte: Einblick in das Tiny House von Larissa Pferdmenges in Waldbronn. Foto: Uli Deck

Die Tiny-House-Welle erreicht auch Nagold. In der Schönblickstraße will die Stadt Flächen für die kleinen Häuschen zur Verfügung stellen. Damit soll auch der Markt sondiert werden.

Nagold - Tiny Houses sind in. Es gibt ganze Fernseh-Doku-Serien rund um die schmalen, kleinen Häuschen, in denen doch eine ganze Wohnung Platz finden kann. Entsprechend gut ist der Ruf, den die Tiny Houses genießen. Für viele Menschen sind sie der Inbegriff modernen Wohnens: Der Flächenverbrauch ist gering, Tiny Houses gelten als flexible Wohnform, und sie sind auch deutlich günstiger als das klassische Wohneigentum.

 

Die Nachfrage dürfte also vorhanden sein. Und das offensichtlich auch in Nagold. Im Stadtplanungsamt jedenfalls suchte und fand man eine Fläche, die gut geeignet scheint, um auch in Nagold ein erstes kleines Gebiet für Tiny Houses anzubieten. Maximal sechs Mini-Häuser könnten auf der gewählten Fläche untergebracht werden. Gerade richtig, um den Markt zu sondieren.

Eine Art Modellgebiet

Nagolds oberster Stadtplaner Ralf Fuhrländer erklärte jüngst den Gemeinderäten, dass es der Stadt auch darum gehe, eine Art Modellgebiet an den Start zu bringen. "Wir würden das Experiment gerne wagen", sagte er im Gemeinderat. Zeitnah sollen die Flächen zur Verfügung gestellt werden.

Als Gelände für Nagolds Tiny-House-Areal ist ein städtisches Grundstück in der Schönblickstraße auserkoren worden, also unterhalb der LDT. Zum Hang wurden und werden auch noch recht große Mehrfamilienhäuser gebaut. Auf der anderen Straßenseite soll auf dem recht schmalen städtischen Streifen nun das Tiny-House-Gebiet entstehen. Wichtig dabei: Die Stadt Nagold bleibt Grundstücksbesitzerin, die Grundstücke werden also an die Tiny-House-Besitzer verpachtet. Die Vorteile des Gebiets: Es liegt stadtnah und bietet eine tolle Aussicht auf die City im Tal und auf den Schlossberg. Mögliche Tücken: Der Lärm der L 362 und auch von der Bahnlinie dürfte recht gut wahrnehmbar sein.

Terrasse mit neun Quadratmetern

Die Stadt bleibt somit auch Herrin des Verfahrens. Interessenten können sich bewerben. "Dann werden wir sehen, wie groß das Interesse ist", so Fuhrländer. Dabei müssen die künftigen "Häusle"-Besitzer einige Vorgaben beachten. Zum Beispiel ist die Nutzungsfläche auf 50 Quadratmeter begrenzt, und ein Haushalt darf maximal aus zwei Personen bestehen. Auch die Untervermietung der Tiny Houses – zum Beispiel an Urlauber – ist nicht gestattet. Jedes Tiny House bekommt eine Terrassenfläche von drei auf drei Metern. Und Parkplatzflächen befinden sich am Rand des Gebiets, also nicht direkt an den Häuschen.

Da auch Tiny Houses dem Baurecht unterliegen, plant die Stadt nach dem Bewerbungsverfahren einen gemeinsamen Planungsworkshop mit den optionalen Pächtern. Dann geht es an das Genehmigungsprozedere, und am Ende steht schließlich die Vergabe – Pachtvertrag und Bauverpflichtung inklusive. Die Tiny Häuser selbst werden fertig auf einem LKW angeliefert und per Kran aufgestellt.

Blühwiesen und Mähwege

Die Erschließung der Häuser läuft über die Schönblickstraße. Für die Hausbesitzer besteht eine Anschlusspflicht zum Beispiel an das Kanalnetz sowie an Strom, Wasser und gegebenenfalls Gas. Auch die Gestaltung des Freiraums ist geregelt: Es gibt keine Einfriedungen der Gelände und auch keine Versiegelung. Die Stellplätze haben eine Größe von 100 bis 150 Quadratmetern. Die neun Quadratmeter großen Terrassen sind Holzkonstruktionen, und auf dem Gelände sind Blühwiesen mit Mähwegen vorgesehen. Gemüse – und Zierwiebeln sind nur in mobilen Hochbeeten oder Pflanzkübeln gestattet. Bäume sind als Schattenspender dagegen erlaubt.

Nagolds Räte stimmten dem Vorhaben geschlossen zu. Wohlwissend, dass die Stadt damit Neuland betritt. "Eine crazy Idee", fand OB Jürgen Großmann, der dazu riet, bei diesem Thema "flexibel zu bleiben". In seinen Augen gehe es auch um eine Art Marktanalyse.

Info: Tiny Houses

Die Tiny-House-Bewegung stammt ursprünglich aus den USA und gilt als Wohnform, die mit Individualismus, Unabhängigkeit, Mobilität, Minimalismus und Umweltfreundlichkeit (wegen des reduzierten Ressourcenverbrauchs) assoziiert wird. In Deutschland ist diese Wohnform rechtlich nicht definiert. "Es müssen also Formen der Anpassung an deutsches Recht gefunden werden", heißt es in der Vorlage der Stadtverwaltung. Demnach entstehen derzeit in mehreren Gemeinden in Baden-Württemberg Pilotprojekte für Tiny Houses. "Baurechtlich wird dabei von festen Gebäuden ausgegangen, für die eine Baugenehmigung mit den üblichen Auflagen notwendig ist", teilt die Stadtverwaltung mit. Interessanter Fakt nebenbei: Das Aufstellen von Mobilheimen als Dauerwohnsitz auf Campingplätzen ist in Baden-Württemberg durch die Campingplatz-Verordnung nicht gestattet.