In der Leipziger Thomaskirche ist er für alles zuständig, was Tasten hat: Johannes Lang. Foto: Tobias Tanzyna

In einem 22-stündigen Kraftakt hat Johannes Lang, der im Weiler Teilort Märkt aufgewachsen ist, alle Orgelwerke Bachs am Stück aufgeführt.

Eine Sternstunde für Bach-Liebhaber war der Orgelmarathon, den Johannes Lang vor kurzem in Leipzig hingelegt hat. 22 Stunden am Stück saß der Thomasorganist in der Nacht des Reformationstags an der Orgel.

 

Wie fühlt sich das an, wenn man so einen besonderen Marathon absolviert hat?

Ein großes Glücksgefühl war schon während dem Spiel und besonders am Ende zu spüren. Die Orgelmusik Bachs setzte große Kräfte frei, sowohl bei mir als auch beim Publikum. Einer der schönsten Kommentare danach war: „Man konnte immer weiter zuhören“. Das trifft den Punkt ganz genau. Nach dem Abklingen des Glücksgefühls war natürlich eine große Müdigkeit da – ich kann mich nicht erinnern, jemals so tief geschlafen zu haben wie nach dem Marathon.

Wie lief die Vorbereitung? Hatten Sie Lampenfieber?

Zu Beginn der Konzerte war ich recht nervös, auch weil wir wenig Probenzeit mit dem Kamerasetting und dem Licht hatten. Ich musste mich also innerhalb der ersten Konzerte daran gewöhnen. Klar, vor so einem Marathon ist man etwas aufgeregt, – aber ich wusste, dass ich es schaffen kann, daher habe ich die Nacht davor auch sehr gut geschlafen. Die Orgelwerke habe ich in jahrelanger Arbeit vorbereitet, insbesondere die Registrierungen, also die Klangfarbeneinstellungen an der Bachorgel.

In welcher Reihenfolge waren die Werke zu hören?

Die Werke waren nach einem Plan des Bachforschers Christoph Wolff angeordnet. Es ging darum, dass jedes Konzert einzeln dramaturgisch funktioniert. Der Rote Faden ist das Kirchenjahr, abschließend mit dem „Dritten Theil der Clavierübung“ – einem der wenigen zu Lebzeiten Bachs gedruckten Orgelwerke.

Wie haben Sie das geplant?

Mit genügend Vorlauf. Die Idee hatte ich schon länger, die Entscheidung es wirklich zu machen fiel vor ziemlich genau einem Jahr, als ich einen Testlauf unternahm, um zu wissen, ob es funktionieren kann. Dann ging es darum, einen Termin zu finden – in der Thomaskirche ist immer viel los, und ich musste mit meinem Assistenten sprechen, der mehr Dienste übernehmen musste. Anspruchsvoll war auch das Projekt „Gravity Bach“. Etwa 50 Personen waren beteiligt – all das live.

Johannes Lang an der Orgel der Leipziger Thomaskirche Foto: Carolyn Rau

Wie haben Sie sich auf diesen Kraftakt vorbereitet?

Durch viel Üben, aber auch die richtige Ernährung vor und während des Marathons, das Anpassen der Schlafphase und eine sehr gute Betreuung durch meine Physiotherapeutin.

Gibt es Menschen, die das schon gemacht haben, oder sind Sie der erste?

So weit ich weiß, bin ich der fünfte, der das Projekt gemacht hat. Im Bachjahr 2000 haben Paul Jacbos, Alexander Fiseisky und Barry Jordan sich dieser Aufgabe gestellt, 2006 und 2017 Curt Sathor und nun ich. In dieser intensiven medialen Begleitung dürfte es aber erstmalig gewesen sein.

Als Thomasorganist sind Sie ein Nachfolger Johann Sebastian Bachs. Was bedeutet dieser Ort für Sie, was bedeutet Ihnen Bach?

Ich kann zum Glück sagen, dass ich kein direkter Nachfolger von Bach bin. Bach war ja als Thomaskantor angestellt und nicht als Thomasorganist. Die Trennung der beiden Ämter gibt es seit 1528. Das nimmt Last von den Schultern. Dennoch, an dem Ort zu wirken, an dem Bach 27 Jahre seines Lebens verbracht hat, ist etwas ganz Besonderes. Ich spüre die Inspiration, die von diesem Ort ausgeht. Bach ist mein Lebenselixier.

Wie muss man sich das vorstellen: Haben Sie all die Werke, die Sie beim Orgel-Marathon gespielt haben, ohnehin „drauf“ oder mussten Sie einzelne Stücke eigens erarbeiten?

Vor einem Jahr hatte ich etwa 70 Prozent des Bachschen Orgelwerks „drauf“, den Rest habe ich mir im Laufe des Jahres erarbeitet. Es gibt bei Bach Werke, die man sehr häufig spielt, andere weniger. Für mich war es ein großer Genuss, besonders tief ins Bachsche Orgelwerk einzutauchen.

Sie spielen die Stücke aber nicht auswendig, oder?

Nein, ich bin kein Auswendigspieler, das war ich noch nie. Außerdem ist die Bachorgel der Thomaskirche ja nach historischen Vorbildern konzipiert. Das bedeutet, dass alle Klangfarben, die sogenannten Register, von Hand eingestellt werden müssen. Dazu braucht es zwei Assistenten, die ebenfalls die Noten sehen müssen, um richtig registrieren zu können. Von daher ist Auswendigspiel an der Bachorgel der Thomaskirche keine Option.

Wie entstand die Idee zum Marathon?

Während Corona, als ich in Potsdam Kantor war. Da konnten wir Ostern 2020 keine Menschen in Innenräumen zusammenbringen. Die Friedenskirche, an der ich tätig war, liegt ja direkt im Park Sanssouci, und wir konnten mit offenen Türen den Park beschallen und die Menschen so mit Livemusik erfreuen. Da habe ich auf der Orgel mal alles gespielt, was ich so im Notenschrank liegen hatte. Nach drei Stunden schaute ich auf die Uhr und wunderte mich, dass die Zeit so schnell vergangen ist – da dachte ich, dass man das doch mal mit dem Bachschen Orgelwerk machen müsste. Außerdem feiert unsere Bachorgel 25. Geburtstag. Sie wurde Anfang November 2000 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Marathon war auch ein Geburtstagsgeschenk.

Was wollten Sie bewirken?

Es ging gar nicht um den sportlichen Aspekt oder um irgendjemandem etwas zu beweisen – ich wollte die geniale Orgelmusik Bachs mal in konzentrierter Form unter die Leute bringen und meine Begeisterung dafür mit den Menschen teilen. Da ist diese Form des Marathons, praktisch also ein großes, langes Konzert ein ideales Format.

Und nicht zuletzt: Hatten Sie auch Zuhörer aus Weil beim Orgelmarathon?

Meine Mutter war da. Sie war meines Wissens die einzige aus Weil, die live den kompletten Marathon angehört hat (wie übrigens etwa 50 weitere Personen, die ebenfalls durchgehalten haben – auch eine grandiose Leistung, wie ich finde). Ansonsten weiß ich von vielen Menschen aus Weil und der Region, die den Marathon im Livestream verfolgt haben.

Der Marathon kann in der ARTE-Mediathek unter „Gravity Bach“ nachgehört werden.