Die „Ära Würth“ in Gündenhausen ist (fast) Geschichte. Der positiven Bilanz des Unternehmens steht die Kritik früherer Mitarbeiter an der Chefetage gegenüber.
Ein Mähroboter zieht einsam seine Runden um das ehemalige Würth-Areal in Gündenhausen. Ansonsten rührt sich nicht mehr viel auf dem Betriebsgelände: Wo bis vor einem Jahr noch etwa 300 Mitarbeiter tätig waren, sind nun noch zwei Handvoll Mitarbeiter damit beschäftigt, die letzten Reste der Leiterplatten-Produktion zu tilgen, die hier über Jahrzehnte hinweg beheimatet war; die Geschichte der früheren „PPE“ mitgezählt, die an diesem Standort seit Ende der 1970er Jahre residierte und 2003 von Würth Elektronik (WE) aufgekauft wurde.
Ein Teil der Verwaltung immerhin bleibt (fast) vor Ort und zieht derzeit in neue Räumlichkeiten An der Wiese 5 um.
Perspektiven klaffenweit auseinander
Beim Blick auf die vergangenen Monate klaffen die Perspektive von Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretung weit auseinander, wie Anfragen unserer Zeitung zeigen. Wo etwa das Unternehmen mit Blick auf Rückbau der Produktion und Einzug in das neue Verwaltungsgebäude von „Fortschritt“ und „neuen Möglichkeiten“ spricht, notiert René Glatt, bis zur Auflösung Betriebsratsvorsitzender in Schopfheim, ein eher unkoordinierten Vorgehen bei der Abwicklung des Schopfheimer Standorts.
Vor allem aber zeigt sich Glatt im Namen seiner Kollegen tief enttäuscht vom Verhalten der Unternehmensführung, die es komplett versäumt habe, die vom Jobverlust betroffenen Mitarbeiter zumindest angemessen zu verabschieden, die teilweise seit Jahrzehnten zum Betrieb gehört hatten.
Rückbau dauert länger als geplant
Dass in Sachen Rückbau zumindest nicht alles nach Plan lief, ergibt sich auch aus der Rückmeldung des Unternehmens auf eine Anfrage unserer Zeitung. Ursprünglich war geplant, die Produktion bis Ende September komplett abzuwickeln. Da aber in einigen Fertigungsbereichen noch Maschinen abgebaut und entsorgt werden müssten, sei ein Team von neun Mitarbeitern weiterhin mit dem Rückbau beschäftigt, teilt eine Unternehmenssprecherin mit. Ziel sei es nun, „den Rückbau bis Ende Februar 2026 erfolgreich abzuschließen“.
Mitarbeiter vermissen würdige Verabschiedung
Mehr noch als mögliche organisatorische Versäumnisse indes treibt Ex-Betriebsrat Glatt der Umgang der Verantwortlichen in der Firmenzentrale mit den Betroffenen in Schopfheim um. Bei einer der entscheidenden Betriebsversammlungen etwa sei zwar der zuständige Geschäftsbereichsleiter aus der Hohenlohe nach Schopfheim gekommen – habe sich aber mit keinem einzigen Wort an die Betroffenen gewandt. „Das ist vielen bitter aufgestoßen“, zeigt sich Glatt auch im Namen seiner ehemaligen Kollegen enttäuscht.
„Das war beschämend und unwürdig“
Nach besagter Versammlung habe man vor Ort dann rein gar nichts mehr aus der Chefetage gehört: „Nichts, gar nichts. Das war beschämend und unwürdig“, findet Glatt deutliche Worte – und widerspricht damit entschieden der Darstellung von Unternehmensseite. Dieses berichtet, dass scheidende Mitarbeiter „in einem persönlichen Rahmen für ihr langjähriges Engagement und ihre geleistete Arbeit gewürdigt sowie durch die Geschäfts-, Betriebs- und Abteilungsleitung verabschiedet wurden“.
Einziger „Abschluss“, so schiebt Glatt nach, sei ein Grillfest auf dem verwaisten Betriebsgelände gewesen, das auch in den Schilderungen der Unternehmenssprecherin explizit Erwähnung findet. Tatsächlich sei dieses aber keineswegs offiziell ausgerichtet, sondern von der Belegschaft selbst organisiert worden, sagt Glatt. „Wir haben Würstchen gegrillt, eine Cola getrunken und sind gegangen. Das war’s dann“, beschreibt Glatt das unfeierlicher Ende.
Wie geht es mit den Ex-Mitarbeitern weiter?
Besonders bitter stoße ihm all das vor dem Hintergrund auf, dass Würth in der Öffentlichkeit ein ganz anderes Bild von sich und seiner Unternehmenskultur kultiviere, macht der langjährige Betriebsrat deutlich. „Partnerschaftlich, wertschätzend, vertrauensvoll-familiär? Davon haben wir hier nichts gespürt.“
Immerhin: Mit dem Sozialplan, den der Betriebsrat mit dem Unternehmen ausgehandelt hat, zeigt sich Glatt zufrieden: Eine Abfindung abhängig von der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Zudem die Gründung einer Qualifizierungsgesellschaft für diejenigen, die nicht unmittelbar einen anderen Job finden. In diese Transfergesellschaft gingen zum 1. Oktober rund 200 Mitarbeiter über, teilt das Unternehmen mit; etliche andere hatten bereits zuvor anderswo einen Job gefunden.
Wie geht es mit dem Areal weiter?
Aus Sicht der Stadt ist neben dem Verlust der Arbeitsplätze die Frage nach der künftigen Nutzung des Areals entscheidend. Hierüber aber gibt es offenbar noch keine Klarheit: „Es besteht die grundsätzliche Absicht, die Liegenschaft zu veräußern, die Vermarktung wird vorbereitet“, bestätigt das Unternehmen. Bisher habe es lediglich allgemeine Anfragen gegeben – „konkrete Verkaufsverhandlungen werden noch nicht geführt.“
Unter anderem habe es eine unverbindliche Anfrage aus der Nachbarschaft gegeben, die bislang allerdings „ohne konkrete Interessensbekundung“ blieb.