Annika Dautel und Julian Heinz an der Orgel Foto: Maria Kosowska-Nemeth

Die 135. Stunde der Kirchenmusik verlief in andächtiger Stille. Erst nach den letzten Orgel-Tönen brach in der Altensteiger Stadtkirche der Beifall aus.

Seit mehr als 13 Jahren kümmern sich Susanne und Eberhard Schuler-Meybier um Belange und Gestaltung der Stunde der Kirchenmusik. In dieser Zeit bewiesen sie stets ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Konzert-Besetzungen – und auch die jüngste Veranstaltung „Orgel einmal anders“ lockte viele Zuhörer in die Stadtkirche.

 

Von Barock bis Spätromantik

Auf der Orgelbank saßen zusammen oder abwechselnd zwei junge Musiker: Annika Dautel aus Herrenberg und Julian Heinz aus Stuttgart. Ihre Ausbildung an der Musikhochschule Stuttgart ergänzten sie durch Meisterkurse bei deutschen und ausländischen Orgel-Größen wie Jens Wollenschläger, Thierry Escaich und Ton Koopman. Heinz hat die Kirchenmusiker-Stellung in Köngen inne, Dautel leistet ihr kirchenmusikalisches Praktikum im Bezirkskantorat Nagold bei Eva-Magdalena Ammer ab.

Das Konzertprogramm umfasste Orgelwerke aus der Zeitspanne zwischen deutschem Barock (Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel) und französischer Spätromantik (Maurice Duruflé, Louis Vierne), wobei zwei Barocksonaten für Blockflöte und Orgel für Abwechslung sorgten. Der liturgische Teil oblag Pfarrer Detlev Börries.

Warum „Orgel einmal anders“? Weil Dautel und Heinz einige Kostbarkeiten aus der vierhändigen Orgelliteratur (in Originalfassung oder als Bearbeitung) ins Zentrum ihres Konzerts stellten. Selten hört und sieht man nämlich zwei simultan spielende Organisten. Schon die erste Kostprobe (Händel) gab einen Vorgeschmack auf die Interpretationslinie der beiden 27-Jährigen.

Zurückhaltende Besonnenheit

All ihre gemeinsamen Darbietungen zeugten von zurückhaltenden Besonnenheit bei der Tempogestaltung zugunsten klarer Stimmenführung, und die Auswahl der Klangfarben unterstrich ihre künstlerische Sensibilität. Alle komplexen Vorgänge zwischen drei Manualen, der Pedal-Tastatur und den Registerzügen meisterten sie auch in den improvisierten Choralvorspielen mit professioneller Sicherheit, so dass die Orgel oft in einem doppelten Glanz ertönte.

In den Orgel-Solo-Vorträgen lebten sie ihre individuellen Vorlieben für die musikalische Gestaltung frei aus. Interpretatorische Vielfalt, beachtliche Virtuosität, breite dynamische Palette und glitzernde Farbenspiele verliehen der spätromantischen Musik deutliche impressionistische Züge.

Instrumentales Gegenstück

Als ein instrumentales Gegenstück zu den Orgel-Darbietungen präsentierte Annika Dautel zwei Barocksonaten für Blockflöte und Orgel (Julian Heinz). Sowohl in kontemplativen, als auch in den schnellen Sätzen kam das kontrapunktische Gerüst deutlich zum Vorschein und auch die Spieltechnik ließ nichts zu wünschen übrig. Schade nur, dass aufgrund der Temperaturschwankungen in der Kirche das sonst stilvoll-subtile Klangbild der Flöte in tieferen Tonlagen manche Intonation-Risse aufwies.

Insgesamt besaß das Konzert einen hohen Seltenheitswert und die Besucher bedankten sich bei den Künstlern nach den letzten Orgelklängen mit einer langen Ovation.