Vor 150 Jahren fuhr der erste Zug von Calw nach Pforzheim. Aus diesem Anlass wird am 1. Juni die Calwer Bahnanlage, im Modell, der Öffentlichkeit im Kesselhaus der ehemaligen Deckenfabrik gezeigt.
Am Montag, dem 1. Juni 1874, fuhr der erste Zug von Calw nach Pforzheim. Ein lang ersehnter Wunsch der Bevölkerung sowie der Handwerks- und Industriebetriebe ging damit in Erfüllung, stellte dies doch eine wesentliche Verbesserung der Mobilität und der Handelsbeziehungen dar. Ein Vertrag vom 18. Februar 1865 zwischen den damals eigenständigen Staaten Baden und Württemberg sah den Bau der Bahnstrecken von Pforzheim nach Wildbad und von Pforzheim nach Calw vor.
Die Verbindung von Pforzheim nach Wildbad, die Enztalbahn, wurde am 11. Juni 1868 in Betrieb genommen. Vier Jahre später, am 20. Juni 1872, war die Strecke Zuffenhausen nach Calw, die sogenannte „Württembergische Schwarzwaldbahn“ (zukünftig Hermann-Hesse-Bahn) eröffnet worden. Am 1. Juni 1874 konnte dann der Leiter der Bauarbeiten im Nagoldtal, Oberbaurat und Eisenbahningenieur Carl Julius Abel, die Abschnitte Brötzingen-Calw und von Nagold nach Horb, dem allgemeinen Eisenbahnverkehr übergeben.
Mangel an Arbeitskräften durch den Krieg von 1870/71
Beschwerlich Die Bauarbeiten dieses 26,8 Kilometer langen Streckenabschnitts wurden nicht nur durch die topographische Lage, die Aufschüttungen, die Brückenbauwerke und Tunnel erschwert. Durch den Krieg von 1870/71 mangelte es auch an Arbeitskräften. Rund ein Viertel der Bauarbeiter waren deshalb Ausländer, die in Tirol, Italien, Böhmen und der Schweiz angeworben werden mussten.
Eröffnungsfahrt Für die Feierlichkeiten rund um die Eröffnungsfahrt am 1. Juni wurde ein Bürgerkomitee gebildet um diesem Ereignis einen festlicheren Rahmen zu verschaffen, als es die offiziellen Stellen geplant hatten. Die Schüler bekamen schulfrei und an den Zufahrtsstraßen zum Bahnhof wehten die Fahnen in den württembergischen, badischen und deutschen Farben.
Gegen 10 Uhr fuhr der zur Begrüßung der Stadt Pforzheim eingesetzte Extrazug in Calw ab. In Unterreichenbach passierte er die damalige Landesgrenze. Mit Gästen aus Pforzheim kehrte er nach Calw zurück, wo diese von den Bürgern und Mitgliedern des städtischen „Collegiums“, an der Spitze Ratsschreiber Hermann Haffner, willkommen geheißen wurden. Im Thudium (Badischer Hof) fand zu Ehren der Gäste ein Festmahl statt.
Landtag in Schwarzwaldbahn unterwegs
Die Honoratioren des Landes kamen jedoch erst am 10. Juni ins Nagoldtal. Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten hatte die Landtagsmitglieder zur Befahrung der „Schwarzwaldbahn“ eingeladen. Unter den mehr als 100 Gästen befand sich auch der für das Eisenbahnwesen zuständige Minister, Freiherr von Mittnacht.
Nagoldbahn Die Königlich Württembergische Staats-Eisenbahnen bezeichnete ihre Hauptstrecken nach Flüssen, Regionen oder Relationen. In der Zeit der Monarchie lautete die Bahn im Nagoldtal nur „Nagoldbahn“. Die Anfügung “-tal“ kam erst in der Zeit der Deutschen Reichsbahn (in den Jahren zwischen 1920 und 1945) und der Deutschen Bundesbahn (seit 1994). Ende 2005 wurde die Strecke von dem Betrieb DBZugBus RAB bedient und bezeichnete die Verbindung als „Kulturbahn“.
In einem erstmals 1875 erschienenen Reiseführer des Althengstetters Pfarrers Hochstetter, wird die Streckenlänge der Nagoldbahn mit 70 Kilometer und der Dauer der Fahrt von Pforzheim nach Horb und „gewöhnlichen Zug“, mit zwei Stunden und 35 Minuten angegeben.
Ausstellung Zurück ins Jahr 2024: Die Ausstellung am 1. Juni dieses Jahres, im Kesselhaus der ehemaligen Deckenfabrik Calw, erinnert an das Jubiläumsjahr.
Bahnanlage Calw Ein kleiner, aber nicht unwesentlicher Teil der Nagoldtalbahn, sind die heute nicht mehr existenten Bahnanlagen Calw. Im Modell ist das Ausstellungsstück im Zustand der 1970er Jahre gestaltet. Seinerzeit war Calw noch Lokstation mit einem Bahnbetriebswerk und einer Drehscheibe. Zum Jubiläum werden Lokomotiven und Fahrzeuge der Nagoldtalbahn verschiedener Zeitepochen auf den Schienen stehen.
Aber auch neueste Fahrzeugtechnik, zum Beispiel ein voll funktionsfähiges Schotteraufbereitungsfahrzeug, wie es demnächst an der Hermann-Hesse-Bahn zum Einsatz kommt, wird gezeigt. Die ehemaligen Bahnanlagen Althengstett, Bilder und Filme von Dampfzugfahrten am alten Calwer Bahnhof und eine Modelllandschaft mit verschiedenen Motiven ergänzen die Ausstellung.
König Wilhelm II. von Württemberg kommt 1904 zu Besuch
Königlich Am 30. Mai 1904, 30 Jahre nach Eröffnung des Bahnabschnitts Calw-Pforzheim, und aus Anlass der 300-Jahr-Feier der Zugehörigkeit Liebenzells zu Württemberg, besuchte König Wilhelm II. von Württemberg, mit dem königlichen Hofzug samt Salonwagen Calw und anschließend Bad Liebenzell.
1603 hatte Markgraf Ernst Friedrich von Baden-Durlach Stadt und Amt Liebenzell an Herzog Friedrich von Württemberg verkauft. Seitdem war Liebenzell Bestandteil des Herzogtums Württemberg. In einem frei nachempfundenen Diorama hat Helmut Hackstein vom Verein WSB (Württembergische Schwarzwaldbahn) die Ankunft des Königs am Calwer Bahnhof nachgestellt. Das Schaustück ist auch Gegenstand der Ausstellung.
Geöffnet ist die Schau am Samstag, 1. Juni, von 13 bis 17 Uhr. Kinder können sich als Lokführer betätigen. Der Eintritt ist frei.