Jüngst verurteilte das Landgericht Rottweil einen Lehrer, den die Staatsanwaltschaft Rottweil wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagt hatte. Foto: Otto

Mehr als 27 000 neue Ermittlungsverfahren hat die Staatsanwaltschaft Rottweil 2024 bearbeitet. Jetzt zieht sie Bilanz und verrät, welche Fallzahlen stark angestiegen sind, wie sich die Cannabis-Teil-Legalisierung auswirkt – und welche die ganz großen Fälle waren.

Die Teillegalisierung des Cannabis-Konsums zeigt erste Wirkungen: Die Anzahl der Drogendelikte im Zuständigkeitsgebiet der Staatsanwaltschaft Rottweil hat sich auf 561 Verfahren nahezu halbiert. Zweifel an der Qualität des Gesetzes ließ die Leitende Oberstaatsanwältin Sabine Mayländer beim Pressegespräch zur Jahresbilanz dennoch durchblicken.

 

Denn erstmal bedeutete die Teillegalisierung eine Menge Zusatzarbeit. Rund 700 verhängte, aber noch nicht vollstreckte Strafen mussten darauf überprüft werden, ob die Tat, die dem Urteil zugrunde liegt, auch nach der Gesetzesänderung noch strafbar wäre.

Wirksamkeit fraglich

Außerdem sei die Anzahl der schweren Verstößen mit Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr – dazu zählen Handeltreiben in nicht geringer Menge oder unter Einsatz von Waffen – mit 69 Verfahren 2024 quasi unverändert geblieben. Die Auswirkungen der Teillegalisierung auf das Thema Bandenkriminalität seien also zumindest fraglich, wurde beim Pressegespräch deutlich.

Frank Grundke (von links), Sabine Mayländer und Markus Wagner ziehen Bilanz. Foto: Cools

Was bei den Delikten des vergangenen Jahres besonders auffällt, ist der enorme Anstieg – um rund 20 Prozent – bei der Verbreitung von kinder- und jugendpornografischen Schriften auf 438 Fälle.

Sexualdelikte nehmen zu

Ein besonders schwerer Fall: Erst kürzlich wurde ein 43-Jähriger aus dem Kreis Freudenstadt wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern – er hatte sich am Sohn einer Arbeitskollegin vergangen –, Herstellens kinderpornografischer Inhalte und weiterer Straftaten zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten verurteilt. Der Mann hatte unter anderem Aufnahmen in einem Freibad im Kreis Rottweil angefertigt.

Was bei der Bilanz ebenfalls auffällt: Mit 277 Sexualdelikten gab es 2024 rund 20 mehr als im Vorjahr.

Fast genau so groß wie bei den kinder- und jugendpornografischen Schriften ist der Anstieg bei den Verkehrsdelikten (19 Prozent). 2933 Verfahren dieser Art gab es 2024 zu bearbeiten.

Mord und Totschlag

Ebenfalls angestiegen ist die Anzahl der Fälle von Mord und Totschlag. 17 haben die Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr beschäftigt. Im Jahr zuvor waren es 15.

Zu den einprägsamsten Verfahren zählte der versuchte Mord eines Angestellten an seinem Chef im November 2023 in der Rottweiler Hohlengrabengasse. Das Urteil – eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten – ist noch nicht rechtskräftig. Der Verteidiger habe Revision eingelegt, hieß es beim Pressegespräch.

Auch bei den Körperverletzungsdelikten war 2024 ein Anstieg zu verzeichnen: um 16 Prozent auf 1557 Verfahren.

Diebstahl-Fallzahlen steigen an

Bei den Diebstählen stiegen die Fallzahlen um zwölf Prozent auf 1773 Verfahren an. Vergangenes Jahr sorgte ein Ermittlungsverfahren gegen eine Gruppe, die im gesamten Bundesgebiet Metall gestohlen hatte, für Aufsehen. Wegen 20 begangener Taten wurden die vier Angeklagten schließlich zu Freiheitsstrafen zwischen drei und sechs Jahren verurteilt. Sie hatten Schaden in Höhe von insgesamt 1,8 Millionen Euro verursacht.

Zwei Drittel der Verfahren werden eingestellt

Bei insgesamt 27 173 neuen Ermittlungsverfahren im Jahr 2024 (Vorjahr: 27 710) waren rund 16 000 Verfahren gegen bekannte Täter, rund 10 000 gegen unbekannte und mehr als 1000 Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten. Bei Letzterem wichtig zu wissen: Bei der Staatsanwaltschaft landen Ordnungswidrigkeiten nur, wenn beispielsweise Widerspruch gegen den Bußgeldbescheid eingelegt wurde.

Etwa ein Drittel der Verfahren 2024 landete vor Gericht, der Rest wurde eingestellt. Mayländer erklärte dazu: 46 Prozent der Verfahren wurden aufgrund von Verjährung eingestellt, oder weil die Tat nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte. In manchen Fällen sei das Vergehen aber auch so gering, dass man das Verfahren gegen eine Geldauflage einstelle.

Vielfach würden außerdem Dinge angezeigt, die keine Straftat seien, erklärte Mayländer dazu. Etwa, wenn die auf Ebay gekaufte Jacke einen Fleck habe und der Käufer sich angesichts der Zustandsbeschreibung „sehr gut“ betrogen fühle. „So etwas ist natürlich klar eine zivilrechtliche Sache“, so Mayländer.

Rund 2400 Verfahren offen

Die Anzahl der offenen Verfahren lag Ende 2024 bei 2365 (Vorjahr: 2451 Verfahren). Die durchschnittliche Bearbeitungszeit verringerte sich um zwei Tage auf 54 Tage – womit man im Durchschnitt liege.

Gestiegen ist die Anzahl der anhängigen Altverfahren. Lag diese zum Jahresende 2023 noch bei 110, waren es Ende 2024 schon 133. Das liege unter anderem an der zeitintensiven Auswertung von Daten, etwa wenn es um Fälle von Kinder- und Jugendpornografie geht.

2616 Stunden und damit fast 300 Stunden mehr als 2023 verbrachte die Staatsanwaltschaft im Jahr 2024 mit Sitzungen bei Amts- und Landgerichten.

3,4 Millionen Euro eingenommen

Die Staatsanwaltschaft fungiert auch als Vollstreckungsbehörde, erklärte Mayländer. 2024 stieg die Anzahl der neu eingeleiteten Vollstreckungsverfahren auf 3563 (2023: 3177). 236 Mal wurde eine Freiheitsstrafe verhängt – davon in 56 Fällen ohne Bewährung. 2023 waren es noch 197 Freiheitsstrafen.

Durch die Vollstreckung von Geldstrafen und -bußen habe man im vergangenen Jahr rund 3,4 Millionen Euro für den Justizhaushalt des Landes eingenommen. Rund 171 000 Euro (Geldauflagen) gingen an gemeinnützige Einrichtungen oder an die Staatskasse.

Wer nicht in der Lage ist, seine Geldstrafe zu bezahlen, kann gemeinnützige Arbeit ableisten oder eine Ratenzahlung vereinbaren. Auch wenn diese Möglichkeiten für die Staatsanwaltschaft großen Aufwand bedeuten: Auf diese Weise habe man insgesamt 1589 Hafttage eingespart, erklärte Mayländer.

Dieses Jahr steht für die Staatsanwaltschaft übrigens noch eine große Umstellung an: die Einführung der E-Strafakte. Bei Ordnungswidrigkeiten ist diese bereits seit geraumer Zeit im Einsatz.

Info

Die Staatsanwaltschaft Rottweil
ist eine von 19 Staatsanwaltschaften in Baden-Württemberg und für die Landkreise Freudenstadt, Rottweil und Tuttlingen zuständig. Von 55 Mitarbeitern sind 23 Staatsanwälte, einer Oberamtsanwalt. Hauptaufgabe der Staatsanwaltschaft ist die Aufklärung und Verfolgung von Straftaten. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vollstreckung der von den Strafgerichten verhängten Strafen und Maßregeln. So sorgt sie dafür, dass Geldstrafen und Verfahrenskosten bezahlt und Freiheitsstrafen vollstreckt werden.