Ein innovatives Konzept der Stromgewinnung wollen die Brandenburger Firma EnerKíte und die Wacker Chemie AG im Gewann „Lange Hirsch“ bei Owingen projektieren.
Per Videokonferenz war Nicole Allgaier, Projektingenieurin und Leiterin des Operativen Geschäftes in der Firma EnerKíte aus Eberswalde am Montag in die Sitzung des Owinger Ortschaftsrates zugeschaltet. Das Start-up gibt es seit zwölf Jahren, es hat 25 Mitarbeiter. Sie erklärte das Projekt, das man gemeinsam mit dem Salzbergwerk auf die Beine stellen möchte und beantwortete Fragen.
Bis eine Flugwindkraft-Anlage zwischen Owingen und Stetten tatsächlich in den Himmel steigt, dürfte aber noch etwas Zeit vergehen. Bis Ende 2026 sollen die Planungen und Genehmigungsverfahren (es bedarf zum Beispiel einer Genehmigung zur Nutzung des Luftraumes) abgeschlossen sein, so dass das einem großdimensionierten Bumerang nicht unähnliche Gerät 2027 in Betrieb genommen werden könnte, das ist zumindest das Ziel von EnerKíte.
Freilich auch dann erst noch um Erfahrungen und Daten zu sammeln, an eine richtige kommerzielle Nutzung eines solchen Systems zur Stromgewinnung denkt EnerKíte erst ab 2028.
Die Fluganlage besteht nur aus wenigen Komponenten
Aber wie funktioniert eine Flugwindkraftanlage überhaupt? Auch das erklärte Nicole Allgaier. Im Prinzip besteht die Anlage aus drei Komponenten, dem Kite, einem dreileinigen Seilsystem (eine Hauptleine, zwei Steuerleinen aus Kunstfaser) und einer Bodenstation mit Generator, Leistungselektronik, Netzanschluss, Pufferspeicher und Steuerungssoftware.
Der vollautomatisch gesteuerte Flügel (vergleichbar mit einem Lenkdrachen) nimmt zunächst eine Warteposition in der Luft über der Bodenstation ein, dann beginnt er in präzisen Achten quer zum Wind auf eine Höhe bis zu maximal 300 Metern zu steigen. Dabei erzeugt er Zugkräfte am Seil, was wiederum den Stromgenerator antreibt. Nach dieser „Erntephase“ wird der Flügel in der „Rückholphase“ mit minimalen Energieeinsatz zurückgeführt und das Spiel kann von Neuem beginnen.
System funktioniert mit geringem Materialeinsatz
Dieses System bietet laut der Enerkíte-Ingenieurin einige Vorteile. Weil weder Fundamente, Türme oder Rotorblätter gebraucht werden, ist der Materialeinsatz um 90 Prozent geringer als bei klassischen Windrädern. Auch die Schallemissionen oder der visuelle Einfluss, so Allgaier, seien minimal. Mehr als 25 Meter Baufläche würden nicht benötigt, eine Leitung ins Salzbergwerk werde im Boden verlegt. Ein weiterer Vorteil: kontinuierliche Energieeinspeisung dank Pufferspeicher.
Nicole Allgaier geht von realistischen Zahlen aus
Wer zu diesem Zeitpunkt vielleicht den Gedanken hegte: das ist aber ein nettes Spielzeug, den belehrte Nicole Allgaier eines Besseren. „Ich würde hier nicht sitzen, wenn die Wirtschaftlichkeit nicht gegeben wäre“, begegnete sie Vorbehalten dieser Art.
Von den 8760 Stunden eines Jahres, soll der Enerkíte an 8000 fliegen, also praktisch rund um die Uhr. Weil der Flügel nahezu nonstop im Einsatz ist, rechnet sie mit einer Energiegewinnung von 400 bis 500 Megawattstunden pro Jahr. Zum Vergleich: eine kleines Windrad schafft 100 Megawatt. In diesen Zahlen hat sie die hier herrschenden Windverhältnisse übrigens berücksichtigt. Allgaier: „Unsere Berechnung basiert auf den Windgeschwindigkeiten vor Ort.“
Für Bürger soll es eine Infoveranstaltung geben
Dem Regierungspräsidium Tübingen wurde das Projekt bereits vorgestellt. Der Abstand zur nächsten Wohnbebauung soll 800 Meter betragen. Als nächste Schritte auf dem Weg zur Realisierung des Projekts sollen nun eine genaue Standortsuche und eine Informationsveranstaltung stattfinden. Allgaier ist die Skepsis vor Windkraft in der hiesigen Region durchaus bewusst, deshalb will sie die Bürger ins Boot holen. Dann dürfte sich zeigen, wie diese auf ein solches im Zollernalbkreis noch nicht dagewesenes Projekt reagieren.
Wie der Ortschaftsrat die Sache sieht, blieb am Montag offen. Einzelne Ratsmitglieder stellten zwar noch Fragen (Gibt es Gefahren für Spaziergänger? Fällt der Flügel bei Windflaute vom Himmel?) aber eine konkrete Stellungnahme zu diesem Projekt soll laut Ortsvorsteher Karl-Heinz Binder erst der nächsten Sitzungen erfolgen.