Luqman Ibish arbeitet mit fünf weiteren Mitarbeitern im Team des Secondhand-Kaufhaus „Möbel und Mehr“. Foto: Verena Slama

Wenn das Geld knapp wird: Das steckt hinter der Idee des Secondhand-Kaufhauses der Erlacher Höhe in Calw und darum wächst der Andrang bei „Möbel und Mehr“.

Beim Öffnen der Tür zum Kaufhaus „Möbel und Mehr“ schweift der Blick durch einen großen Raum, der fast etwas Mystisches hat. Schon beim Eintreten springt ein Gemälde ins Auge: Ein Mann mit goldverzierter Krone, strenger Blick, auf einer hölzernen Staffelei direkt gegenüber des Eingangs platziert.

 

Daneben reihen sich Porzellan, Geschirr und Möbelstücke – dicht an dicht, fast wie in einer Schatzkammer. Zwischen Vitrinen, Kommoden und Kleiderständern möchte der Kunde erfassen, was dieser Laden alles bietet.

Andreas Reichstein, Abteilungsleiter der Erlacher Höhe, erzählt vom Konzept hinter dem Kaufhaus.

Mehr als nur Möbelverkauf

„Der Laden ist ein kleines Kaufhaus, deswegen haben wir es ‚Möbel und Mehr‘ genannt“, erklärt Reichstein. Das Sortiment reicht von Möbeln über Kleidung und Schuhe bis hin zu Haushaltswaren und Geschirr.

Beim Rundgang wird schnell klar: Der Name ist Programm. „Ein paar Dinge sortieren wir aus, aber das meiste der Spenden können wir dann hier wieder anbieten.“ Jeder kann hier einkaufen, betont Reichstein. „Man kriegt hier beispielsweise ein Glas für 50 Cent – also wirklich ganz moderate Preise.“ Auch Kleidung werde zu einem sehr geringen Preis angeboten.

Nachhaltigkeit wird bewusst gelebt

Doch hinter dem Angebot steckt mehr als nur Verkauf. „Wir möchten nicht die Wegwerfgesellschaft unterstützen“, sagt Reichstein. „Gute Sachen, die noch in Ordnung sind, sollen wieder anderen Menschen zugute kommen.“ Der Nachhaltigkeitsgedanke ist zentral. Genauso wie der soziale Aspekt.

Chance für Menschen

„Wir wollen Menschen eine Beschäftigungsmöglichkeit geben“, betont Reichstein. In Zusammenarbeit mit dem Jobcenter finden hier arbeitslose oder wohnungslose Menschen eine Aufgabe.

Ein Beispiel freut Reichstein besonders: „Ein syrischer Mitarbeiter arbeitet hier vier Tage die Woche und besucht zusätzlich einen Sprachkurs.“

Und auch langfristige Erfolge zeigen, dass das Konzept funktioniert: „Ein ukrainischer Mitarbeiter hat hier Deutsch gelernt – heute leitet er eine Deichmann-Filiale in Stuttgart.“ Das sei genau die Brücke, die man mit der Erlacher Höhe anbieten wolle: „Wir geben eine Chance, wir unterstützen ihn und er hat die Chance ergriffen und wirklich richtig gut Deutsch gelernt.“

So entstand die Erlacher Höhe

Die Erlacher Höhe Calw-Nagold wurde 1985 aus der Wohnungsnotfallhilfe gegründet. Ziel war es von Anfang an, Menschen durch Arbeit im Gebrauchtwarenladen eine Tagesstruktur zu geben. Seit 2009 befindet sich das Sozialkaufhaus im alten Bahnhof. Heute ist „Möbel und mehr“ auf rund 600 Quadratmetern „ein kleines Kaufhaus geworden“, sagt Abteilungsleiter Andreas Reichstein.

Das Handy klingelt. Reichstein geht ran. Währenddessen wandert der Blick durch den Raum: Kleidung und Möbel sind durch Stangen und Regale getrennt, zwei Kleiderpuppen präsentieren Secondhand-Kleidung. Alles wirkt sorgfältig arrangiert und doch ungezwungen.

Kritischer Blick auf Fast-Fashion

Gerade im Bereich Kleidung beobachtet Reichstein eine problematische Entwicklung: „Fast-Fashion nimmt immer mehr zu, Kleidung wird billig produziert und schnell weggeworfen.“

Im Secondhand-Kaufhaus setzt man bewusst einen Gegenpol: Ein Großteil der Waren stammt aus Spenden oder Haushaltsauflösungen. Wie viele Tonnen jährlich durchlaufen, darüber führt das Kaufhaus keine Statistik. „Für die Kunden hat das den Vorteil, dass sie die Entsorgung nicht selbst bezahlen müssen“, erklärt Reichstein. Wichtig sei immer der Zustand der Möbel.

Team besteht aus sechs Teilzeitkräften

Seit 2022, zu Beginn des Ukrainekriegs, habe sich die Situation deutlich verändert. „Die Nachfrage ist gewachsen“, sagt Reichstein. Konkrete Zahlen kann er nicht nennen. Steigende Lebenshaltungskosten führten dazu, dass mehr Menschen günstige Einkaufsmöglichkeiten suchen. Der Trend hält an.

Das Team besteht aus sechs Teilzeitkräften, erzählt Reichstein.

Für Reichstein zählt vor allem das Miteinander: „Wir arbeiten hier integrativ. Jeder bringt etwas mit, und man lernt voneinander.“

Zum Abschluss bringt Reichstein seine Botschaft auf den Punkt: „Sie können bei uns günstig einkaufen und gleichzeitig den Recyclinggedanken unterstützen.“ Und nicht nur das: „Gute Sachen kann man auch jederzeit abgeben.“