Marie-Hélène Lantreibecq ist gewissermaßen angekommen: Die Französin kehrte an den Ort ihrer Geburt zurück. Im Rahmen einer Veranstaltung bei der Geschichtswoche beeindruckte sie die Teilnehmer mit ihrer Lebensgeschichte, ihrem Elan und ihrem Humor. Immer an ihrer Seite: ihr Sohn Pascal. Foto: Daniela Schneider

Marie-Hélène Lantreibecq besuchte endlich ihren Geburtsort Schwenningen – und meisterte den Gefühlsmarathon auf bewundernswerte Weise.

Eine Tochter der Stadt kehrte jetzt zurück – und dabei wusste sie den Großteil ihres Lebens gar nicht, dass Schwenningen ihr Geburtsort war. Die heute 81-jährige Französin Marie-Hélène Lantreibecq setzt Stück für Stück die Puzzleteile ihrer Herkunft zusammen. Und das tat sie nun also auch in VS.

 

Hier wurde sie im Februar 1945 wahrscheinlich in einer Außenstelle des Krankenhauses geboren. Ihre Mutter Gabrielle Chassaing war eine französische Fremdarbeiterin. Nach der Geburt trennten sich die Wege der beiden allerdings. Das Baby Marie-Hélène, das damals noch Sigrid hieß, kam auf Umwegen über ein Kinderheim nach Frankreich, wo das kleine Mädchen von französischen Adoptiveltern aufgenommen wurde.

Erst als Erwachsene erfuhr sie all dies. Wie es dazu kam, was sie seither heraus- und wen sie wiederfand – über all das berichtete die zierliche Frau mit dem stets freundlichen Lächeln in einem bewegenden Gespräch im Rahmen der Geschichtswoche in Schwenningen.

Von unwahrscheinlicher Offenheit

Sie kam mit ihrem Sohn Pascal nach Schwenningen, der sie über viele Jahre hinweg schon bei ihrer Suche begleitet. Beide antworteten in einer Gesprächsrunde den mit Bedacht und Feingefühl nachfragenden Florian Kemmelmeier und Jutta Arendt – er Schwenninger Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projekts zur NS-Zwangsarbeit in Villingen-Schwenningen und sie Vertreterin des Schwenninger Heimat- und Geschichtsvereins.

Unwahrscheinlich offen und vertrauensvoll sprachen Mutter und Sohn über ihre Spurensuche, die in den 1990ern „aus Neugierde“ ernsthaft begann und bis heute andauert.

Vor dem Gasthaus „Zum Hecht“ in Schwenningen: Hier, in der Arndtstraße 24, befand sich ehemals die Fabrik Emil Speck, in der Marie-Hélène Lantreibecqs Mutter arbeitete. Foto: Florian Kemmelmeier

Der Kontakt zu Florian Kemmelmeier und der hiesigen Initiative kam unter anderem über die Berichterstattung in der Neckarquelle und im Schwarzwälder Boten zustande. Über das Internet war Pascal Lantreibecq hier auf einen Artikel über den Bombenangriff anno 1945 gestoßen, in eben jenem Jahr und Monat, in dem Marie-Hélène just in Schwenningen geboren wurde. Und letztlich wurden die Bande so eng, dass nun der erstmalige Besuch in Schwenningen im Rahmen der diesjährigen Geschichtswoche vonstatten gehen konnte.

Zunächst ein Spaziergang

Florian Kemmelmeier, Jutta Arendt und später auch Studierende der Hochschule Furtwangen University suchten nun zunächst mit Mutter und Sohn jene Orte in Schwenningen auf, die mit deren Biografie zusammenhängen. Ein Spaziergang führte sie unter anderem zur Kronenstraße 42, wo ehemals das Hotel „Adler“ stand; hier war der erste Unterkunftsort von Gabrielle Chassaing in Schwenningen. Auch die Arndtstraße 24 wurde aufgesucht, wo einst die Fabrik Emil Speck stand, in der Madame Chassaing zum Dienst verpflichtet war.

In der ehemaligen Facondreherei A.Gula standen einige Maschinen von Emil Speck. Hier traf sich Marie-Hélène Lantreibecq mit Kurt Ziegler, Jahrgang 1933, der ihr unter anderem auch von den Luftangriffen 1945 berichtete. Foto: Florian Kemmelmeier

Und in der Pestalozzistraße 36 war früher die Facondreherei A.Gula untergebracht, in der einige Maschinen von Emil Speck standen. Auch am Portal des ehemaligen Krankenhauses beim heutigen Bürgerheim wurde Station gemacht, ebenso wie am Standort der ehemaligen „Ausländerbaracke“ in der Nähe des Bahndamms.

Die Geburt in der Baracke

Im Schwenninger Krankenhaus an der Mauthestraße wurden die Ausländer in der Regel nicht behandelt. Sie sollten sich nicht mit der deutschen Bevölkerung mischen. Deshalb wurde eine Ausländerbaracke als Anbau an der Bahnlinie in der Nähe des heutigen Eisstadions angefügt. Hier kam wahrscheinlich auch Marie-Hélène Lantreibecq zur Welt.

An ihrem Geburtstag waren 39 ausländische Personen im Krankenhaus registriert und außer ihr wurden noch zwei weitere Kinder geboren, ein italienisches und ein lettisches. Sie selbst quittierte diese Information bei ihrem Besuch mit einem lächelnden: „Oh, da bin ich nicht ganz allein.“

Eindrücke und viele Details

Von all den Eindrücken berichteten Marie-Hélène Lantreibecq und ihr Sohn abends dann bei der Veranstaltung der Geschichtswoche. Hier erfuhren die Zuhörenden zudem viele bewegende Details der Spurensuche: von Hürden wie falsch notierten Namen, von einem DNA-Test, der wichtige Informationen lieferte und Begegnungen ermöglichte. Von der nach wie vor offenen Frage, warum ihre Mutter von ihr getrennt wurde, warum sie selbst in ein Kinderheim kam und die Mutter in ein Lager für Displaced Persons in Kassel, und ob die Mutter, die 1946 nach Frankreich zurückkehrte, nach ihr gesucht hat. Von der weiter andauernden Suche nach dem Vater, womöglich ein Deutscher. Von der gerade erst geglückten Begegnung mit ihrem leiblichen, 79-jährigen Bruder Andy in der Normandie („Es war wirklich ein großes Glück und ein ganz wichtiges Erlebnis“), den die Mutter allein in Frankreich großgezogen hatte. Von der Tatsache, dass es noch einen älteren Bruder gibt, und dass keines der drei Kinder von den jeweils anderen wusste. Von dem seltsamen Gefühl, Deutschland nahe zu sein, und der Angewohnheit, schon immer jeden Samstag einen deutschen Radiosender zu hören – obwohl sie kein Wort Deutsch spricht.

Freiwillig oder nicht?

Fest steht: Die Mutter von Marie-Hélène Lantreibecq kam 1944 im Oktober nach Stationen in Bremen und Berlin nach Schwenningen und arbeitete in der Fabrik Emil Speck, zunächst wohl freiwillig, was „absolut untypisch“ war, wie Florian Kemmelmeier betont. Und ob sie hier tatsächlich freiwillig arbeitete, sei keineswegs gesichert. Der Vermerk „dienstverpflichtet“ in einem der Dokumente deute vielmehr auf das Gegenteil hin.

Die Mutter von Marie-Hélène Lantreibecq, eine gelernte Krankenschwester, auf einer Aufnahme aus den Akten. Als ihre Tochter diese Fotografien vor etwa einem Jahr erstmals in die Hände bekam, war sie sehr glücklich, sagt sie selbst: „Das war wunderbar“. Das Wichtigste, betont sie, sei: „Dass ich weiß, dass ich eine Mutter habe und wer sie war. Alles andere spielt keine Rolle. Sie wird ihre Gründe gehabt haben.“ Foto: Florian Kemmelmeier

„Es hat alles sehr lange gedauert. Man muss ein bisschen Geduld haben, aber am Ende kommt alles zur Vollendung“, bilanzierte Marie-Hélène Lantreibecq, und die Zuhörenden an diesem Geschichtswochenabend konnten nur staunend zustimmen.

Ein Schwenninger Schwan für Marie-Hélène Lantreibecq: Hans Martin Weber vom Schwenninger Heimatverein überreichte ihr diesen Wappenteller als bleibende Erinnerung an ihren Besuch in ihrer Geburtsstadt. Auch Florian Kemmelmeier und Jutta Arendt, die den Abend moderiert hatten, freuten sich mit. Foto: Daniela Schneider

Sie und ihr Sohn berichteten abschließend: Ihr Ziel sei es, künftig andere bei ihren Recherchen zu unterstützen. Gerade in Frankreich beginne erst jetzt eine Vergangenheitsaufarbeitung, und hier sei entsprechende Erfahrung womöglich hilfreich.

Franzosen in Schwenningen während des Kriegs

Florian Kemmelmeier konnte viele interessante Hintergrundinformationen zur Situation der Ausländerinnen und Ausländer in Schwenningen in den Jahren 1939 bis 1945 beisteuern. Rund 3400 Namen sind bislang bekannt. Etwa 676 der Personen waren französischer Herkunft. Bei der Firma Emil Speck waren elf von ihnen beschäftigt, insgesamt waren es dort rund 90 Personen. Unternehmer Speck selbst war stellvertretender Ortsgruppenführer der NSADP.