Die Eltern im Land haben hohe Erwartungen an die bevorstehenden Schulreformen. Worauf es 2024 ankommt, erklärt Sebastian Kölsch, Chef des Landeselternbeirats.
Die Eltern in Baden-Württemberg haben für 2024 hohe Erwartungen an die Schulpolitik. Im Interview erläutert Sebastian Kölsch, Chef des Landeselternbeirats, worauf es jetzt ankommt.
Herr Kölsch, was ist aus Elternsicht wichtiger: eine bessere Sprachförderung in Kitas und Grundschulen oder die rasche Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums?
Da gibt es kein wichtiger oder unwichtiger. Beides muss gemacht werden, weil beides für die Kinder wichtig ist und vielen Eltern unter den Nägeln brennt.
Politik muss mit dem Geld auskommen, das zur Verfügung steht.
Aber das Kuchenstück für die Bildung hat keine fixe Größe. Wenn nötig, muss mehr Geld zur Verfügung gestellt werden. So wie wir bei Bildungsvergleichen gerne nach Bayern schielen, sollte man es auch bei den Bildungsausgaben machen: Und Bayern liegt vor Baden-Württemberg.
Die Landesregierung priorisiert die Sprachförderung an Kitas und Grundschulen, weil das die größten Fortschritte verspricht, damit die Schüler wieder besser lesen, schreiben, rechnen lernen. Tragen Sie das mit?
Absolut. Wenn man priorisieren müsste, was wir allerdings nicht annehmen, dann räumt der Landeselternbeirat den Grundschulen Vorrang ein. Sobald es ihnen und ihren Schülern besser geht, werden auch die Probleme in jeder weiterführenden Schulart kleiner. Investitionen in Grundschulen helfen allen.
Das Tempo und die Details bei der Wende zu G9 sind noch offen. Die Landesregierung hat zuletzt immer wieder gesagt, erst müsse man prüfen, ob das nötige Personal zur Verfügung stehe. Ist dieses Argument stichhaltig?
Das einzige Modell, für das es eine Lehrkräftekalkulation gibt, ist das Modell des Volksantrags, das viel Personal braucht. Es gibt aber noch viele andere Möglichkeiten, wie man zum neunjährigen Gymnasium zurückkommen kann. Der Landeselternbeirat schlägt ähnlich wie das Bürgerforum vor, in der fünften Klasse anzufangen und das G9 stufenweise aufzubauen. Dann haben wir viele Jahre, in denen es keinen Mehrbedarf an Lehrkräften gibt, weil bei einer längeren Schulzeit die Mittelstufe entlastet werden kann. Das wurde noch nicht durchgerechnet. Für eine seriöse Prüfung muss da im neuen Jahr bald Butter bei die Fische kommen.
Gibt es beim Volksantrag Elemente, die aus Ihrer Sicht verzichtbar sind?
Der Landeselternbeirat hat in seiner Sitzung vor Weihnachten den Volksantrag als Initialzündung für das G9 gewertet, aber auch andere Vorstellungen entwickelt. Dass auf einen Schlag die Klassen fünf bis zehn ins G9 wechseln sollen, halten wir nicht für notwendig. Außerdem würde es zu viel Unruhe ins System bringen. Auch die Schnellläuferzüge sind aus unserer Sicht nicht nur gewinnbringend. Weil niemand weiß, wie viel Interesse es daran gibt, ist zu befürchten, dass dann ganze G8-Gymnasien oder G8-Züge mangels Nachfrage dauerhaft auf der Kippe stehen. Es ist sinnvoller zu sagen, G9 heißt G9 und gilt für alle.
Wie wollen Sie bei Gesprächen über die Weiterentwicklung des Gymnasiums und eventuelle weitere Umstrukturierungen eingebunden sein?
Wichtig ist, dass man jetzt nicht alle grundsätzlich wünschenswerten Reformerwägungen mit der G9-Frage koppelt. Man kann sehr wohl bald festlegen, etwa im Schuljahr 2025/26 in der fünften Klasse mit G9 anzufangen. Erst ab Klasse 7 kämen für diese Schüler G9-spezifische Änderungen zum Tragen. Bis zum Schuljahr 2027/28 ist genug Zeit, um alle notwendigen Weichenstellungen sorgfältig zu erarbeiten.
Sobald G9 in der fünften Klasse startet, werden Schüler und Eltern häufiger das Gymnasium wählen. Das kann vor allem die Realschulen schwächen. Das muss die Politik doch vom Start weg mitbedenken.
Natürlich, deshalb schlägt der Landeselternbeirat vor, sich zügig auf eine Reform der Grundschulempfehlung zu verständigen. Wenn man im übernächsten Schuljahr mit G9 starten will, ist dafür noch ein Jahr Zeit. Die aktuelle Grundschulempfehlung ist nicht das Gelbe vom Ei: Es gibt zu viele Fehlentscheidungen in Elternhäusern und zu viele Fehlempfehlungen von Lehrkräften. Schulwechsel zeigen, dass viele Schüler vor allem in den Klassenstufen acht und neun vom Gymnasium in die Realschule wechseln. Nicht alle diese Wechsler hatten von Anfang an eine Realschulempfehlung.
Was schlagen Sie vor?
Wir können uns zum Beispiel eine Anhebung des Notenschnitts – in Thüringen und Sachsen etwa gilt 2,0 statt 2,5 wie bei uns – und einen zusätzlichen Test an der weiterführenden Schule vorstellen, wenn man sein Kind gegen die Empfehlung dort anmeldet. Dieser Test wäre allerdings nicht so verbindlich wie in Sachsen oder der Probebesuch in Bayern, sondern würde lediglich zwischen den Lehrkräften der betroffenen Schule und dem Elternhaus besprochen.
Hintergrund
Persönliches
Sebastian Kölsch ist 46, geboren Freiburger und wohnt auch dort. Er hat zwei Kinder und ist freiberuflich als Berater im Digitalmarketing tätig.
Elternarbeit
Vorsitzender des Landeselternbeirats ist Sebastian Kölsch zwar erst seit vorigen Mai, aber in der Elternarbeit an Schulen ist er Profi. In Freiburg hat er sechs Jahr Elternbeiratsvorsitzender einer Grundschule und drei Jahre im Vorstand des Gesamtelternbeirats.