Es ist seit Wochen ein Aufregerthema: Tübingens OB Boris Palmer gegen die Nilgänse am Neckar. Tier- und Naturschützer aus Horb kontern seiner Abschuss-Aufforderung.
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) hat Nilgänsen eine klare Haltung gegenüber: Er will sie „hier“ nicht haben. Das macht er seit mehreren Wochen immer wieder in verschiedenen Beiträgen in den Sozialen Medien deutlich; fordert beispielsweise Jäger auf, die invasive Art zu erschießen oder berichtet von Zerstörung durch die Vogelart.
Mitglieder des Tierschutzvereins und des Nabu aus Horb widersprechen dem Oberbürgermeister jedoch deutlich: Sie sagen, dass Nilgänse „ganz liebe und friedliche Tiere“ seien. Tierschützerin Jaqueline Dießner aus Horb kontert Palmer regelmäßig in den sozialen Medien – unsere Redaktion hat mit der Tierschützerin gesprochen.
„Invasoren zerstören den Park“
Vor gut einer Woche postete Tübingens Oberbürgermeister auf Instagram ein Bild einer Nilgansfamilie und schrieb „Invasoren zerstören den Park“ , zuvor veröffentlichte er am 8. Mai einen Facebook-Beitrag, mit einem Bild von einer Ente und schrieb dazu: „Ente auf der Flucht (Sadist) (..) Eine Stockente auf einem Waldweg – ein Bild, das vor wenigen Jahren noch völlig ungewöhnlich gewesen wäre“ und „Wer Biodiversität ernst nimmt, darf diese Entwicklung nicht länger ignorieren. (..) So wie man Wildschweine, Füchse und Rehe schießt, kann man auch Nilgänse jagen. Das regelt das Gesetz.“
In einem Beitrag der Tagesschau heißt es, dass die Stadt Tübingen alternativ mit den Nilgänsen umgehen will: Sie möchte in der nächsten Brutzeit die Eier der Nilgänse gegen Betoneier austauschen. So solle „die Vermehrung der Tiere eingedämmt werden“, schreibt die Tagesschau. Das habe sich schon im Taubenkonzept der Stadt Tübingen bewährt.
„Der Mensch macht es sich so einfach wie möglich“
Doch sind Nilgänse wirklich so gefährlich für die Enten, die hier leben? Frank Scheffold, ehemaliger Biologe und Nabu-Mitglied in Horb, erzählte bereits in einem vorherigen Gespräch mit unserer Redaktion, dass es sich um „ganz liebe und friedliche Tiere“ handle. Der Nabu schreibt zudem auf seiner Webseite: „Neueste Studien, zum Beispiel aus Hessen, sprechen eher dafür, dass sich Nilgänse ohne nachweisbare negative Effekte auf andere Arten in neuen Gebieten ansiedeln.“
Tierschützerin Jaqueline Dießner äußert scharfe Kritik an den Jagd-Forderungen Palmers. „Der Mensch macht es sich immer so einfach wie möglich – der Abschuss der Tiere ist es für ihn“, sagt sie. „Ja, Nilgänse sind laut und fallen auf – aber nur, weil sie etwa in Parks nicht automatisch vor Menschen wegrennen; sie sind wirklich nicht bösartig.“
Folgen rechtliche Schritte?
Während der Brutzeit seien sie nicht weniger aggressiv als andere Vogelarten, auch ein Schwan würde andere Vögel angreifen und würde nicht gejagt werden. Außerdem betont sie, dass die Nilgänse „nicht freiwillig hier sind“ – sie seien wie viele andere Tierarten auch nur in Deutschland, weil Menschen sie hergebracht hätten.“
Bislang habe sie auf die Posts von Palmer selbst nur mit eigenen Konter-Beiträgen auf Facebook reagiert und habe noch nicht den direkten Kontakt zu dem Oberbürgermeister gesucht, sagt sie. „Bei manchen Menschen lohnt es sich zu schreiben, bei anderen nicht.“
Kann sich das Blatt noch wandeln? Dießner denkt nicht: „Er wird keine Ruhe geben.“ Dafür rechne sie jedoch damit, dass Tierschutzinitiativen rechtliche Schritte einleiten würden, sollte der Oberbürgermeister weiterhin zur Jagd auffordern. Dass Tierschützer damit Erfolg haben könnten, hält sie für wahrscheinlich: „Man hat schließlich auch beim Wolf gesehen, dass die Forderung zum Abschuss nicht gewinnt.“