Zwischen Calw und Weil der Stadt verkehren wieder Züge. Das zu verstehen, ist leicht – es zu begreifen, kann etwas Zeit brauchen. Eine Reportage zur exklusiven ersten Fahrt.
In gleichmäßigen Bewegungen gleitet die Säge vor und zurück. Späne rieseln zu Boden. Es ist nur einer von vielen Ästen, die Landrat Helmut Riegger an diesem Tag durchtrennt – doch die Handlung hat Symbolkraft.
Wir schreiben das Jahr 2014, es ist Januar.
Und Riegger steht auf den Gleisen der Württembergischen Schwarzwaldbahn nahe der Bahnbrücke am Calwer Welzberg, zusammen mit einigen Mitgliedern des fast gleichnamigen Vereins (Württembergische Schwarzwaldbahn Calw – Weil der Stadt), der sich seit Jahrzehnten für eine Reaktivierung der Strecke einsetzt.
Mein erster beruflicher Berührungspunkt mit der Hesse-Bahn.
Technische Abnahmefahrt steht an
Ziemlich genau zwölf Jahre sind seit diesem Tag vergangen. Im Januar 2026 stehe ich am Bahnhof in Weil der Stadt vor einem gelb-weiß-schwarzen Zug.
Eine technische Abnahmefahrt steht an, zu der auch Gäste geladen sind. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann, die Bürgermeister der beteiligten Kommunen – Florian Kling (Calw), Rüdiger Klahm (Althengstett) und Ryyan Alshebl (Ostelsheim) –, Mitarbeiter des Landratsamtes und des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn, zahlreiche Pressevertreter.
Landrat Riegger ist ebenfalls dabei sowie natürlich Abnahmeprüfer für die Leit- und Sicherungstechnik an der Strecke sowie die Bahnübergangssicherungsanlagen. Und ich.
Und mir kommt jener Tag vor zwölf Jahren in den Sinn. Als Riegger sägte und sich die Beteiligten noch zuversichtlich zeigten, das Projekt bis 2019 fertig abgerechnet zu bekommen. Damals ahnte jedoch noch niemand, was in Sachen Artenschutz auf die Hesse-Bahn zukommen sollte.
Eine Lösung, die für viele Diskussionen sorgte
Etwa die Klage, die der Naturschutzbund 2016 einreichte, und bei der es erst 2019 zu einer Einigung kam – zu verdanken war das nicht zuletzt der Vermittlung durch Verkehrsminister Hermann.
Und einer Lösung, die seitdem für viele Diskussionen sorgte: die millionenschweren Trennwandkonstruktionen in den beiden Bestandstunneln bei Hirsau und Althengstett.
Doch das ist an diesem Tag Geschichte. Auch über die Gesamtkosten des Projekts, die im Laufe der Zeit auf mittlerweile bis zu 240 Millionen Euro angewachsen sind, spricht an diesem Tag kaum jemand.
Harte, lange und arbeitsreiche Wochen – eigentlich eher Jahre – liegen hinter allen Beteiligten des Projektes. Doch nun ist die Stimmung heiter, fast gelöst.
Die Reise beginnt wenige Minuten nach Mittag
Exklusiv, noch vor der Jungfernfahrt der Bahn am 31. Januar und dem Betriebsbeginn am 1. Februar, dürfen die Anwesenden die Strecke buchstäblich „erfahren“. Es ist nach all der Zeit beinahe unwirklich.
Laut ertönt die Hupe des Zugs gleich mehrfach. Die Fahrgäste steigen ein und mit leichter Verspätung – geplant war 12 Uhr – beginnt die Reise wenige Minuten nach Mittag.
Fast schon sanft gleitet die Bahn über die Gleise, lässt Weil der Stadt hinter sich, nähert sich Ostelsheim. Langsam, aber unaufhaltsam.
Langsam deshalb, weil es bei dieser Fahrt natürlich auch darum geht, die korrekte Funktion aller Anlagen nachzuweisen. Das Tempo liegt zwischen 20 und 50 Stundenkilometern.
Erst nach den Abnahmefahrten – voraussichtlich ab Montag – wird die Bahn auf freier Strecke die Höchstgeschwindigkeit von rund 100 Stundenkilometern erreichen.
Erst dann kommen übrigens auch die neuen batterieelektrischen Zügen zum Einsatz.
Der Grund: Die DB Regio und die Südwestdeutsche Landesverkehrs-GmbH, so heißt es aus dem Calwer Landratsamt, waren nicht bereit, mit deren Batterie-Bahnen solche Abnahmefahrten mit den damit verbundenen sehr speziellen Anforderungen und Bedingungen umzusetzen.
Stattdessen rollt ein angemieteter dieselgetriebener „Regio-Shuttle“-Triebwagen über die Schienen. Für Laien, so erklären die Experten unterwegs, sei der Unterschied indes kaum feststellbar – weder innen noch außen.
Verantwortlich für die Fahrten ist ein kleines Eisenbahnverkehrsunternehmen: „Die Regionenbahn GmbH“. An diesem wiederum ist auch Frank von Meißner beteiligt, der Geschäftsführer des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn.
Der Geschäftsführer steht selbst als Lokführer am Steuer
Der steht sogar selbst als Lokführer am Steuer. Allerdings nicht die ganze Zeit. Zwischenzeitlich darf auch Minister Hermann mal ran – ebenso wie Helmut Riegger. „Alle aussteigen, der Landrat fährt!“, ruft Ostelsheims Bürgermeister Alshebl gut gelaunt mit einem Zwinkern durch den Zug, als Riegger auf dem Fahrersitz Platz nimmt.
Der Landrat wiederum bemerkt indes, dass Bahnfahren gar nicht so einfach ist. „Da braucht man Gefühl“, stellt er fest.
Frank von Meißner fungiert während der Fahrt zudem nebenbei als Reiseführer, weist etwa auf Sehenswürdigkeiten hin: den Panoramablick auf Ostelsheim, die funktionierenden Signale, den Neubau-Tunnel bei Ostelsheim.
Kurz nach letzterem kommt es dann zu einem unfreiwilligen Stop. Eine Weiche wurde abgeschaltet; möglicherweise durch eines der Bauunternehmen während eines Arbeitsvorgangs. Wichtig ist jedoch: Die Technik funktioniert. Und so kann die Reise weitergehen.
„Jetzt kommen wir zu einem unserer Höhepunkte“
„Jetzt kommen wir zu einem unserer Höhepunkte“, erklingt kurz vor Althengstett die Stimme des Verbandsgeschäftsführers durch die Lautsprecher.
Und meint damit die Trennwandkonstruktion und die weit auskragenden Vorbauten der Bestandstunnel. In jenem bei Hirsau stoppt der Zug dann sogar. Die Fahrgäste strömen heraus, sammeln sich unter dem Ende der etwa 80 Meter langen Einhausung, gewissermaßen einem Tunnel, der aus dem eigentlichen Tunnel herausragt, um das Bauwerk zu betrachten.
Die äußere Hälfte des Konstrukt besteht aus einer Art Stahlkäfig; luft- und schalldurchlässig, aber dicht genug, um keine Fledermaus durchzulassen. Bei Hirsau fehlen hier noch einige Elemente.
Frank von Meißner macht das keine Sorgen. Bis zur Jungfernfahrt sei das erledigt. „Sie glauben gar nicht, wie schnell wir inzwischen sind“, sagt er mit einem Lächeln.
Schnell, so scheint es trotz eineinhalbstündiger Reise, ist am Ende auch die erste Fahrt vorbei. Gegen 13.30 Uhr kommt die Hesse-Bahn in Calw an. Später soll der Zug die Strecke in gerade einmal noch 18 Minuten zurücklegen.
Ein bescheiden kleiner Zeitraum – gemessen an den Jahren, die vergangen sind, seit Landrat Riegger einst zur Säge griff.