Untrennbar ist die jüngere Wirtschaftsgeschichte Baden-Württembergs mit dem Namen Reinhold Würth verbunden. Jetzt wird der Unternehmer 90 Jahre alt.
Würth – der Name hat Gewicht. In jeder Weise. 88 000 Mitarbeitende verzeichnete die Würth-Gruppe 2024, erreicht wurde ein Umsatz von 20,2 Milliarden Euro. Und wer sich über das weltweit tätige Vertriebs-Unternehmen für alles, was mit Befestigung und Montage zu tun hat, informiert, stößt schnell auf eine Haltung, einen Anspruch. Andernorts mag man die Trias „Hohe Eigenmotivation, große Gestaltungsmöglichkeiten und eine starke Kollegialität“ schreiben, bei Würth ist es Voraussetzung und Forderung – und ein Verweis auf eine fast lebenslange Prägung durch Reinhold Würth.
1949 beginnt er im 1945 gegründeten Betrieb der Eltern als Lehrling (und zweiter Angestellter). 1954, Reinhold Würth ist 19, stirbt der Vater. Was folgt, ist Stoff für gleich mehrere Legenden – und doch eine reale Geschichte. Scheinbar alte Begriffe prägen diese Geschichte: Einsatz, Fleiß, Akribie, Härte, Selbstdisziplin, Verlässlichkeit, Bodenständigkeit, Entscheidungskraft. Aber auch dies: eine kaum stillbare, thematisch weit ausgreifende und immer wieder auch von Interessen seiner Frau Carmen Würth beflügelte Neugier.
Reinhold Würth spricht noch immer mit einer eigenen Melodie. Wird der Klang hart, ist das kein gutes Zeichen. Und noch immer auch bestimmt er mit kleinsten Gesten jedwede Szenerie. Nebensächliches existiert für ihn nicht, und die gern belächelte Losung „Zeit ist Geld“ verdichtet Reinhold Würth früh schon zu einem mehr denn je gültigen Begriff: Effizienz.
Kunst und Widersprüche in der Unternehmerpersönlichkeit
Lässt so einer Widersprüche zu? Es gibt sie. Wenn Reinhold Würth Ende der 1990er Jahre öffentlich vor einem „Linksruck“ warnt, sich jedoch in der Freundschaft mit dem Wiener Bildhauer und Maler Alfred Hrdlicka gerade für dessen Werke politisch anklagender Schärfe interessiert. Sind also Kunst und Kultur, sind klassische Musik, Alte wie Neue Kunst, historisches Kulturgut und Literatur Felder, in denen der Unternehmer Reinhold Würth ein anderes Gesicht zeigt?
Im 2017 eröffneten Carmen Würth Forum am Würth-Stammsitz in Künzelsau gibt Reinhold Würth unserer Zeitung 2020 öffentlich Antwort. „Für mich“, sagt Würth im „Über Kunst“-Dialog, „war es immer wichtig, dass die Kunstwerke, die ich kaufte, mir gefielen.“ Und so sind die mehr als 20 000 Werke – allesamt im Unternehmenswert verankert – ein Spiegel der Vielfalt der Kunst.
Vorlieben schließt dies nicht aus: Gerne verweist Reinhold Würth etwa auf das Werk des dänischen Bildhauers Robert Jacobsen. Und: „Anselm Kiefer begeistert mich immer wieder. Es ist ein wunderbares Werk, das er erschafft.“ Wie alles Sammeln begann? 1972 – mit dem Erwerb von Emil Noldes Aquarell „Wolkenspiegelung in der Marsch“ von 1935. Und Nolde gilt denn auch die aktuelle Schau im 2020 eröffneten Museum Würth 2.
Kunst als Teil der Unternehmensidentität
Der Sammler als Impulsgeber – so ist das „Über Kunst“-Gespräch mit Reinhold Würth 2020 überschrieben. Zahllosen Aktivitäten in den Bereichen Kunst, Architektur, Musik und Literatur gab und gibt der Unternehmer regional, national und international Anstöße. „So selbstlos ist das gar nicht“, sagt Würth – und der Ton verrät, wie ernst es ihm mit dieser scheinbar beiläufigen Bemerkung ist. Immer ging und geht es ihm darum, die Kunst zu einem Teil der Identität seines Unternehmens zu machen. „Ich wollte nicht“, sagt Würth, „dass wir in der Öffentlichkeit den Eindruck hinterlassen, eine Organisation zu sein, die nur auf Profit aus ist. Ich wollte, dass wir eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlen, eine Kosmopolie, Weitläufigkeit.“ Folgerichtig entsteht so 2008 mit dem Musée Würth France Erstein im Elsass die erste Würth-Kunstbühne im Ausland.
Unternehmer und leidenschaftlicher Pilot bis ins hohe Alter
Bis kurz vor seinem 80. Geburtstag fliegt Reinhold Würth seine Ziele mit der Lizenz Berufspilot/ATPL gerne selbst an. Wer dabei sein will, muss früh aufstehen. Von Künzelsau geht es los, und Würth beginnt seine Termine am Zielort bevorzugt vor dem Frühstück – auch, nachdem er nach 1994 beginnt, die operative Unternehmens-Verantwortung abzugeben. Bis in die jüngste Zeit hinein aber diktiert der heutige Ehrenvorsitzende des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe spät abends „Geschäftsbriefe“.
90 Jahre Reinhold Würth, 80 Jahre Würth
Von Abschied dürfte denn auch kaum die Rede sein, wenn Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann am 29. April bei einem Empfang im Carmen Würth-Forum in Künzelsau Reinhold Würth zum 90. Geburtstag gratuliert. Mit der Familie feiert Reinhold Würth am eigentlichen Geburtstag an diesem Sonntag, 20. April – 90 Jahre Reinhold Würth, 80 Jahre Würth.