Harry Kahn Foto: Kahn

Im Zuge der Reichspogromnacht versetzten SA-Leuten im November 1938 auch in Baisingen die jüdischen Dorfbewohner in Angst und Schrecken. Nur ein Holocaust-Überlebender aus Baisingen, Harry Kahn, kam nach dem Krieg in seinen Heimatort zurück.

Die Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 war das Ereignis, welches das deutsche Vernichtungsprojekt ankündigte. Am 9. November 1938 brannten überall in Deutschland und Österreich die Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden von Nazi-Schergen überfallen, demoliert und geplündert. Überall in Deutschland bedeutet auch, dass wir alle Spuren dieser Taten auch in unserer allernächsten Umgebung finden.

 

Eine Horde von 70 bis 80 SA-Leuten

Wer in den Abendstunden in den kleinen Gäuort Baisingen fährt, wird von der Stille dieses Ortes gefangen genommen. Dieses wird auch am Abend des 10. November 1938 so gewesen sein, bis eine Horde von 70 bis 80 SA-Leuten dort einfiel, um zu zerstören, zu plündern und die jüdischen Dorfbewohner in Angst und Schrecken zu versetzen. Dass die Synagoge nicht angezündet wurde, ist dem Umstand zu verdanken, dass die benachbarten Häuser gefährdet worden wären. Das Innere der Synagoge wurde komplett zerstört.

1941 wurde das Vernichtungsprojekt in Baisingen mit der Deportation von 60 Menschen jüdischen Glaubens beendet. Damit wurde auch das jüdische Leben in diesem kleinen idyllischen Gäudorf ausgelöscht, einem Dorf, in welchem vormals ein Drittel der Dorfbewohner jüdischen Glaubens war.

Nur ein Holocaust-Überlebender

Nur ein Holocaust-Überlebender aus Baisingen, Harry Kahn, kam in seinen Heimatort Baisingen zurück und wohnte in seinem Geburtsort bis zu seinem Tod 1978. Harry Kahn wurde 67 Jahre alt. Bis auf Harry und seinen Bruder Siegfried überlebte niemand der Familie Kahn die Shoah. Sein Bruder konnte nur überleben, weil seine Eltern ihn 1939 nach England schickten. Von dort kehrte Siegfried Kahn als englischer Soldat wieder nach Hause zurück.

Konzentrationslager bei Riga

Harry Kahn kam mit seiner Frau Irene im Dezember 1941 ins Konzentrationslager Jungfernhof bei Riga. Ende 1944 kamen sie mit einem Transport ins KZ Stutthof. Dort wurden sie getrennt. Irene Kahn starb in Stutthof. Für Harry Kahn begann ein weiterer Leidensweg durch die Konzentrationslager von Buchenwald und Theresienstadt.

Nach der Befreiung von Theresienstadt war Harry Kahn an Typhus erkrankt und musste noch einige Wochen in Theresienstadt bleiben. Nach der Genesung wurde Harry von Theresienstadt nach Stuttgart gebracht. In Theresienstadt lernte er seine spätere Frau Jeanette geb. Kaschinierow kennen. Nach seiner Rückkehr aus dem Lager begann er in Baisingen wieder mit dem Viehhandel, welchen er 1938 einstellen musste, da ihm die Lizenz entzogen wurde. Mit manchen Leuten wechselte Harry Kahn jedoch kein Wort mehr und verhandelte nicht mehr über deren Vieh.

Sohn Fredy Kahn ließ sich in Nagold nieder

Aus der Ehe von Jeanette und Harry ging der Sohn Fredy hervor, welcher 1947 das Licht der Welt erblickte. Fredy Kahn ließ sich nach dem Studium der Humanmedizin in Nagold nieder und betrieb eine Hausarztpraxis über das Rentenalter hinaus. Auch aktuell praktiziert er noch stundenweise im Ärztehaus, um dem Hausärztemangel in Nagold entgegenzuwirken. Er begegnete allen seinen Patientinnen und Patienten mit Respekt und würdevoll, obwohl die Würde seiner Familie in der Nazizeit mit Füßen getreten wurde, indem sie als minderwertig eingestuft wurden.