Schüler steigen um die Mittagszeit an der Calwer Straße in Nagold in die Linie 540 ein. Foto: Jansen

Jeden Morgen fahren zahlreiche Schüler aus Wildberg mit dem Bus zum Gymnasium in Nagold. Ungefährlich ist das nicht: Eine Mutter berichtet, wie ihre Kinder im maßlos überfüllten Bus bereits in Ohnmacht gefallen sind und verletzt wurden; und damit sind sie wohl keine Einzelfälle. Das Landratsamt sieht derweil keine Notwendigkeit, die Kapazitäten zu erhöhen.

Ein Kind, das umkippt und der Busfahrer hält nicht an. Ein anderes klemmt seinen Fuß in der Tür ein – der Bus fährt los. „Ich habe Angst, in den Bus einzusteigen“, sagt Maria W.s zehnjährige Tochter bereits im Oktober. Ihren vollen Namen möchte die Mutter aus Wildberg nicht in der Zeitung lesen. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt sie von dem Schulweg ihrer beiden Kinder, die jeden Tag von Wildberg mit der Linie 540 nach Nagold zum Otto-Hahn-Gymnasium fahren.

 

Schon vor einigen Wochen berichteten Eltern unserer Redaktion von heillos überfüllten Bussen und umgekippten Kindern. Maria W.s älteste, 13-jährige Tochter ist eines davon. Mitte November ist der Bus so gerammelt voll – keine Ausnahme, dass dem Mädchen schummrig wird. „Mir wurde so heiß“, berichtet die Teenagerin später ihrer Mutter.

Sie möchte noch einen Traubenzucker nehmen, schafft das aber nicht mehr. Ihre Beine sacken ihr weg, ihr wird schwarz vor Augen. Maria W.s Tochter bleibt zwar bei Bewusstsein, ein anderes Mädchen, das direkt gegenüberstand und etwa im gleichen Alter ist, kippt um und muss mit einigen sanften Schlägen ins Gesicht geweckt werden.

Der Busfahrer bekommt von dem Vorfall im überfüllten Bus nichts mit, fährt einfach weiter. An der nächsten Haltestelle wird das Mädchen von einem jungen Mann nach draußen an die frische Luft getragen. Als sie aufwacht, habe man die Panikanzeichen gesehen – starre, schreckgeweitete Augen.

Auch die jüngere, zehnjährige Tochter von Maria W. wird im Bus verletzt. Nur eine Woche, nachdem ihre Schwester umkippt, steht sie so unglücklich an der Tür, dass diese sich um ihren halben Fuß schließt. Der Busfahrer fährt trotzdem los. „Mein Fuß hängt in der Tür!“ ruft das Mädchen nach vorne, erst dann hält der Bus an. Die Fünftklässlerin hat etwa zwei Tage Schmerzen und läuft auf den Fersen. Kurz darauf wird ihr Handgelenk gequetscht.

Weiterer Junge bricht im Bus zusammen

Maria W. erzählt, dass sie die Nachbarsjungen angesprochen hat. Die bestätigen, dass der Bus jeden Morgen zur Stoßzeit und zum Schulende rappelvoll ist. Häufiger würden Kinder und Jugendliche in den übervollen Bussen ohnmächtig werden, berichten Eltern aus Wildberg. Kurz vor Weihnachten kollabiert ein Junge in der gleichen Busverbindung – wieder war der Bus heillos überfüllt.

„Da passt keine Scheibe Brot mehr dazwischen“, meint W. Beim Landratsamt, das die Kapazitäten kalkuliert und entsprechend Busse ordert, ist die Problematik bei einem Telefonat mit unserer Redaktion unbekannt. Auf W.s Frage, warum nicht mehr Busse kommen, heißt es, dass es ohnehin schwer sei, Busfahrer zu finden.

Und wenn schon die Busfahrer fehlen, könnten dann nicht Ziehharmonikabusse, also größere Busse, eingesetzt werden?, fragt W. im Gespräch mit unserer Redaktion. Das Landratsamt antwortet: Ziehharmonikabusse sind sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb teurer und müssten auch dann über den Tag eingesetzt werden, wenn nur wenige Passagiere zu erwarten sind. „Und das können wir uns in der derzeitigen Haushaltslage nicht leisten“, erklärt Stierle.

„Nachdem, was wir wissen, reichen die Kapazitäten aus“, erklärt Michael Stierle, zuständig beim Kreis für den ÖPNV. Er berichtet, dass gerade in Stoßzeiten durchaus zwei Busse geschickt würden, diese aber meist versetzt. Aber für gewöhnlich würden die Passagiere knapper zum Termin fahren und somit eher den zweiten Bus nehmen – in dem es sich dann wieder staut.

Angst, dass Kind mitgeschleift wird

Ein Blick in die Fahrpläne zeigt: Außer dem Bus um 6.51 Uhr fährt vom Wildberger Bahnhof zur Nagolder Calwer Straße keine andere Linie zum Schulbeginn. Die Schüler hätten die Wahl, bereits um 6.16 Uhr loszufahren – oder die Bahn zu nehmen und zu riskieren, zu spät zum Unterricht zu erscheinen.

Für Maria W. lassen die Erfahrungen auf eine Konsequenz schließen: Den Kindern für den Notfall erklären, dass sie, wenn Jacke und Ranzen hängen bleiben, die sofort ausziehen sollen. Die Sorge, dass die Bustüren sich schließen und das Kind mitgeschleift wird, ist präsent.

Die Deutsche Bahn, zu der die Betreiberfirma RAB gehört, ließ eine Bitte unserer Redaktion um Stellungnahme unbeantwortet.