Unter Anleitung von Boxtrainer Marko Juric lernen Kinder, ihre Energie zu bändigen – und was es heißt, gegen sich selbst zu kämpfen.
Ein Mittwochnachmittag in der Turnhalle der Gartenschule in Schwenningen: Nach und nach stürmen hier die Kinder rein, die für die Fight-for-your-life-AG angemeldet sind.
Direkt wird klar: Hier herrscht erstmal ein ganz schönes Tohuwabohu. Mit extrem viel Energie kommen die meisten dieser Grundschüler hier an, ihr Bewegungsdrang ist unübersehbar, es wird wild herumgerannt, mitunter laut durch die Halle gerufen (gebrüllt trifft es ehrlich gesagt eigentlich besser) oder sich mit coolem Handschlag oder heftigem Schulter-Check begrüßt.
Marko Juric schaut sich das Ganze ein paar Minuten an – und dann ist es Zeit für seine erste klare Ansage. Der Box-Trainer aus den Reihen des Projekts Fight for your life, der übrigens auch Quartiersmanager ist, lässt keinen Zweifel aufkommen, wer hier jetzt das Sagen hat: nämlich er.
Die eben noch wilde Rasselbande – 16 Jungs und ein Mädchen – merkt auf. Es wird erstmal still und ruckzuck stehen alle in einer Reihe da, dem Trainer gegenüber und sichtlich gespannt, was er dieses Mal mit ihnen vorhat.
Stillstehen fällt ihnen schwer
Vorher aber will dieser erstmal wissen, wie es seinen Schützlingen geht. „Wie waren die Ferien?“, fragt er und spricht einen Jungen direkt beim Vornamen an. Dieser, ein bisschen verdutzt, dass er dran ist, erzählt, was er erlebt hat. Erst hören alle zu, dann kommt aber direkt nach diesen wenigen Minuten schon wieder etwas Unruhe auf. Sich länger zu konzentrieren und stillzustehen, fällt den meisten hier spürbar schwer, es wird getuschelt, und die ersten Kinder tanzen vorwitzig trippelnd schon wieder aus der Reihe.
„Ihr redet mir zu viel“, sagt Marko Juric streng und zieht die Augenbrauen nach oben. Das sitzt – jedenfalls erstmal vorübergehend. „Hände aus den Taschen“ schiebt er noch hinterher, was hier zu den wichtigen Grundregeln zählt, schließlich geht es hier (auch) um Sport.
„Ihr kämpft gegen euch selbst“
Und worum noch? „Was habt ihr über die AG gehört?“, fragt er die fünf Kinder, die an diesem Nachmittag als Neulinge zum ersten Mal dabei sind. „Dass wir über die Probleme reden“, sagt einer der Jungs vorsichtig – und der Trainer nicht zustimmend. Denn anders, als man vermuten könnte, wird hier nicht direkt geboxt, sondern sich ausgetauscht, gesprochen, das Temperament dadurch auch direkt etwas ausgebremst.
„Wisst ihr, was Disziplin ist?“, fragt er da zum Beispiel in die Runde. „Dass wir keinen Quatsch machen?“, „Dass wir zuhören?“ – nicht schlecht, diese Vorschläge, aber der Trainer will auf etwas anderes hinaus. „Wisst ihr“, setzt er an, „manchmal müsst ihr gegen euch selbst kämpfen, wenn ihr zum Beispiel diese Stimme hört, dass ihr keinen Bock habt, Mathe zu lernen.“ Ah, also wie im Boxen? „Ja, ihr kämpft auch gegen euch selbst“, sagt Marko Juric und schaut in interessierte Gesichter.
Auch ein Ball ist im Spiel
Dann aber ist es Zeit für Bewegung, ein Ball kommt ins Spiel. Mittlerweile haben sich alle im Kreis aufgestellt, und der Trainer fordert sie auf, zu klatschen, wenn er den Ball den Boden berühren lässt, Finten inklusive. Konzentration ist gefragt. Am Ende gewinnt in Runde zwei einer der Jungs das Spiel, der zuvor direkt ausgeschieden war. „Seht ihr? Wer eben noch verloren hat, kann direkt danach schon gewinnen!“, gibt Marko Juric den Kindern mit, und die jubeln ausgelassen mit dem Sieger.
Nächste Aufgabe: Der Trainer hält einen Holzstock hoch. „Wenn der den Boden berührt, geht ihr in Boxstellung – Schulterbreit aufstellen, der starke Fuß gerade einen Schritt nach hinten, leichte Drehung, Fußspitzen zur starken Hand, die Ferse ein bisschen nach oben, Knie leicht anwinkeln, die starke Hand ans Kinn, Ellenbogen zeigen nach unten – und seid ganz ruhig.“ Es wird mucksmäuschenstill in der Halle, alle wollen es richtig machen. „Alleine der Stand entscheidet schon mit über Sieg und Niederlage“, sagt der Trainer, und die Kinder nehmen Haltung an. Sie ahnen vielleicht: Das ist nicht nur im Boxen so.
„Keines der Kinder ist zufällig hier“
Sie alle bringen ihr Päckchen mit in diese Gruppe. „Keines der Kinder ist zufällig hier. Sie sind verhaltensauffällig, viele sind durch Gewalt aufgefallen,“ ,macht Marko Juric deutlich, mit wem er hier an den Grundlagen eines entschärften, besseren Miteinanders feilt. Vor einem halben Jahr sei es auf dem Schulhof noch richtig rundgegangen. Jetzt, dank der AG, sei es ruhiger geworden – ein Erfolg, der im Schulalltag zählt und für alle alles ein bisschen leichter machen kann. Die Übungen, die hier gemacht werden – auch eine Parcoursrunde gehört dazu – „müssen Spaß machen, aber auch sportlich und kognitiv fordernd und kompetitiv sein“, fasst der Trainer zusammen.
Während er das der Reporterin erzählt, ist allerdings hinter seinem Rücken gleich wieder wildes Getümmel in Gang gekommen. „Auf die Bank!“ dirigiert er die größten beiden Störenfriede außer Reichweite der anderen, und als einer von ihnen zur großen Verteidigungsrede ansetzt, folgt die rhetorische Frage auf dem Fuß: „Glaubst du, ich diskutier’?“
Die Regeln kennen sie
In die Runde sagt der Trainer: „Ihr wisst es doch! Welche Regeln haben wir?“ Die Kinder besinnen sich: „Nicht schubsen!“ „Nicht beleidigen!“ „Zuhören!“„Nicht ’Digga’ sagen!“„Keinen Quatsch machen!“ „Ehrlich sein!“ „Wir sprechen hier Deutsch!“ „Respekt zeigen!“ Na bitte, geht doch. An diesem Nachmittag wird er all das noch öfter einfordern – und sehr sicher auch in den nächsten AG-Stunden, und zwar so lange, bis es sitzt und zur Selbstverständlichkeit wird.
Fight for your life und die Gartenschule
Das Projekt
Das Projekt „Fight for your life“ wurde 2017 in VS gegründet. Es soll die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und verschiedenen Problemen im Alltag sportlich fördern. Das wird maßgeblich durch die ProKids-Stiftung, die Stadt VS und den Landkreis gefördert.
Die AG an der Schule
Die Zusammenarbeit der Gartenschule mit dem Fight-for-your-life-Projekt und der ProKids-Stiftung läuft schon seit einiger Zeit im Bereich Gewaltprävention, und seit dem Schuljahr 2024/2025 wird nun auch die AG angeboten. Sie kam auf Initiative von ProKids-Chef Joachim Spitz zustande und wird durch die Stiftung finanziert. Schulleiterin Katya Cankovski ist von der Sinnhaftigkeit der Fight-for-your-life-AG rundum überzeugt. „Es zeigt schon Wirkung“, betont sie zufrieden. Ihre Hoffnung: Dass es die AG auch in den nächsten Schuljahren geben wird – am besten mit Trainer Marko Juric, der zu den Kindern auch durch seine Arbeit im Quartiersmanagement einen sehr guten Draht hat.