Das Zimmertheater Rottweil startet mit „Alte Sorten“ stark und bilderreich in die neue Spielzeit.
Zweier Aspekte war sich Ewald Arenz sicher beziehungsweise wohl nicht bewusst, als er seinen Roman „Alte Sorten“ veröffentlichte: Er sollte einen literarischen Begleiter pünktlich zur Corona-Zeit vorlegen, in dem er zwei Geschichten erzählt, die der erzwungene Stillstand viele in der eigenen Biografie finden lässt, beziehungsweise, die in dieser Zeit aufgebrochen, verstärkt und im Nachgang öffentlich greifbar geworden sind.
Und er hat eine Geschichte geschrieben, die sich wunderbar fürs Theater eignet, worauf Zimmertheater-Intendant Peter Staatsmann am Samstagabend hinweist. Dort feiert „Alte Sorten“ in der Fassung von Edzard Schoppmann Premiere.
Figuren arbeiten
Das Rottweiler Haus ist das dritte Theater, das den Stoff bearbeitet und sich damit eines gewissen Erfolgversprechens beim Start in die Spielzeit 2024/25 gewiss sein darf. Denn das Buch exemplifiziert Problemstellungen bilderreich, mit großer Plastizität. Das Personal ist überschaubar, die Szene kann zum Kammerspiel verdichtet werden. Und man kann die Figuren arbeiten lassen, suchen, sich erkennen, sich selbst im anderen erkennen, leiden, vernarbt geglaubte Wunden neu sehen – und einen Weg für Heilung finden.
In Schlagdistanz zur jungen Protagonistin
Genau das schafft die Inszenierung von Peter Staatsmann, der sich mit Hannah Maria Humpert eine Spielerin auf die Bühne holt, die altersmäßig in Schlagdistanz zur 17-jährigen Sally ist, die auf der Flucht aus einem psychiatrischen Krankenhaus bei Liss landet.
Wiedersehen mit Anne Hecht auf der Bühne
Liss, gespielt von Anne Hecht, hat sich in ein zunehmend eigenbrötlerisches Leben auf dem väterlichen Hof gefunden, in dem sie funktioniert, sich verhassten Bedingungen unterwirft, in ihnen aber ihre eigenen kleinen Proteste feiert, die freilich längst institutionalisiert und von kleinen Triumphen zu Erklärungsversuchen geschrumpft sind. In Sally erkennt Liss sich selbst wieder – eine Generation jünger, voller Aufbruch und schon voller Zerrüttung, die später nie die Chance finden sollte, sich in selbstbestimmtem, an eigenen Vorstellungen und Wünschen orientiertem Leben auszuwachsen. Stattdessen wird sie verschüttet und liegt durch die Begegnung mit Sally unverheilt offen.
In rund zweieinhalb Stunden lässt sich diese Geschichte sehr gut erzählen. Da haben die beiden Frauen viel Zeit, sich und sich selbst zu finden, dabei auf Augenhöhe helfen zu lernen, im Leben der anderen Chancen für die Heilung des eigenen zu entdecken.
Die dritte Person auf der Bühne ist die Erzählerin, Valentina Sadiku, die in den Dialogen auch zum diskursiven Sparringspartner werden kann, wo nötig die Rollen der übrigen handelnden Figuren übernimmt, partiell zum Spielleiter wird.
Ein Bild aus Holzbrettern
Das alles ist mit einer erstaunliche Elastizität komponiert, die von Dorin Grama gewohnt souverän in musikalische Stimmungen getupft wird, die Raum auch für launige Szenen lässt, die einen Raum aufspannt, in dem es keine Leere gibt, der aber auch nicht atemlos gefüllt sein muss. In ihm können Sally und Liss in mitunter fast erschreckender Authentizität agieren – und immer wieder auch zu einem polyvalenten Element greifen, das die Handlung temporär auf eine Metaebene holt: Dielenbretter werden zu Bildern für Komplettheit und Ordnung, Chaos und Zerstörung, Mut und verzagtes Versuchen gruppiert.