Auf einen Kaffee mit Professor Klaus Leisinger aus Rümmingen. Der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler wurde mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet.
Ruhestand? Klaus Leisinger, dem für sein vielfältiges soziales Wirken auch mehrere Ehrendoktor-Titel, unter anderem in Philosophie und Theologie, verliehen wurden, lächelt. Davon kann bei ihm auch mit seinen 79 Jahren keine Rede sein. Erst dieser Tage besuchte der Wissenschaftler, der sich vor allem mit Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen für die Dritte Welt auseinandersetzt und „Verantwortung für die Eine Welt spürt“, eine mehrtägige Konferenz in Marokko.
Seit seinem beruflichen Ausscheiden bei Novartis ist der Mann mit seinem riesigen Netzwerk noch zwei bis drei Monate im Jahr weltweit unterwegs, hält Vorträge und Vorlesungen an Universitäten (unter anderem auch schon an der Harvard-University in Amerika, einer der angesehensten Universitäten der Welt), besucht Konferenzen, berät Organisationen, schreibt Bücher und kümmert sich als Präsident um seine von ihm gegründete Stiftung Globale Werte Allianz mit Sitz in Basel.
Und erst dieser Tage hat ihn die „Sustainable Development Academy der UNO“ gebeten, ein internationales sechsteiliges Webinar zum Thema „Unternehmerische Verantwortung für Nachhaltige Entwicklung“ zu machen.
„Ich spiele kein Golf, dafür ist zeitlebens der Beruf mein Hobby“, sagt Klaus Leisinger, der trotz allen Erfolgs bodenständig und bescheiden geblieben ist. Diese Eigenschaft hat der Rümminger Professor für Entwicklungssoziologie an der Universität Basel auch bei einigen großen Persönlichkeiten dieser Welt, die er in den vergangenen Jahrzehnten bei Begegnungen kennen- und schätzengelernt hatte, ausgemacht.
Begegnungen mit Willy Brandt, Kofi Annan und Papst Franziskus
Er nennt dabei als Beispiel drei Namen: den früheren Bundeskanzler Willy Brandt, Papst Franziskus und Kofi Annan, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen. Auch zu Mary Robinson, der ersten Staatspräsidentin Irlands sowie UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, hat er gute Kontakte.
Klaus Leisinger, der in Lörrach aufgewachsen ist, dort das Abitur machte, in Basel studierte und während der Semesterferien auf dem Bau arbeitete, hatte schon als junger Mensch einen Gerechtigkeitssinn, wie er sagt. Während des Biafra-Kriegs in Nigeria ging er von Geschäft zu Geschäft, um Geld für die ärmsten der armen Menschen in dem afrikanischen Land zu sammeln.
Professor mit visionären Gedanken
Es war dies auch die Zeit, in der er eine Affinität zu Afrika entwickelte. Und diese verstärkte sich, als der Wissenschafts- und Sozialwissenschaftler mit seinen visionären Gedanken im Auftrag des Basler Chemiekonzerns Ciba-Geigy für vier Jahre nach Nairobi ging, wo auch seine drei Kinder geboren wurden. Als Geschäftsführer des pharmazeutischen Regionalbüros verantwortete er mit Herzblut ein humanitäres Projekt in Kenia und Tansania.
Die „Gesundheitspolitik für die am wenigsten entwickelten Länder“ lautete denn auch seine spätere Habilitationsschrift. Und schon bei seiner Dissertation hatte er sich mit der Frage des Umgangs multinationaler Unternehmen mit der Arbeitslosigkeit im Süden auseinandergesetzt.
Seit der Rückkehr aus Afrika 1982 wohnt Klaus Leisinger in Rümmingen, der zwischenzeitlich auch Opa von sieben Enkeln ist. Wenn der Hebelpreisträger, der neben Englisch und Französisch als Ausdruck seiner engen Verbundenheit mit der hiesigen Region auch Alemannisch („ich bi jo vo do“) spricht, nicht gerade rund um den Globus unterwegs war, arbeitete er überwiegend in Basel und war für die internationalen Beziehungen des Chemiekonzerns verantwortlich.
Maßnahmen gegen Malaria, Lepra und Tuberkulose unterstützt
Im Jahr 1996 übernahm er die Geschäftsführung der Novartis-Stiftung für nachhaltige Entwicklung. Bis 2013 war er auch deren Stiftungsratspräsident. Dabei kämpfte Klaus Leisinger nicht nur gegen die Armut in einkommensschwachen Ländern an, sondern unterstützte all die Maßnahmen gegen Malaria, Lepra und Tuberkulose.
Das ist für den Mann, der an das Gute im Menschen glaubt, ein „ethisches Muss“. Und: „Das „läuft auch über das Herz“. Überhaupt ist es ihm stets ein wichtiges Anliegen, zum einen Gedankenlosigkeit und Konflikte zu überwinden und zum anderen bei jungen Menschen Idealismus um der Sache willen zu wecken.
Berater der Vereinten Nationen
„Menschen mit gutem Willen können alles erreichen“, ist Klaus Leisinger überzeugt, der ein weltweit gefragter Brückenbauer ist und unter anderem als Berater für die UN, die Weltbank und das Weltwirtschaftsforum in Davos („großer Jahrmarkt der Eitelkeiten“) tätig war. Zudem war er Sonderberater von UN-Generalsekretär Kofi Annan für den UN Global Compact. 25 Jahre arbeitete Leisinger auch mit dem Tübinger Theologie-Professor Hans Küng zusammen, einem der bedeutendsten deutschsprachigen Theologen und Mitgründer der Stiftung Weltethos.
Klaus Leisinger ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die immer aus Überzeugung handelt und der die Unabhängigkeit im Denken wichtig ist. Über die Karl Schlecht Stiftung, deren Jury-Vorsitzender er ist, hat er sich auch intensiv mit den Schriften und dem Menschenbild des Psychoanalytikers, Philosophen und Sozialpsychologen Erich Fromm auseinandergesetzt.
Zeitlebens beschäftigt sich der Rümminger Professor mit ethischen Fragen, wobei sich Fromms Denken auch in Leisingers Buch „Die Kunst der verantwortungsvollen Führung – Vertrauen schaffendes Management im internationalen Business“ niederschlug.
Auszeichnungen für sein Lebenswerk
Dass Klaus Leisinger nun jüngst in Stuttgart für sein herausragendes Lebenswerk mit dem „Erich Fromm Preis“ ausgezeichnet wurde, ehrt ihn in besonderer Weise. Zuvor hatte er unter anderem einen Preis der UN für sein Afrika-Engagement erhalten.
„Gegenwärtig sehe ich die große Gefahr, dass wir als Weltgemeinschaft in eine ökologische und soziale Katastrophe ‚schlafwandeln‘, weil es zu viel Gedankenlosigkeit über die langfristigen Folgen kurzfristigen Handelns gibt“, zeichnet er kein rosiges Bild. Komplexe Probleme könnten nicht von Einzelakteuren gelöst werden.
Vielmehr würden Lösungen aus ökonomischen, sozialen und soziologischen Puzzlesteinen bestehen. Dabei hat sich Leisinger stets als „Brückenbauer zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Sub-Systemen, hauptsächlich zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft“ verstanden, wie er im Gespräch verdeutlicht und fügt hinzu: „Wenn jeder von uns das macht, was wir im jeweils eigenen Einflussbereich für wichtig halten, kommt etwas in Gang.
Jeder von uns kann einen Beitrag an ein größeres Ganzes leisten und hat die moralische Pflicht, dies auch zu tun.“ Deshalb stimmt ihn seine Lebens- und Arbeitserfahrung hoffnungsfroh, dass „mit Menschen guten Willens und mit einem überparteilichen Konsens auch komplexe Probleme gelöst werden können.
„Man muss immer Demut behalten“
Wenn Klaus Leisinger, auch Autor vieler Bücher, auf seine glanzvolle Karriere blickt, dann war und ist ihm immer eines wichtig: „Man muss stets Demut behalten.“ Ohnehin nennt er es auch Glück, im Leben auf Menschen getroffen zu sein, die ihn gefördert haben. Zudem habe es bei den vielen Begegnungen glückliche Konstellationen gegeben, bei denen er auf Menschen traf, die sein Weltbild und seine Wertekonstellation teilten. Und dankbar ist er auch seiner Frau und Familie, die ihm stets den Rücken für seine Arbeit frei hielten, sowie selbstlos zuarbeitenden Kollegen, die ihm Gelegenheit gaben, „das zu tun, was ich für wichtig und machbar hielt“.