Die Psychologin Antina Beutel arbeitet im Palliativzentrum des Schwarzwald-Baar-Klinikums und hat für ihre Traumatherapie gerade einen Preis gewonnen. Foto: Birgit Heinig

Psychologin Antina Beutel aus Villingen zeigt, wie unverarbeitete Traumata bei schwerkranken Patienten wirken – und weshalb ihre Methode selbst in belastenden Situationen schnelle Erleichterung bringt.

Als Teil des psychoonkologischen Teams und eingebunden in eine interprofessionelle Begleitung onkologisch und palliativ erkrankter Menschen hat Antina Beutel ein besonderes Auge auf jene, die seelisch besonders belastet sind und Reaktionen zeigen, die nicht allein mit einer dramatischen Diagnose zu erklären sind.

 

Antina Beutel weiß: Diese Patienten können traumatisiert sein durch oft schon sehr lange zurückliegende Ereignisse wie Todes- oder Unfälle im engen Umkreis, Aufenthalte auf Intensivstationen oder gar sexueller Missbrauch. Wie sie dann vorgeht, davon später.

Sie ist 56 Jahre alt, geboren in Tübingen und hat im Süden Deutschlands schon in etlichen Orten gewohnt. Seit Februar 2023 lebt die Mutter dreier erwachsener Kinder mit ihrem Mann in Villingen.

In der Intensivpflege tätig

Schon als Kind wollte sie Krankenschwester werden, ein Wunsch, der sich nach dem Abitur in Esslingen zwar erfüllte und sie 20 Jahre lang in der Intensivpflege beschäftigte, sie schlussendlich aber nicht mehr vollends erfüllte. „Es fehlte mir was“, gibt sie zu.

2015 nahm sie in Konstanz daher ein Psychologiestudium auf – im Alter von 46 Jahren. Bis heute ist sie ihrer Familie dankbar für die Unterstützung in herausfordernder Zeit: Nicht nur das Geld wurde mangels Förderung – „dafür war ich zu alt“ - stellenweise knapp, auch der Stoff von acht Semestern brachte sie an ihre Grenzen. Doch sie zog durch und setzte sogar noch einen Master obenauf. Demnächst wird sie ihre Promotion abschließen.

Team tauscht sich engmaschig über Patienten aus

„Der Mensch hat mich schon immer interessiert“, sagt sie, vor Verantwortung schreckte sie noch nie zurück und der Kontext von Psychologie und Medizin ist nun genau das, für was sie brennt. Seit November 2021 ist ihr Arbeitsplatz im Schwarzwald-Baar-Klinikum, von dem sie sagt: „So einen schönen hatte ich noch nie“. Engmaschig tauscht sich das Team des Palliativzentrums über die Patienten aus, teamintegriertes Arbeiten ist hier selbstverständlich.

Antina Beutel stellt zu jedem Fall Hypothesen auf, arbeitet an Lösungen, aber immer gemeinsam mit den Patienten. „Bei jedem fällt die psychische Belastung anders aus“, weiß sie. Manche finden nach einer niederschmetternden Diagnose eigene Bewältigungsstrategien, andere brauchen die Unterstützung von Antina Beutel und ihren Kollegen, damit sie – anders als in einem Hospiz – wieder nach Hause entlassen werden können.

Suche nach Traumata

Bei den Menschen, die besonders schlecht mit ihrer aktuellen Situation zurechtkommen, setze sie eine „Traumabrille“ auf, sagt Antina Beutel. Und in der Regel werde sie dabei fündig. Ihre Masterarbeit verfasste sie in einer Studie an der LMU München, in der ehemalige Intensivpatienten mit posttraumatischen Belastungssymptomen ein kurzes traumatherapeutisches Angebot erhielten. Schon nach drei Sitzungen stellten sich nachweisbare Erfolge ein.

Die Kurzversion der Narrativen Expositionstherapie (NET), bei der zurückliegende Traumata nachträglich verarbeitet werden, machte sie – gemeinsam mit deren Urhebern - zum Thema ihrer Doktorarbeit. Antina Beutel erlebt es immer wieder: Patienten im Palliativzentrum mit so stresshaften Gefühlen wie Kontrollverlust, Todesangst und Hilflosigkeit werden durch die Behandlung substanziell entlastet und können sich ihrer aktuellen Lebenssituation gestärkt stellen.

Ihre Studie belegt Erfolg der Methode

Mit ihrer Studie, die den Erfolg der Methode belegt und mit der sie demnächst ihre Promotion abschließt, gewann sie soeben einen mit 500 Euro dotierten QuMIK-Preis, den der baden-württembergische Verband kommunaler Kliniken für Verbesserungsvorschläge im klinischen Ablauf zum Wohle der Mitarbeitenden oder Patienten verleiht.

Ein Faible für Hausmusik

Antina Beutel weiß, dass der Bedarf an Traumabewältigung enorm ist. Sie wird auch von Geburtskliniken und Anästhesisten als zusätzlich freiberuflich arbeitende Psychologin angefragt und wirkt an der LMU München nach wie vor wissenschaftlich mit.

Privat liebt sie Hausmusik mit ihrer Bratsche, besucht gerne Konzerte, Theater und Ausstellungen und sei, wie sie sagt, nach ihrem Herzug positiv überrascht gewesen, was sie davon in Villingen-Schwenningen an Vielfalt antreffe.