Windräder auf kommunalen Flächen im Wisoch? Am 8. März wird in Oberndorf und Fluorn-Winzeln abgestimmt. Vorher wollen die Bürgermeister und der Projektentwickler aufklären.
Wie sehr das Thema Windkraft die Bürger umtreibt, hatte sich bereits bei der Einwohnerversammlung im Juli 2025 gezeigt. „So viele Fragen wie da hatten wir noch nie“, meint Sebastian Schüßler, Leiter Projektentwicklung Wind bei „Badenova“. Und alle habe man sie beantwortet. Dennoch: Vor den Bürgerentscheiden am 8. März in Oberndorf und Fluorn-Winzeln wollen er und die Bürgermeister im Gespräch mit unserer Redaktion manches klarstellen, umfassend informieren und vor allem Fehlannahmen und Zweifel beseitigen.
Vorneweg gesagt: Das Klimagesetz sieht vor, dass mindestens 1,8 Prozent der Landesfläche für Windenergie ausgewiesen werden sollen. Bei den vom Regionalverband Schwarzwald-Baar-Heuberg ausgewiesenen Vorranggebieten sei das „Wisoch“ aufgrund der untersuchten Windhöffigkeit und anderer Kriterien von Anfang an dabei gewesen, erklärt Sebastian Schüßler im Pressegespräch.
„Badenova“ plane beim Windpark sogar freiwillig einen größeren Abstand als gefordert zur Wohnbebauung ein (1000 Meter) und trage damit unter anderem auch dem Wunsch der Beffendorfer Rechnung.
Das ist der Status quo
Im April 2025 hat der Gemeinderat Oberndorf der Planung und Realisierung eines Windparks im „Wisoch“ grundsätzlich zugestimmt – mit einer knappen Zwei-Drittel-Mehrheit. In Fluorn-Winzeln ist man schon etwas weiter. Dort hat der Gemeinderat im Juli 2025 mehrheitlich beschlossen, dass gemeindeeigene Grundstücke für den geplanten Windpark Wisoch verpachtet und ein Nutzungsvertrag unterzeichnet werden soll.
In beiden Kommunen wurde jeweils ein Bürgerbegehren eingereicht, über das am 8. März abgestimmt wird. Das Ergebnis soll dann zu später Stunde noch bekanntgegeben werden – bei der Stimmenauszählung hat die Landtagswahl Vorrang. Oberndorfs Bürgermeister Matthias Winter stellt in diesem Zusammenhang klar, dass es bei dem Entscheid nicht etwa um die Energiewende oder Windkraft insgesamt gehe, sondern ausschließlich um die Frage, ob man in Oberndorf kommunale Flächen im Wisoch für Windräder zur Verfügung stellen will.
Wenn die Bürgerentscheide Erfolg haben
Sollten die Bürgerentscheide Erfolg haben, was geschieht dann? Für Oberndorf hieße das, dass die kommunalen Flächen im Wisoch nicht für den Windpark zur Verfügung gestellt werden. In Fluorn-Winzeln würde es bedeuten, der unterzeichnete Nutzungsvertrag wird aufgelöst.
Wer aber glaubt, damit sei ein Windpark im Wisoch ganz vom Tisch, der irrt, stellt Schüßler klar. Denn der könne auch ganz ohne kommunale Flächen realisiert werden und komme so oder so. „Badenova“ habe sich seit November bereits 20 bis 30 Flurstücke in Privatbesitz gesichert. Etwa zwölf benötige man pro Windrad.
Die finanziellen Vorteile
„Die Frage ist also nicht, ob der Windpark kommt, sondern wer davon profitiert: Privatbesitzer oder die Kommunen“, macht Winter klar. Gewerbesteuer könnte bereits nach drei Jahren Geld in die Kassen der Stadt spülen und darüber entscheiden, ob manches kommunales Projekt finanziert werden könne oder eben nicht.
Pachteinnahmen erhielten im Sinne der Solidargemeinschaft nicht nur die Besitzer der genutzten Flurstücke – auch wenn ihr Anteil aufgrund der für sie eingeschränkten weiteren Nutzbarkeit der Fläche natürlich höher sei –, sondern auch Grundeigentümer im ausgewiesenen Gebiet, zeigt Schüßler auf.
Hinzu komme eine Kommunalabgabe auf Gemarkungsbasis – etwa 20 000 Euro pro Anlage. Zudem könnten sich die Kommunen an der Projektgesellschaft beteiligen und damit Dividenden über 25 Jahre erhalten. Ebenso könnten sich die Bürger beteiligen und darüber Renditen erzielen. Ein Bürgerstromprodukt werde es ebenfalls geben.
Das Thema Rodung
Etwa einen halben Hektar pro Windrad benötige man, so der „Badenova“-Vertreter. Im Oberndorfer Fall bedeutet das, dass Bäume abgeholzt werden müssen. Diesen Umstand müsse man aber einordnen, meinte Bürgermeister Winter.
So handle es sich im Wisoch-Fall nicht um einen „High-end-Wald“. Im Sinne des Waldumbaus schlage man dort also ohnehin jedes Jahr Holz ein und forste neu auf. Etwa ein bis zwei Prozent der Bäume würden herausgenommen für die Windräder – und ihr Holz selbstverständlich vermarktet, erklärt Winter. Wenn man so wolle, zahle „Badenova“ der Stadt Oberndorf also auch noch einen Teil des Waldumbaus.
Wiederherstellung der Flächen
Sicherlich benötige man neben Platz für das Fundament auch Flächen für den Kran und Lagermöglichkeiten, jedoch nur während der Bauphase, erklärt Sebastian Schüßler. Zudem sei man gesetzlich dazu verpflichtet, diese Flächen nach der Bauphase wiederherzustellen. Das treffe nach Ende der Laufzeit der Windräder auch auf die Fundamente zu.
Brandgefahr und Insolvenz-Sorge
Weitere klassische Kritikpunkte aus der Bevölkerung seien die Brandgefahr und die Sorge vor einer Insolvenz des Betreibers. Die Chance für den Brand eines Windrads liege im Promillebereich, meinte der Projektleiter dazu. In Sachen Brandschutz gebe es ebenfalls gesetzliche Vorgaben, die man natürlich einhalte.
Schüßler sprach auch die „Mär“ an, dass die Windräder bei einer möglichen Insolvenz von „Badenova“ für immer im Wisoch stehen und verrotten könnten. Neben dem Aspekt, dass eine Insolvenz enorm unwahrscheinlich sei, müsse auch die „Badenova“ zudem eine Bürgschaft beim Landratsamt einreichen. Bei einer etwaigen Insolvenz könnte das Landratsamt zum Rückbau dann jeden Dienstleister beauftragen, den es wolle.
Was den Anschluss der Windräder an das öffentliche Stromnetz angehe, so finde eine Netzanfrage statt, erklärt Fluorn-Winzelns Bürgermeister Rainer Betschner: Das Netz werde zu dem Zeitpunkt, an dem die Windräder stehen, angepasst sein. Damit verbunden sei noch der Bau eines Umspannwerks, das strategisch sinnvoll platziert werden soll, so dass beispielsweise auch die geplanten Windräder in Bösingen und Waldmössingen dieses nutzen könnten, teilt Schüßler die Überlegungen der „Badenova“ mit.
Wichtiger Standortfaktor
Klar sei auch: Man habe einige Unternehmen in der Region, die viel Energie benötigten und diese auch einforderten, berichtet Bürgermeister Winter. Die Energieversorgung sei also auch ein wichtiger Standortfaktor. Natürlich sei der Bau eines Windrads ein Eingriff, aber vor dem Hintergrund, dass Sonne und Wind im Gegensatz zu anderen Energieformen quasi unendlich zur Verfügung stehen, müsse man das Windpark-Projekt als Chance begreifen.
Angst vor Veränderung?
„Die Energiewende gibt’s nicht umsonst“, greift Schüßler noch einmal den Klimaaspekt auf. Das Gesetz fordere einen Ausbau der Windenergie. Der größte Faktor, der bei den Bürgern zur Ablehnung von Windrädern führt? Seiner Meinung nach die Veränderung. „Davor haben die Menschen Angst.“
Optik und Geräusche seien zentrale Faktoren. Natürlich veränderten die Windräder das Landschaftsbild – „und man hört sie auch, wenn man direkt daneben steht“, sagt Schüßler. Zu den Themen Schattenwurf und Schallschutz gebe es aber Grenzwerte, die eingehalten werden müssten.
SF6, Abrieb und Infraschall
Lediglich ein theoretisches Risiko sei das Treibhausgas SF6 (Schwefel-Hexafluorid), das in Windkraftanlagen als Isoliergas eingesetzt wird, sagt der „Badenova“-Vertreter. Das gebe es beispielsweise auch noch in alten Fenstern. Dass es austrete, passiere im Windrad-Fall ganz selten.
Was Abrieb von den Windrad-Rotorblättern angehe, so gebe es diesen natürlich – jedoch in einer aus seiner Sicht zu vernachlässigenden Menge. Außerdem schütze man die Kanten der Rotorblätter bestmöglich – „wir haben ja auch ein Interesse daran, dass die Windräder gut laufen“.
Was die Gefahr von Infraschall angehe – „der entsteht übrigens auch beim Wellenrauschen“, merkt Betschner an – so seien gesundheitliche Schäden medizinisch nicht bewiesen, meint Sebastian Schüßler.
Er habe das Gefühl, mancher sehe Windräder als „manifestierte staatliche Obrigkeit“, was manche emotionale Debatte erkläre, meint Bürgermeister Winter. Ihm sei an einer Versachlichung gelegen. Denn objektiv gesehen, spreche nicht viel gegen Windräder im Vergleich zu anderen Energieformen.
Der Zeitplan
In diesem Jahr werde man weiter Gespräche mit Flächeneigentümern im Wisoch führen, kündigt Sebastian Schüßler an. 2027 werde man dann den Wind messen und die im Rahmen des Genehmigungsverfahrens erforderliche Artenschutzuntersuchung vornehmen. In Betrieb genommen werden könnten die Windräder dann voraussichtlich 2029/2030.
Weitere Info zum Projekt und Antworten auf alle bei der Einwohnerversammlung gestellten Fragen gibt es unter www.badenova.de/ueber-uns/unser-handeln/wind/windpark-wisoch.
Projekt, Veranstaltungen und Bürgerentscheide
Windpark Wisoch
Drei Windräder könnten nach derzeitigem Planungsstand der „Badenova“, einem kommunal getragenen Unternehmen, auf Fluorn-Winzelner Gemarkung (Offenlandflächen) entstehen und zwei Windräder auf Oberndorfer Gemarkung (Wald). In Summe sind kommunale sowie private Flächen im Wald und Offenland vorgesehen. Mit den Windrädern sollen 60 Millionen Kilowattstunden jährlich erzeugt und damit 40 000 Personen jährlich versorgt werden. Die Windräder sollen insgesamt rund 260 Meter hoch sein bei einer Nabenhöhe von 175 Metern.
Die Bürgerentscheide
Die Fragestellung in Oberndorf lautet: „Soll die Verpachtung kommunaler Waldflächen der Gemeinde Oberndorf am Neckar an Windenergieanlagenbetreiber-/investoren auf dem Gebiet Wisoch unterbleiben?“, in Fluorn-Winzeln: „Sind Sie dafür, dass das Windkraftvorhaben Wisoch auf der Gemarkung der Gemeinde Fluorn-Winzeln von der Gemeinde nicht unterstützt wird, und die Gemeinde mit allen rechtlich zulässigen Mitteln auf eine Nichtunterzeichnung beziehungsweise Aufhebung des Nutzungsvertrages hinwirkt?“. Entschieden ist die Frage, wenn es eine Mehrheit gibt, die mindestens 20 Prozent der Stimmberechtigten beträgt. Bei Stimmengleichheit gilt die Frage als mit „Nein“ beantwortet.
Weitere Info-Veranstaltungen
Bereits am Freitag, 20. Februar, informieren die Stadtverwaltungen, das Forum Energiedialog und „Badenova Erneuerbare“ bei einstündigen Marktplatzgesprächen über den Bürgerentscheid und das geplante Projekt: um 9.30 Uhr bei „Norma“ in Bochingen, 11 Uhr Schuhmarktplatz Oberndorf, 12.30 Uhr beim „Scheurenbrand“ in Aistaig, 14.15 Uhr bei „Aldi“ auf dem Lindenhof, 15.45 Uhr bei „Edeka“ in Fluorn-Winzeln.
Eine Infoveranstaltung findet am Freitag, 27. Februar, ab 18 Uhr in der Neckarhalle in Oberndorf statt. Um 19.30 beginnt eine Podiumsdiskussion, die auch per Livestream (https://www.youtube.com/@forumenergiedialog4961/streams) übertragen wird. Dabei sind Bürgermeister, Gemeinderäte, die Bürgerinitiativen aus Oberndorf und Fluorn-Winzeln, „Badenova Erneuerbare“ und das Dialogforum Energiewende und Naturschutz. Gegen 21 Uhr wird die Veranstaltung vorbei sein.