Beim Neujahrsempfang in Deißlingen hat der Bürgermeister klare Worte an die anwesenden Abgeordneten von Bund und Land. Demnach müsse ein andere Kurs eingeschlagen werden.
Mit einem ganz neuen Format feierten die Lauffener und Deisslinger am Freitag ihren Neujahrsempfang. So übernahm Marcel Riedlinger die Moderation des Abends, und er hatte besondere Interviewpartner.
Zunächst Lauffens Zunftmeister Matthias Krotz, der Werbung für das Ringtreffen am letzten Januarwochenende machen durfte, und dann die vier Herren Stefan Schuler, Thilo Hauser, Armin Schmidt und Harry Gruneis alias „Horch amol“. Sie haben nämlich aus ihrer Begeisterung für Alphörner eine für das kleinere, tragbare und hier traditionelle Hirtenhorn gemacht – je eines aus Wachholderholz gebaut und gelernt, darauf zu spielen.
„Frauenstimmen“ umrahmen mit Anekdoten
Die Kostprobe davon begeisterte ebenso wie die „Frauenstimmen“. Tati Mitsche, Sarah Ott, Mimi Storz, Geli Eberle, Dori Roth, Beate Heirich und Barbara Schumpp wurden von Michael Eberle und Andre Sütterlin begleitet, und Tati Mitsche umrahmte die Stücke mit heiteren Proben-Anekdoten.
Schließlich kam Bürgermeister Ralf Ulbrich zu Wort. Seine Rede war auch direkt an die anwesenden Landtags- und Bundestagsabgeordneten gerichtet. „Wir haben keine Zeit mehr für die nächste Expertenkommission zu den längst bekannten Themen, wir brauchen schnelle und konsequente Entscheidungen und vor allem deren Umsetzung.“
Auch das schuldenfreie Deißlingen müsse einen verschärften Sparkurs einschlagen, was man aber den Bürgern gegenüber erklären und vertreten könne. Das Wort „Sondervermögen“ sei für ihn das Unwort des Jahres. „Zeigt es doch, wie wir mit Worthülsen die Realität verschleiern. Schulden sind das Gegenteil von Vermögen und dürfen auch als solche benannt werden!“
Standard nicht „leichtfertig aufs Spiel setzen“
Deißlingen werde investieren, um die sehr gute Infrastruktur zu erhalten, in Straßen, Brücken, die Feuerwehr, in Sportstätten und das Rathaus. „Es geht nicht darum, weitere Einrichtungen zu schaffen, die unterhalten und betrieben werden müssen, sondern unsren Standard möglichst zu halten und nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen.“
Auf Landes- und Bundesebene sei es dagegen in den letzten Jahren beinahe nur darum gegangen, neue Standards und Rechtsansprüche zu schaffen und geltende immer weiter hochzuschrauben, ohne dabei an die langfristige Finanzierung zu denken. Die habe man dann den Kommunen überlassen. „Das, liebe Abgeordnete, hat nichts mit Zukunftsgestaltung zu tun und schafft keine Identität!“ Es gelte nun mehr denn je, „uns als Gesellschaft zu hinterfragen und miteinander darüber zu diskutieren, wo wir hinwollen. Sachlich und respektvoll. Nicht polemisch, nicht, um sich auf Kosten der politischen Mitbewerber zu profilieren und schon gar nicht, um Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen und aufzuwiegeln.“
Leistungsgedanke soll wieder gelebt werden
In Deißlingen bemühe man sich genau darum, trotz schwindender Finanzen. „Wir müssen bereit sein, die Komfortzone zu verlassen und den Leistungsgedanken wieder zu leben“, betonte der Schultes. Dazu müsse man sich ein Stück weit neu erfinden, „aber es gibt genügend kluge und motivierte Menschen in diesem Land, die bereit dafür sind.“
Als Gesellschaft Identität stiften
Jeder müsse seinen Beitrag leisten, bereit sein, mehr zu tun als das unbedingt Notwendige. Das gelinge bereits mit viel Ehrenamt, mit Veranstaltungen wie den Highlandgames oder den Kulturveranstaltungen in der Zehntscheuer, mit der Kreativwerkbude oder der Dorfputzete. „So wie es uns als Dorfgemeinschaft immer wieder gelingt, Identität zu stiften, aus der Ungeahntes möglich wird, so kann es uns auch als Gesellschaft gelingen.“ Daraus gelinge es, mit Begeisterung für all das, was die Gesellschaft, das Land ausmache, Vertrauen in die Zukunft zu entwickeln.
Ein gutes Beispiel dafür war Marcel Riedlingers letzte Interviewpartnerin Nicoleta Dorn. Die Haus- und Notärztin hat nach einer überstandenen Krebserkrankung an ihrem ersten Arbeitstag, dem Fasnetsdienstag 2025, einer Umzugs-Zuschauerin das Leben gerettet.