Seit 100 Tagen ist Ryyan Alshebl der Chef im Ostelsheimer Rathaus. Foto: Felix Biermayer

Ostelsheims neuer Verwaltungschef erklärt, wie er sich eingelebt hat, was alles ansteht und welches Wahlversprechen er als erstes erfüllt hat.

Am 2. April wurde Ryyan Alshebl mit einer absoluten Mehrheit von 55,41 Prozent im ersten Wahlgang zum Bürgermeister gewählt. Dieser Sieg sorgte wegen seiner Biografie als syrischer Geflüchteter auch international in den Medien für Aufsehen. Ende Juni trat er sein Amt an. 100 Tage später ist der Medienzirkus weitergezogen. Alshebl ist immer noch da und hat sich für sein Amt viel vorgenommen.

 

Er sitzt in seinem Eckbüro im Rathaus mit Blick auf den Ortskern. An der Wand hängt neben einem Schwarz-weiß-Luftbild von Ostelsheim aus früheren Tagen ein Foto eines fast pyramidenförmigen Bergs aus seiner syrischen Heimat. Der sei aus dem Fenster der Wohnung seiner Eltern aufgenommen. „Als Kind hat mich immer interessiert, was da dahinter liegt“, so Alshebl. Damals hat er vermutlich nicht geahnt, dass er eines Tages Bürgermeister im fernen Deutschland wird.

„Sehr gescheite“ Kollegen

Er habe sich im Rathaus gut eingelebt, erzählt der 29-Jährige. Anfänglich sei es schwierig gewesen, als junger Mann der Chef älterer Mitarbeiter zu sein. Doch diesen „Schock“ habe man überwunden. „Aber Vertrauen braucht Zeit. Das geht nicht in drei Monaten“, ist ihm klar. Die Kollegen seien „super“. Besonders mit der Hauptamtsleiterin Sara Hartmann und Kämmerer Fabian Dieringer arbeite er eng zusammen. „Man ist privilegiert, dass man mit zwei sehr gescheiten Leuten zusammenarbeiten darf“, lobt er die beiden.

Auch privat hat sich für Alshebl etwas geändert. Er ist vor Kurzem von Althengstett nach Ostelsheim gezogen. Er fühle sich hier wohl. Und er hat damit eines seiner Wahlversprechen erfüllt. Eines, für das er nicht die Zustimmung des Gemeinderates braucht. Bei seinen weiteren Vorhaben sieht das anders aus. Wobei er die Zusammenarbeit mit dem Gremium als „sehr gut“ beschreibt. Man streite zwar manchmal. Das sehe er aber als Zeichen des Engagements der Räte. Und das sei ihm lieber als Gleichgültigkeit.

Er will Windräder bauen

Das Thema des Personalmangels in der Kita ist er mit dem Gemeinderat schon angegangen. Zwei weitere Großprojekte stehen aber auf der Agenda. Alshebl will sich auf die Städtebauförderung bewerben und damit Gelder für die Aufwertung des Ortskerns bekommen. Ein dafür notwendiges Konzept soll innerhalb eines Jahres entwickelt werden. Und er will sich für den Ausbau der Windkraft einsetzten und Ostelsheim so klimaneutral machen. Potenzielle Standorte sieht er im Lochwald in Richtung Gechingen.

Alshebl hat zudem im Zweckverband der Hesse-Bahn für das 18 Millionen Euro teure Trennwandsystem zum Schutz der Fledermäuse in den Bestandstunneln gestimmt. „Es gibt keine Alternative“, findet er. Der Zweck sei gut, aber es gehe um eine „gigantische Summe“, so das Grünen-Mitglied. „Das ist an der Grenze der Verhältnismäßigkeit“, meint der Bürgermeister. Er zieht den Vergleich zu seiner früheren Heimat. „Wenn ich in Syrien, wo die Menschen teilweise hungern, erzählen würde, dass wir 18 Millionen Euro für Fledermäuse ausgeben, würden die uns für Spinner halten.“

„Greifbarer“ Bürgermeister

„Es ist interessanter, als ich es mir vorgestellt habe“, sagt er über seinen Job als Bürgermeister. Weil die Verwaltung klein sei, müsse er viele Bereiche abdecken. Er habe zum Beispiel schon drei Ehen schließen dürfen. Und die Überschaubarkeit im Rathaus mache die Verwaltung „agiler“, findet er. Zudem gehe er gern auf die Feste im Ort. Die Menschen empfänden es als angenehm, dass der Bürgermeister „greifbarer“ ist. Und er bekomme viel positives Feedback.

Dass manche den Medienrummel um seine Person kritisieren, kann er nachvollziehen. Die Aufmerksamkeit habe dem Ort aber auch etwas gebracht, meint er. Viele aus Politik und Wirtschaft hätten ihren Blick nämlich nun auf Ostelsheim gerichtet. Er habe seine Medienauftritte aber reduziert und Maybrit Illner kürzlich erst abgesagt. „Ich mache nur das, was zeitlich möglich und inhaltlich interessant für mich ist“, erklärt er.

Und freie Zeit hat er nicht viel. Er zähle seine Arbeitsstunden zwar nicht, aber es sei deutlich mehr als bei seinem früheren Job in Althengstett. Mails beantworte er sogar noch aus dem Bett. „Gedanklich bin ich permanent bei der Arbeit“, erzählt der Bürgermeister. Trotzdem würde er sich wieder zur Wahl aufstellen. Die Arbeit mache ihm Spaß. Was ihn am meisten am Job begeistert? „Ich habe das Privileg, das Leben der Menschen zu verändern“, antwortet Alshebl.