Neue Studie aus Basel: Frühjahrsmüdigkeit? Gibt’s gar nicht!

Dass viele Menschen sich im Frühjahr müder als sonst fühlen, erklärt eine Studie als kulturelles Phänomen (Symbolfoto).
Sunrise/PixabayWenn die Tage wieder länger werden, klingelt bei Christine Blume das Telefon häufiger. Denn dann wollen Journalisten von der Basler Schlafforscherin wissen, was es mit der Frühlingsmüdigkeit auf sich hat.
Bisher antwortete sie jeweils, dass es keine Studie gebe, die dieses Phänomen untersucht habe. „Das fand ich aber stets unbefriedigend“, sagt Blume, die am Zentrum für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken und an der Universität Basel forscht. Deshalb führte sie zusammen mit dem Schlafforscher Albrecht Vorster vom Inselspital der Universität Bern eine Studie durch, die untersuchte, ob die Menschen im Frühling tatsächlich müder sind als zu anderen Jahreszeiten. Die Ergebnisse sind im Fachjournal „Journal of Sleep Research erschienen.
„Frühlingsmüdigkeit“ ist weit verbreitet
Grundlage der Studie war eine Online-Befragung, bei der die Teilnehmer über ein Jahr ab April 2024 alle sechs Wochen kontaktiert wurden. Die Forscher werteten die Antworten von 418 Personen aus. In der Befragung gaben die Teilnehmer jeweils an, wie erschöpft sie sich in den vergangenen vier Wochen gefühlt hatten. Außerdem machten sie jeweils Angaben zur Schläfrigkeit während des Tages und zur Schlafqualität. Durch die wiederholte Befragung waren unterschiedliche Jahreszeiten abgedeckt.
Jeder Zweite fühlt sich frühjahrsmüde
Von den Teilnehmern hatte bei Studienbeginn rund die Hälfte angegeben, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden. „Das hätte sich auch in der Auswertung der Umfragedaten zeigen müssen“, sagt die Studienleiterin Christine Blume. Allerdings war das nicht der Fall.
Menschen sind weniger fit als gewünscht
„Im Frühling werden die Tage schnell länger. Wenn Frühlingsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa, weil sich der Körper anpassen muss“, so die Schlafforscherin. In den Daten spielte jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge veränderte, keine Rolle für die Erschöpftheit der Teilnehmer. Ebenso fanden sich keine Unterschiede zwischen den einzelnen Monaten oder Jahreszeiten.
Subjektive Wahrnehmung
Die Forscher interpretieren die Diskrepanz zwischen der subjektiven Wahrnehmung und den Messdaten als Hinweis darauf, dass die Frühlingsmüdigkeit eher ein kulturell geprägtes Phänomen ist als ein tatsächliches saisonales Syndrom: Weil es einen etablierten Begriff dafür gebe, achteten viele Menschen im Frühling stärker darauf, wie müde sie sich fühlen, und deuten Erschöpfungssymptome entsprechend. So bestätige sich das Phänomen immer wieder selbst.
Eigener Anspruch versus Energielevel
„Im Frühling haben wir möglicherweise auch das Gefühl, wir müssten aktiver sein und sollten das gute Wetter nutzen. Wenn wir uns dann doch nicht dazu aufraffen können, klaffen Anspruch und subjektives Energielevel auseinander“, so die Expertin. Dies mit der Frühlingsmüdigkeit zu begründen oder gar zu entschuldigen, komme da recht gelegen. „Sie ist eine Erklärung, die in der Gesellschaft vollkommen akzeptiert ist.“
Das Tageslicht beeinflusst die innere Uhr
Grundsätzlich gilt: In der dunklen Jahreszeit fühlen sich viele Menschen müder und schlafen etwas mehr. Das belegen chronobiologische Untersuchungen und es zeigt sich auch in den Angaben der Studienteilnehmer. Ein Grund dafür könnte sein, dass die biologische Nacht, die von der inneren Uhr gesteuert wird, in den Wintermonaten etwas länger dauert. „Das bedeutet aber auch, dass wir uns eigentlich fitter fühlen sollten, wenn die Tage wieder länger werden“, so die Wissenschaftlerin.
Im Sommer schlafen die Menschen weniger
Im Sommer zeige sich das besonders deutlich, wie die Datenauswertung unterstreicht: „Dann schlafen viele Menschen generell weniger: Die Tage sind lang und man trifft sich vielleicht abends noch mit Freunden und genießt die Sommerabende“, sagt Christine Blume. Trotz weniger Schlaf nehme die Erschöpfung dadurch nicht zu. Das bestätigte sich auch in der Studie.
Allen, die sich im Frühling energielos fühlen, rät die Psychologin zu möglichst viel Tageslicht, Bewegung und ausreichend Schlaf. Und wenn dieses Jahr Medienanfragen zur Frühlingsmüdigkeit eingehen, wird sie sich erstmals auf empirische Daten berufen können.