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Nagold Wie Nagold zur Schleiferstadt wurde

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Der hohe Besuch auf dem Nagolder Eisberg ein Jahr nach dem Tod des Rekruten Gerd Trimborn war wohl kein Zufall: Der Bundesminister für Verteidigung Kai-Uwe von Hassel besuchte den Standort Nagold. Rechts der Kommandeur des Fallschirmjägerbataillons 252, Oberstleutnant Herbert Stobbe, Links im Bild: der Kommandierende General des II. Korps aus Ulm, Generalleutnant Leo Hepp. Er hatte im Herbst 1963 in der Folge des Schleifer-Skandals die sofortige Auflösung der Ausbildungskompanie 6/9 angeordnet. Foto: Archiv Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Heiko Hofmann

Nagold. 1. August 1963: Der Vorfall liegt schon eine Woche zurück. Jetzt erst erfährt die Öffentlichkeit davon: "Junger Fallschirmjäger erlitt Hitzeschlag", titelte die Nagolder Tageszeitung "Der Gesellschafter" heute vor 50 Jahren. Zum ersten Mal hören an jenem Tag die Leser von dem verhängnisvollen Hitze-Marsch der jungen Rekruten vom 25. Juli 1963. Der Fall endet tragisch: 1. August 1963 das ist auch der Tag, an dem der 19-jährige Soldat stirbt. Die Folgen bewegen die ganze Republik. Fortan ist die Rede von der "Schleiferstadt Nagold".

Auf den Tag genau 50 Jahre ist es her, dass er 19-jährige Rekrut Gerd Trimborn starb. Zum 1. Juli, also erst wenige Wochen zuvor, hatte er seine Grundausbildung in Nagold begonnen. In der Ausbildungskompanie 6/9 war er auf dem Eisberg stationiert. Einige Marschübungen hatte man schon hinter sich gebracht. Dann kam der 25. Juli 1963, ein Donnerstag. Es war ein schwül-heißer Tag. Um 9 Uhr stand Kartenkunde im Freien an, der verhängnisvolle Marsch in voller Ausrüstung begann nach dem Mittagessen – in der größten Gluthitze. Es ging Richtung Wildberg. Bis zur Rastpause am Haus Sulzer Eck wurden die Stahlhelme aufbehalten. Gegen 16 Uhr begann der Rückmarsch.

Während im ersten Zeitungsbericht über den Vorfall noch beschrieben wird, dass der Verstorbene noch das Kasernengelände erreichte, gestützt von zwei Kameraden, und erst dann ohnmächtig zusammenbrach, stellte sich in einem weiteren Bericht, zwei Tage nach dem Bekanntwerden des Todes, ein anderes Bild dar.

"Der Gepäckmarsch der Nagolder Rekruten", titelte nun der Gesellschafter. Und in dem Bericht kommt ein Zivilist als Augenzeuge zu Wort. Denn der Marschzug der jungen Soldaten hatte für einiges an Aufsehen gesorgt. Mehrere Zeugen meldeten sich später bei der Polizei und auch beim "Gesellschafter", die beim Versorgungskrankenhaus Bad Rötenbach die Soldaten beobachtet hatten. Durch das Geschrei der Ausbilder sei man auf den Trupp, der gegen 17.50 Uhr an der Versorgungsanstalt Rötenbach vorbeigelaufen kam, aufmerksam geworden. "Auf der Straße konnte ein Soldat fast nicht mehr vorwärtsgehen und war am Zusammenbrechen. In dieser Situation ging ein Ausbilder her und stieß den wankenden Soldaten mit dem Gewehrlauf nach vorne", erzählte ein Augenzeuge.

"Er kam für einen Augenblick zu sich, fiel dann aber sofort wieder in Ohnmacht und schlug um sich."

Die Zivilisten mischten sich ein, wodurch der Zug zum Halten kam. Doch der Zugführer ließ weitermarschieren. "Was wollt ihr Dreckszivilisten?", soll einer der Ausbilder beim Weggehen noch gerufen haben.

Keine 50 Meter weiter brach der Soldat, der zuvor gestoßen wurde, zusammen. "Ein Ausbilder blieb bei dem Soldaten zurück. Aber aus dem weitermarschierenden Zug brachen noch drei weitere Soldaten zusammen. Einer blieb völlig bewusstlos liegen", berichtete die Zeitung.

Erste-Hilfe-Maßnahmen setzten ein. Der Zugführer und ein weiterer Soldat sollen mit der Mund-zu-Mund-Beatmung begonnen haben. Einer der Zivilisten berichtete: "Der Bewusstlose hatte ganz starre Augen." Der Hausmeister der Einrichtung, der eine Sanitätsausbildung hatte, brachte Riechmittel, und versuchte eine Wiederbelebung. Der Zeuge: "Er kam für einen Augenblick zu sich, fiel dann aber sofort wieder in Ohnmacht und schlug um sich."

Nun ging alles ganz schnell: Der bewusstlose Soldat wurde von dem Hausmeister in die Kaserne hoch gefahren, dann ging es ins Nagolder Krankenhaus und schließlich weiter nach Tübingen. Sieben Tage lang wurde um das Leben des 19-Jährigen gerungen, bis er am Morgen des 1. August verstarb.

Der Tod des 19-jährigen Rekruten hatte weitreichende Folgen: Gerichte beschäftigten sich mit den Ausbildungspraktiken in der Ausbildungskompanie 6/9 auf dem Eisberg. In der Folge stellte sich heraus, dass der verstorbene junge Mann wegen einer bei der Musterung nicht festgestellten gesundheitlichen Beeinträchtigung gar nicht erst hätte eingezogen werden dürfen. Direkt wegen des Todes des 19-Jährigen wurde auch niemand verurteilt. Doch Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten, Journalisten aus dem In- und Ausland recherchierten. Und schnell wurde klar, dass das "Schleifen" von Rekruten in der Ausbildungskompanie 6/9 weit verbreitet war – es eben nicht nur einen "Schleifer von Nagold" gab. In mehreren Verhandlungen mussten sich die Ausbilder rechtfertigen. Zwei Offiziere und mehrere Unteroffiziere und Mannschaften wurden zum Teil zu mehrmonatigen Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt. Missbrauch der Befehlsbefugnis, Misshandlung von Untergebenen und Verletzung der Menschenwürde waren die Anklagepunkte. Am 29. Oktober 1963 löste der Bundeswehr-Generalleutnant Leo Hepp als kommandierender General des zuständigen II. Korps die Fallschirmjäger- Ausbildungskompanie 6/9 mit sofortiger Wirkung auf – eine ebenso einmalige wie auch massive Reaktion, die in der Militärgeschichte absolut unüblich war: Es war eine Auflösung in Schande.

Die Gerichtsverhandlungen brachten ein verheerendes Bild an die Öffentlichkeit. Schikanen und sinnlose Quälereien wurden bekannt: Ein völlig unmusikalischer Rekrut wurde immer wieder gezwungen zu singen – zum Teil vor versammelter Mannschaft. Von Stößen und Fußtritten ist die Rede, von Liegestützen über einem aufgeklappten Taschenmesser, überhartem Drill zur Tag- und Nachtzeit und von Beschimpfungen übelster Art. "Der Schleifer von Nagold" – dieses Schlagwort entstand in dieser Zeit. Und Nagold sollte für Jahrzehnte der zweifelhafte Ruf der "Schleiferstadt" anhaften.

 
 

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