In recht kurzer Zeit organisiert, hat sich die Demo für Demokratie und Toleranz in Nagold als Erfolg bewiesen. Rund 2500 Menschen machten ich auf den Weg, durch die Innenstadt zu marschieren, hinzustehen und den Reden auf dem Vorstadtplatz zu lauschen: Gegen Extremismus und gegen eine rechte Hochburg.
Kurz vor 13.30 Uhr: Der Europaplatz vor der Nagolder Stadthalle füllt sich und die Menschen warten darauf, dass es losgeht. Ganz vorne mit dabei: die Redner der Demo Nagold. Sie marschieren voran, durch die Marktstraße zum Vorstadtplatz, auf dem schon Musiker Fred Heldmaier wartet und eines seiner umgedichteten Lieder zum Besten gibt. Umgedichtet für die Demo in Nagold: „Nagold steht auf – für Demokratie und Toleranz“, die Demo gegen Extremismus oder wie von vielen genannt: die Demo gegen rechts.
Dort versammeln sich nach und nach die rund 2500 Demonstranten. Vor der Bühne, auf der sieben Menschen aufstehen und ihre Meinung stark machen. Immer wieder ertönt Klatschen bei den Reden. Denn die Redner stehen für das auf, was die Menschen vor Ort bewegt und wofür sie sich stark machen möchten.
Zeitzeuge vom Zweiten Welt steht auf
„Nein, nicht mit uns“ Zu Beginn liest Thomas Eisseler, Vorsitzender der Urschelstiftung, einen Brief von Rolf Hinderer, Nagolder, Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs und heute 95 Jahre alt, vor.
Hinderer weiß genau, wie Deutschland zu der heute wohlhabenden Demokratie geworden ist. Er hat als 16-Jähriger das Ende des zweiten Weltkriegs erlebt, die Schrecken gesehen, von denen die meisten nur noch in Geschichtsbüchern lesen.
„Nein, nicht mit uns“, schreibt der Nagolder. Das, „was unsere Großeltern uns Eltern aufgebaut haben“, soll nicht in Frage gestellt und zerstört werden – weder von rechts noch von links.
„Unsere Macht ist der Stimmzettel“, betont er. Denn die extremistischen Parteien würden Deutschland zerstören. Als Beispiel nennt er eine der wichtigsten Forderung der AfD: den Austritt Deutschlands aus der EU. Dabei zeige der Brexit bereits ganz genau, wie fatal das enden würde.
14-Jährige setzt sich ein
„Ich bin nur ein Beispiel von vielen“ Doch Zeitzeugen sind nicht immer im hohen Alter. Als nächstes ergriff Evelyn Ungefucht das Wort. Die 14-Jährige ist Vorsitzende des Jugendgemeinderats in Nagold. Sie ist Zeitzeugin der heutigen Zeit. Ihre Eltern stammen aus Kasachstan und kamen nach Deutschland. Sie selbst lebt sowohl mit russischen als auch deutschen Traditionen und würde keine davon missen wollen: „Ich bin Deutsche und stehe dazu!“
„Aber ich bin nur ein Beispiel von vielen“, unterstreicht sie. In der Schule treffen sich die Kulturen besonders. Dort lerne man voneinander, andere Kulturen und Sitten kennen und profitiere gegenseitig.
„Jeder hat das Recht zu wohnen, wo er will.“ Und auch dafür steht die 14-Jährige am Sonntag vor 2500 Menschen auf.
Oberbürgermeister positioniert sich
„Das vergiftet das Miteinander“ OB Jürgen Großmann schließt sich an. Es mache Mut und Hoffnung, wenn sich bereits die Jugend so einsetzt. Und obwohl der Kreis Calw und auch Freudenstadt als rechte Hochburg gelte, „wollen wir das nicht“, betont Großmann.
Er verdeutlicht: „Wir sagen Nein zur Remigration und Deportation. Das vergiftet das Miteinander.“ Nagold habe keinen Platz für Instrumentalisten – weder von links noch von rechts. Nagold sei bunt und weltoffen und so soll es auch bleiben.
Unternehmer macht sich stark
„Unsere Unterschiede sind unsere Stärke“ Das weiß auch Zecir Gashi nur zu gut. Mit seinem Vater kam er aus Kosovo und entschied sich hier zu bleiben. Er lernte die Sprache und begann seine Ausbildung als Maler und Lackierer. Mittlerweile führt er seinen eigenen Maler- und Stuckateurbetrieb in Nagold. Außerdem ist er Vorsitzender und Mitgründer des Albanischen Kulturvereins Nagold.
Er empfinde eine tiefe Dankbarkeit, dass in Nagold Generationen und Kulturen aufeinandertreffen und miteinander leben. Er vergesse seine Wurzel nicht, diese gehören zu ihm. Aber „in Nagold fühle ich mich angekommen“. Er wünscht sich für alle, Kulturen miteinander verbinden zu können und dadurch Verständnis und Respekt zu fördern und stärken.
EU ermöglicht den Frieden Europas
„Dieser Friede ist nicht selbstverständlich“ Respekt ist auch in anderen Sparten besonders wichtig. Das stellt Holger Ehnes, Vorsitzender des VfL Nagold, klar. Denn die Werte des Sports, seines Fachgebiets, seien auch die Werte der Demokratie: Fairness, das Team vor den Einzelnen zu stellen, der Schutz der Jüngeren und Respekt.
Das zeige auch die EU, die seit 29 Jahren für Frieden in Europa sorge. Doch dafür müssten auch die Menschen arbeiten und erhalten: „Dieser Friede ist nicht selbstverständlich!“ Die EU sei sicher nicht perfekt, aber „ich will in einem demokratischen und friedlichen Europa leben. Nicht in einem Nationalstaat“, betont er.
„Omas gegen rechts“ verteidigen Grundgesetz
„Die Würde aller Menschen ist unantastbar“ Auch Anna Ohnweiler steht in Nagold auf. Sie ist Gründerin des Vereins „Omas gegen rechts“, der mittlerweile in ganz Deutschland Mitglieder und Mitkämpfer hat. Denn als Großmütter stehen sie seit 2018 gegen rechts auf – für Kinder und Enkel.
Die AfD habe sich geschickt angestellt und sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber das dürfe nicht sein. „Sie verbreiten Hass und Hetze, wollen eine Diktatur, in der keiner außer ihnen Macht hat“, unterstreicht sie. Als „Omas gegen rechts“ kämpfen sie für die parlamentarische Demokratie und das Grundgesetz. Denn dort stehe nicht, dass die Würde des deutschen Menschen unantastbar ist: „Die Würde aller Menschen ist unantastbar.“
Sie appelliert an Zuhörer und die Deutschen: „Lesen Sie sich das Wahlprogramm einer Partei durch, bevor Sie aus Trotz ein Kreuzchen setzen, dass zu vielen weiteren auf einem Friedhof führen wird.“
Es geht weiter
„Diese Demo war nur der Anfang“ Thomas Eisseler, Vorsitzender der Urschelstiftung, ergriff das Schlusswort. Er dankt allen, dass Nagold so ein „fantastisches Zeichen“ gesetzt haben. Das Aktionsbündnis, gegründet von Urschelstiftung, YOUZ und der Stadt Nagold, habe mittlerweile mehr als 30 Organisationen, die sich angeschlossen haben.
Und „diese Demo war nur der Beginn einer Bewegung im Kampf für unsere Demokratie und Toleranz ist“, unterstreicht er. Er appellierte an alle, sich auch bei weiteren Aktionen klar gegen Hass und Hetzte zu stellen: Aufzustehen, gegen antidemokratische und extremistische Kräfte. Das ganze Jahr über werde das Aktionsbündnis weitere Aktionen in Nagold planen.