Wolfgang Sartorius, Andreas Reichstein und Hannu Minder mitten im „neuen“ Kreuzermarkt Foto: Michael Merk

Die Zahl der Menschen, die sich im Sozialkaufhaus versorgen, steigt seit zwei Jahren erheblich an. Der Vorstand der Erlacher Höhe, Wolfgang Sartorius, fordert am Beispiel des nach einem Brand in das Nagolder Burgcenter umgezogenen Kreuzermarktes ein Umdenken in der Politik.

Das Sozialkaufhaus Kreuzermarkt musste nach einem Brand am Pfingstmontag in diesem Jahr nach neuen Räumlichkeiten suchen. Jetzt hat die Einrichtung der Erlacher Höhe im Burgcenter ein neues Zuhause gefunden. Noch sind nicht ganz die Kundenzahlen wie vorher erreicht, obwohl der Bedarf ungebrochen ist und weiter steigt.

 

Seit 2001 ist der Kreuzermarkt einen feste Institution. Dort können Menschen mit geringem Einkommen vergünstigt Lebensmittel einkaufen. Das Sortiment hat sich immer wieder erweitert, so kamen Dinge des täglichen Bedarfs, Kleidung oder in einer anderen Filiale Möbelstücke hinzu.

Der Kundenstamm ist relativ stabil geblieben bei fast 2000 Menschen, die den Markt frequentieren. „Doch seit zwei Jahren kommen knapp ein drittel mehr Kunden zu uns“, sagt der Leiter der Abteilung Calw-Nagold, Andreas Reichstein.

In allen Sozialkaufhäusern, die die Erlacher Höhe betreibt, stieg die Kundenzahl von Januar 2022 bis Juni 2024 sogar durchschnittlich um 47 Prozent auf derzeit etwa 16 800 Kunden. Als Gründe gibt er die steigende Inflation und Lebenshaltungskosten bedingt durch die vielen Krisen der letzten Jahre an.

Sozialkaufhaus hat drei Ziele im Blick

Drei Aspekte stehen auch bei dem Nagolder Sozialkaufhaus im Vordergrund. Lebensmittel retten, Armut bekämpfen und Beschäftigung bieten. Dazu kommt noch eine sozialer Aspekt. Es soll eine Umgebung geschaffen werden, in der Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Im alten Standort gab es dafür einen Café-Bereich mit Sitzmöglichkeit. Der Platz lässt dies zur Zeit nicht zu, aber es gibt Ideen, wie so etwas auch im Burgcenter verwirklicht werden kann. Das Bürgerforum „Soziales“ steht auch hinter dem Vorhaben.

Die Lebensmittel und Waren kommen von umliegenden Supermärkten, Bäckereien und von Spendern. So konnte man nach Auflösung eines benachbarten Kindertextilgeschäfts, günstig das Kleidungsangebot weiter verbreitern. Die Supermärkte und Geschäfte seien froh, erstens einen Beitrag zur Armutsbekämpfung zu leisten und sich zweitens auch die Kosten für die Entsorgung zu sparen.

Noch gelingt die Versorgung

„Es sind ungefähr 25 Läden von denen wir pro Tag beliefert werden“, sagt Marktleiter Hannu Minder. Aktuell gelinge es noch, den Betroffenen genügend Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. „Dafür sind wir dem uns unterstützenden Einzelhandel, Bäckereien und Märkten von Herzen dankbar“, so der Leiter des Kreuzermarkts.

Das Team des Marktes besteht aus drei Festangestellten, sechs Ein-Euro-Jobbern und einem jungen Mann, der in den Ferien dort arbeitet. Hinzu kommen die knapp 20 Ehrenamtlichen, die das Team unterstützen. Auch hier sei der integrative Aspekt immer dabei, so arbeiten Menschen aus verschiedenen sozialen Hintergründen zusammen. Das bietet auch die Möglichkeit Menschen, die wegen vielfältiger Gründe nicht mehr voll arbeiten können, an den Arbeitsmarkt heranzuführen.

Rechnung der Politik führe am Ziel vorbei

Es sei eigentlich ein Skandal, dass Politiker fordern, den Menschen die Unterstützung brauchen, diese zu kürzen, sagt der Vorstand der Erlacher Höhe, Wolfgang Sartorius. Man solle ihn nicht falsch verstehen, „wenn jemand die Hilfen ausnutzt, soll er natürlich bestraft werden, wie jeder andere“. Doch die Rechnung, die vor allem Politiker der FDP und CDU, wie zum Beispiel CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann aufstellen, führe am Ziel vorbei. „Herr Linnemann ist entweder schlecht informiert worden oder verbreitet absichtlich falsche Zahlen“, erklärt Sartorius. Denn laut den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit seien es nicht mal ein Prozent aller erwerbsfähigen Bürgergeldbezieher, die zumutbare Arbeit verweigern.

Der Kreuzermarkt mitten in der Stadt sei auch bewusst gewählt, um die Armut nicht an den Rand zu drängen, sondern in die Mitte der Gesellschaft, so Reichstein. Die zentrale Lage im Burgcenter und die transparente Sicht in den Markt, könne Kunden abschrecken. Doch dafür seien schon Maßnahmen geplant, wie zum Beispiel ein separater Eingang und ein Sichtschutz mit Milchglasfolie.