Die Debatte um eine Wiedereinführung der Wehrpflicht schürt bei jungen Menschen einige Ängste. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Müssen junge Menschen in Deutschland bald wieder Dienst an der Waffe tun? Die Sorgen bei Heranwachsenden sind groß: Unsere Redaktion hat sich in Lahr umgehört.

Der Bundestag hat am Freitag für die Einführung eines neuen Wehrdienstes gestimmt. Stimmt auch der Bundesrat dem Gesetzesvorhaben zu, müssen sich künftig alle Männer ab Geburtsjahr 2008 mustern lassen. Eine Wehrpflicht gibt es nicht – zumindest vorerst. Sollten sich nicht genügend freiwillige Rekruten finden lassen, könnte es einen weiteren Gesetzesbeschluss geben, der nicht mehr auf Freiwilligkeit setzt. Wer dann wie bestimmt wird, ist noch unklar. Bei jungen Menschen ist vor allem das breit diskutierte Losverfahren umstritten.

 

Eine Schülerinitiative hatte für Freitag bundesweit zu Schulstreik, Demonstrationen und Kundgebungen aufgerufen. Was sagen die jungen Menschen in Lahr zur Debatte? Einen Streik hat es in der Region zwar nicht gegeben, eine Meinung haben die jungen Lahrer dennoch. Unsere Redaktion hat sich im Jugendgemeinderat und bei der Schülersprecherin des Max-Planck-Gymnasiums umgehört:

Karina Dannecker (16 Jahre alt, Sprecherin des Jugendgemeinderats, Schülerin am Scheffel-Gymnasium): „Ich kann die Reaktionen junger Menschen total nachvollziehen und finde es auch wichtig, dass sie selbst für sich sprechen. Ich finde Jugendliche werden bei diesem Thema viel zu wenig miteinbezogen. Ein Losverfahren wirkt auf mich unfair. Junge Menschen sind keine ,Ziehungsnummern’. Wenn überhaupt eine Pflicht, dann müsste sie transparent, gerecht und an Mitsprache gekoppelt sein. Ich halte den Gedanken eines sozialen oder zivilen Dienstes für sehr wichtig und wünschenswert. Gerade weil freiwilliges Engagement bei vielen jungen Menschen durchaus vorhanden ist. Die Idee, sich am Schülerstreik zu beteiligen, wurde an unserer Schule angesprochen, aber verneint.“

Denisia Sbircea (17 Jahre alt, Schülerin am Max-Planck-Gymnasium): „Die Vorstellung, dass über die eigene Zukunft entschieden wird, weckt bei vielen Ängste und Zweifel. Manche haben auch Angst, dass Ausbildung, Beruf oder persönliche Pläne eingeschränkt werden. Gleichzeitig gibt es Jugendliche, die Pflichtbewusstsein zeigen oder überlegen, freiwillig zu dienen, wenn sie selbst darüber entscheiden können. Die Debatte wird überwiegend von Erwachsenen geführt, sodass junge Menschen oft das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden. Dass am Freitag in Lahr keine Aktion geplant war, bedeutet nicht, dass Jugendliche dort unpolitisch sind – oft fehlt nur eine organisierende Gruppe.“

Romy Himmelsbach (16 Jahre alt, Schülerin am Max-Planck-Gymnasium): „Besonders in den sozialen Medien sehe ich immer wieder Kommentare von Jugendlichen, die Angst haben, zum Wehrdienst verpflichtet zu werden. Ich denke aber auch, dass die Debatte sehr komplex ist und dass dadurch viele Gerüchte unter den Jugendlichen entstehen. Ich denke, dass sowohl Angst als auch Pflichtbewusstsein eine Rolle spielen. Viele sehen eine Wehrpflicht auch als eine Chance der Gleichberechtigung. Manche finden auch gut, dass man Geld dabei verdient.“

Sarah Pupaza (18 Jahre alt, Schülerin am Freien Evangelischen Gymnasium): „Für den Fall, dass sich zu wenige Freiwillige melden, könnte ein Losverfahren eine Hilfe sein. Ein Ersatzdienst ist für mich eine wichtige und gerechte Alternative. Streiks in der Schule gehören für mich zur gelebten Demokratie und zur Meinungsfreiheit. Jugendliche sollten ihre Meinung äußern dürfen. Kritisch wird es nur dann, wenn ein Streik als Vorwand zum Schuleschwänzen dient.“

Rianna Raciti (18 Jahre alt, Auszubildende): „Ich finde es wichtig, dass die Meinung der jungen Menschen gehört wird. Das Argument ,Du bist noch jung, das verstehst du irgendwann’ höre ich leider viel zu oft – vor allem, wenn es um sogenannte ,Erwachsenen-Themen’ wie Politik geht. Gerade deshalb bin ich als Mitglied des Jugendgemeinderats wirklich froh und dankbar, dass wir in unserer Stadt auf eine offene und wertschätzende Haltung treffen. Das ist ein großer Schritt, um den jungen Menschen das Gefühl zu geben, dass sie was bewegen können.“

Hadi Sayed-Ahmad (20 Jahre alt, Sprecher des Jugendgemeinderats, Student an der Hochschule Kehl): „Dass die aktuelle Wehrpflichtdebatte eine Reaktion auf die angespannte weltpolitische Lage ist, ist uns allen nur zu bewusst. Ich bin überzeugt davon, dass ein verpflichtendes soziales Jahr einen wichtigen Beitrag zur persönlichen Reife, sozialen Entwicklung und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leistet: Wer früh Verantwortung übernimmt, engagiert sich meist auch langfristig stärker. Eine Verpflichtung zum Militär birgt eine gewaltfördernde Dynamik, die wir in Deutschland nicht fördern sollten. Von Jugendlichen höre ich oft, dass wir eine starke Bundeswehr brauchen – aber noch viel häufiger höre ich, dass der Weg dorthin nicht zuerst über eine Militärpflicht führen sollte.“

Lisa Sum, Schülersprecherin des Max-Planck-Gymnasiums: „Einige Schüler haben sich aus Sorge an die SMV gewandt. Gleichzeitig gibt es aber auch Zustimmung. Insgesamt gab es konstruktive Gespräche in der Schülerschaft. Während sich manche Schüler bereits intensiv mit einer Verweigerung der Wehrpflicht beschäftigt haben, zeigten sich andere uninformiert. Als SMV vertreten wir deshalb die Meinung, dass über das Thema besser aufgeklärt werden sollte. Viele Jugendliche sind der Meinung, dass sie Politik im allgemeinen nicht betrifft. Auch wenn das Thema in den jüngeren Klassenstufen noch kaum eine Rolle spielt, da sich diese weniger angesprochen fühlen, wird die Relevanz in höheren Klassen zunehmend spürbar.“

Mehrheit für Wehrpflicht

Eine repräsentative Umfrage des Deutschen Instituts für Integrations- und Migrationsforschung zeigt, dass eine Mehrheit der Deutschen für eine Reaktivierung der Wehrpflicht ist. Allerdings: Ausgerechnet bei jungen Deutschen – also jenen, die eine Wiedereinführung unmittelbar betreffen würde – ist es laut Studie umgekehrt.