Applaus für die Autoren und Liedermacher (von links): Stefan Unser, Hannes Decker, Jörg Bertsch, Nadia Rungger, Igor Basic, Markus Manfred Jung und Volker Habermaier Foto: Alexandra Günzschel

Bei der „Internationalen Schopfheimer Mund-Art Literatur-Werkstatt“ treffen sich Literaten zu einem intensiven Austausch.

Aber auch gemeinsame Lesungen stehen auf dem Programm. An diesem Wochenende fanden diese in Weil am Rhein, Schopfheim und Basel statt. Und so hatte sich am Samstagabend eine interessierte Gemeinschaft in der Kirche St. Agathe versammelt, um den Mundart-Texten zu lauschen und sich auf neue Sprachwelten einzulassen. Wie immer mit dabei waren der Initiator Markus Manfred Jung sowie Volker Habermaier als Moderator. Sie hatten eine äußerst spannende Dialekt-Mischung angekündigt und damit nicht zu viel versprochen.

 

Gedanken den Weg ebnen

Schriftsprache und Dialekt – für viele seien dies keine zwei Paar Schuhe, sondern ein linker und ein rechter, erklärte Habermaier gleich zu Beginn: „Mit nur einem tät i humpele.“ Danach eröffnete Jung die Lesung mit einem Gedicht des Bodensee-Alemannen Thomas Burth über die Bedeutung des Schreibens respektive des „Schriibe“, um den sperrigen Gedanken im Kopf einen Weg zu ebnen.

Später am Abend wurde es persönlicher. Jung erzählte von seinem Vater, dem Ahnenforscher, den er als Bub nicht verstanden habe und davon, wie dieser ihn bei seinem ersten Liebeskummer gerettet hat.

Als Schweizer Vertreter war der bekannte Liedermacher „Züriblues“ alias Igor Basic zu Gast. Er sang Lieder über die Widrigkeiten der Liebe und begleitete sich dabei selbst auf der Gitarre. Es ging um verliebte Menschen, die nicht zueinander finden, aber auch um Momente des Glücks.

Basic lobte den spannenden Austausch in der Mund-Art-Werkstatt, etwa über ein Thema, das ihn schon länger beschäftigt: „Wie macht man etwas deutlich, ohne es wirklich zu benennen?“ In seinem Lied über die Sehnsucht ist ihm das geglückt.

Der Jurist, Journalist, Trauerredner, Geschichtenerzähler und Autor, Jörg Bertsch, nahm die Zuhörer mit auf eine Reise in seine Kindheit im Wiesental. Er berichtete von Besuchen beim Großvater, von Cousinen, Tanten und dem großen Garten mit den schönsten Beeren. Im Mittelpunkt seiner Erzählung jedoch stand die Gote Emmi. Sie habe keinen abgekriegt, tuschelte die Familie mit einem leisen Unterton von „selber schuld“. Doch sei sie couragierter gewesen als alle ihre drei Schwestern zusammen.

Roller und Theater-Abo

In den 50er-Jahren hatte Emmi einen Roller und ein Theater-Abo, manchmal rauchte sie Zigaretten und machte Urlaub in Tunesien, als das noch keiner tat. Die Bewunderung über ihren Eigensinn war dem alemannischen Erzähler anzumerken, genauso wie das Bedauern darüber, dass dieser im Alter verloren ging.

Danach unterhielt der Niederösterreicher Hannes Decker mit einem Kaleidoskop an originellen Gedanken, angefangen beim Blick in den Spiegel über das „Liiegen“ (Lügen), den „Nochbaarn“ bis hin zu den menschlichen Schwächen von SUV-Fahrern.

An Grenzen geraten

Wer bis dahin noch alles verstanden hatte, geriet beim nächsten Vortrag an seine Grenzen: Die Sprachwissenschaftlerin und Autorin Nadia Rungger aus Südtirol spricht zu Hause Ladinisch. Diese rätoromanische Sprache wird nur noch von etwa 30 000 Menschen gesprochen, hauptsächlich in fünf Dolomitentälern. Runggers Version davon ist sogar nur noch in drei Dörfern verbreitet. Die preisgekrönte Autorin schreibt, wenn sie unterwegs ist, wie sie erzählte. Als erstes nahm sie das Publikum mit auf einen Schneespaziergang. Dabei überzeugte sie auch schon vor der Übersetzung mit dem warmen weichen Klang ihrer „Geheimsprache“. Die Autorin ist überzeugt davon, dass Wörter das Denken beeinflussen. So stelle sie sich bei dem deutschen Wort „Baum“ immer einen Laubbaum vor, während das ladinische Wort bei ihr Assoziationen an Nadelbäume weckt.

Bei Stefan Unser aus Malsch bei Karlsruhe, er ist auch als Poetry Slammer bekannt, ging es schließlich ums „Mit öbber drüber schwätze“. Unser vertrat die Theorie, dass sich auf etwas freuen das Gegenteil von sich Sorgen machen sei. Am Ende treten vielleicht beide Erwartungen nicht ein. Doch je nach dem, für was man sich entscheidet: „Als erstes merkt es dein Gesicht!“ Mit weiteren Gedanken von Jung und einem Lied von Basic ging ein unterhaltsamer und nachdenklicher Abend zu Ende, der als gelungene Hommage an die Vielfalt der gesprochenen Sprache verstanden werden kann.