Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Achter von links) machte Station bei der Gemeinschaftspraxis Hausärzte am Spritzenhaus. Foto: Monika Braun

Die Gemeinschaftspraxis Hausärzte am Spritzenhaus ist zurzeit ein beliebtes Besuchsziel von Politikern. Mit Gesundheitsminister Manfred Lucha machte ein hochkarätiger Gast dort Station. Dabei ging es um technische Neuerungen, die die Arbeit der Ärzte erleichtern, aber auch ums Krankenhaus Freudenstadt.

Wolfgang von Meißner von der Gemeinschaftspraxis Hausärzte am Spritzenhaus ging vor zahlreichen Gästen in einem kurzen Impulsvortrag auf die Überalterung der Hausärzte und die damit verbundenen Versorgungslücken ein.

 

Im Mittelpunkt des Ministerbesuchs stand das vom Land Baden-Württemberg geförderte Projekt „Clinical Assistance & Relief through Enhanced Artificial Intelligence“. Von Meißner erklärte, dass es dabei um den Einsatz innovativer Technologien gehe, um eine Entlastung von Ärzten und weiteren Mitarbeitern zu erreichen. So stand auch die Vorstellung der Automedic-App und des neuen Self-Service-Patiententerminals an.

„Ungemein wichtig für uns Ärzte ist es, durch den Einsatz von modernen Technologien und die Einbindung von Physician-Assistants (PAs) sowie anderen akademisierten nicht-ärztlichen Heilberufen eine Entlastung zu erreichen, um dann mehr Zeit für die Patienten zu haben“, so von Meißner.

Viel Lob für Engagement

In einer Reihe von Grußworten gab es viel Lob für das Engagement der Ärzte am Spritzenhaus und deren Innovationswillen. Bürgermeister Michael Ruf zeigte sich glücklich, in Baiersbronn im Hinblick auf die ärztliche Versorgung keinen Mangel zu haben, und dankte Ernst Klumpp, der schon frühzeitig die Weichen für eine Gemeinschaftspraxis gestellt und damit visionär gehandelt habe. „Um die Innovationskraft zu nutzen, sollten die Praxen eigenverantwortlich geführt werden und nicht kommunal getragen werden“, betonte Ruf.

Anders sehe es bei der zahnärztlichen Versorgung aus. Hier sei es noch nicht gelungen, einen Zusammenschluss von mehreren Medizinern in Baiersbronn zu erreichen.

Zum Thema Kreiskrankenhaus gab Ruf Minister Lucha mit auf den Weg, nun endlich zu handeln. „Wir Kommunen leiden darunter, dass die Krankenhausfinanzierung nicht funktioniert. Unsere finanzielle Lage ist kritisch“, erklärte Ruf.

Die Landtagsabgeordnete Katrin Schindele (CDU) ging auf das vom Land geförderte Projekt ein. Es sei ein Förderprojekt, das funktioniere. Und das liege an den Leuten, die dahinterstehen. Claus Bannert, Geschäftsführer der AOK Nordschwarzwald, bezeichnete das Ärzteteam in Baiersbronn als Segen für den Ort und die Region. „Wir sind hinten dran, weil wir zu wenig mutig sind, gehen Sie nicht in den Widerspruch, wenn es um elektronische Patientenakten geht, und verschließen Sie sich nicht dem Fortschritt“, so sein Appell. Es dürfe nicht immer nur um den persönlichen Vorteil gehen, es müssten auch die Bedürfnisse des Arztes berücksichtigt werden.

Sorgen um Krankenhaus

Landrat Klaus Michael Rückert bescheinigte dem Ärzteteam, Innovationsfreude und Kompetenz zu vereinen. „Wir auf dem Land haben die Ideen, es müssen nicht immer die großen Städte sein“, so Rückert.

Er dankte Lucha für die Förderung für das Krankenhaus, doch die laufenden Kosten würden dem Kreis „den Kragen zudrehen“. „Es passiert nichts, was wir merken. 17 Millionen am Jahresende an Kosten, das überfordert unseren Landkreis“, so Rückert. Er stehe zum Krankenhaus, doch bei der Kostenexplosion sei es bald nicht mehr zu tragen. „Bitte machen sie kräftig Druck beim Bund und zahlen sie die Nachförderung aus“, bat Rückert.

Gute Infrastruktur im Land

Eberhard Mehl vom Mediverbund forderte Mut, in Baden-Württemberg Dinge schnell und konsequent umzusetzen. „Wir haben hier eine grandiose Chance. Durch die Hausarztverträge haben wir eine Infrastruktur wie kein anderes Bundesland“, so Mehl.

Landesärztekammerpräsident Wolfgang Miller zeigte sich begeistert von der Palette an Möglichkeiten, die Ärzte zu entlasten. Es müsse weiter das Ziel sein, keine Zeit zu vergeuden.

Von deutlichen Worten des Ministers bis zur Vorstellung von Möglichkeiten zur Entlastung von Ärzten

Der Minister
 Deutliche Worte fand Manfred Lucha Richtung Bund. Deutschland sei in Sachen Gesundheitsversorgung hinten dran, doch Baden-Württemberg sei vorn. Lauterbach habe den Krankenkassen in die Tasche gegriffen. Lucha betonte, er werde keine weiteren sichtbaren zentralistischen Strukturen fördern. „Wir brauchen klare Regeln.“ Es müsse für das Land die Möglichkeit geben, auf Budgets zurückzugreifen. Nun müsse man schauen, dass die Kliniken, für die man sich entschieden habe, auch überlebensfähig seien. Die Krise der Gesetzlichen Krankenversicherung dürfe nicht zur Krise der Versorgung gemacht werden. „Wir in Baden-Württemberg zahlen immer mehr. Vielleicht sollte ich die AOK anweisen, nicht den Ausgleich an den Bund zu zahlen“, so der Minister. Er wünschte sich eine gewisse Unkompliziertheit zurück, mit der Probleme gelöst werden könnten.„Ein gutes Sozial- und Gesundheitssystem kostet Geld, die Krankenkassen in Baden-Württemberg blasen das Geld nicht zum Fenster raus“, so Lucha.

Das Self-Service-Terminal
  Stephan Martensen, Geschäftsführer der Firma Abasoft EDV-Programme, stellte das von der Firma entwickelte neue Self-Service-Terminal vor. Dabei handelt es sich um einen Check-in-Counter, an dem die Patienten sich selbst anmelden können, ohne Wartezeit am Empfang. In einer kurzen Präsentation demonstrierte er die Anwendung.

Die App
Vertreter der Firma MediTech stellten die in Zusammenarbeit mit den Ärzten am Spritzenhaus entwickelte Patienten App Automedic vor. Über die App soll künftig die Arbeitslast in der Praxis deutlich reduziert werden. Die App ist mit der Praxissoftware gekoppelt und ermöglicht es den Patienten, ihre Medikationspläne einzusehen und Bestellungen digital vorzunehmen. Eine vorgelagerte digitale Behandlung per App soll Arbeitserleichterungen bringen.

Physician Assistants
Als Schatz an Versorgungsmöglichkeiten bezeichnete Wolfgang von Meißner den Einsatz der Physician Assistants in der Praxis der Hausärzte am Spritzenhaus. Die Physician Assistants entlasten durch die Übernahme vielfältiger Aufgaben die Ärzte. „Es muss nicht immer der Arzt sein“, so von Meißner.