Im Whatsapp-Status des obersten WFV-Schiedsrichter-Lehrwarts taucht ein pornografisches Foto auf. Ein Versehen, wie der zur Schiedsrichtergruppe Calw gehörende Unparteiische beteuert. Doch der Umgang mit dem Vorfall zeigt vor allem eines: Es brodelt gewaltig zwischen Basis und WFV-Spitze.
Es ist momentan das ganz große Thema unter den württembergischen Schiedsrichtern. Das verdeutlicht ein E-Mail-Verkehr, der unserer Redaktion vorliegt. Er offenbart Machtkämpfe, die sich zwischen der Basis und dem obersten WFV-Schiedsrichter Volker Stellmach abspielen – und offenbart eine mitunter eisige Gesprächsatmosphäre. Vorläufiger Höhepunkt: Reiner B., höchster Schiedsrichter-Lehrwart des Württembergischen Fußballverbands (WFV), nahm seinen Hut.
Was ist passiert?
Screenshots und ein unserer Redaktion vorliegender E-Mail-Verlauf belegen: Am 1. Mai veröffentlichte B. in seinem Whatsapp-Status ein Foto mit pornografischem Inhalt. Sämtliche Personen, deren Nummer er im Telefonbuch seines Handys abgespeichert hat, konnten dies sehen – darunter offenbar auch Eltern von minderjährigen Schiedsrichtern, die sich bei B. in der Ausbildung befanden.
Diese sollen entrüstet gefragt haben, ob man künftig noch Kinder bedenkenlos zu dem obersten WFV-Lehrwart schicken könne. Auch andere Schiedsrichter baten die WFV-Spitze und sogar DFB-Vize Ronny Zimmermann um eine Stellungnahme.
B.s eigene Schiedsrichtergruppe in Calw distanzierte sich laut dem E-Mail-Verkehr umgehend von dem „frauenverachtenden beziehungsweise diskriminierenden Bild“, das B. in seinem Whatsapp-Status veröffentlicht haben soll. Auf Nachfrage unserer Redaktion gab die Schiedsrichtergruppe Calw keinen weiteren Kommentar ab, da es sich um einen zu prüfenden Sachverhalt des WFV handele.
Was sagt Reiner B.?
B. schickte am 27. Mai eine Stellungnahme an den WFV, die unserer Redaktion vorliegt. Darin schildert er den Vorfall so: Er habe am 1. Mai einen Ausflug gemacht und wollte die dabei gemachten Fotos in seinen Whatsapp-Status stellen. Währenddessen habe ihm ein Bekannter das besagte Foto zugeschickt. Dieses sei „ein sehr schlechter Maischerz“ gewesen. Da B. das Foto geöffnet habe, sei es in seinen Handy-Speicher gerutscht und somit versehentlich mit in seinem Whatsapp-Status veröffentlicht worden. Er habe das Foto nach zwei Minuten wieder gelöscht.
Dieser Darstellung widerspricht ein Insider, der unter dem anonymen Namen Whistleblower den Vorfall unter den Schiedsrichtern breit öffentlich gemacht hat – und zeigt einen Screenshot, laut dem das Foto mindestens 70 Minuten lang in B.s Whatsapp-Status zu sehen war.
Im Gespräch mit unserer Redaktion reagiert B. höchst emotional. Konfrontiert mit den unserer Redaktion vorliegenden Unterlagen bestätigt er den Vorfall und verweist darauf, dass er nicht nur von allen Ämtern beim WFV zurückgetreten ist, sondern dass er auch kein Schiedsrichter mehr ist. „Ich habe alle Konsequenzen gezogen. Was soll ich denn jetzt noch machen? Ich habe doch alles gemacht, was die wollten. Will man mich kaputtmachen?“, fragt der Baiersbronner im Gespräch mit unserer Redaktion und sagt beinahe unter Tränen: „Mir ist ein Versehen passiert, weil ich nicht richtig mit Whatsapp umgehen kann. Ich habe mich entschuldigt und kann nicht mehr als zurücktreten. Ich habe mich immer für das weibliche Schiedsrichterwesen eingesetzt. Wer mich kennt, der weiß, dass dieses Foto überhaupt nicht mein Humor ist.“
Was sagt der WFV?
Beim WFV ist das Thema Chefsache. Hauptgeschäftsführer Frank Thumm sagt auf Nachfrage unserer Redaktion, dass sich das Präsidium am 31. Mai erstmals mit der Causa B. befasst hat – und dabei auch Karl Schley hinzuzog, der beim WFV Vertrauensperson für Fälle sexualisierter Gewalt ist. Das Präsidium habe die vier Tage zuvor verschickte Stellungnahme des obersten WFV-Lehrwarts, in der er den Vorfall als Versehen bezeichnet, für „schlüssig und nachvollziehbar“ gehalten. Am 3. Juni habe laut Thumm dann ein persönliches Gespräch mit B. stattgefunden, „in dem er – sichtlich betroffen und peinlich berührt – die Vorgänge nochmals erläuterte“, schreibt der Hauptgeschäftsführer. Dabei habe B. seinen Rücktritt erklärt.
Nach anonymen Hinweisen, dass die Angaben von B. in Teilen nicht glaubwürdig seien, weil sich das Foto länger in seinem Whatsapp-Status befunden habe als von ihm angeben, habe sich das WFV-Präsidium am 20. Juni erneut mit dem Vorfall beschäftigt. Diesmal wurde als Expertin Thaya Vester von der Universität Tübingen hinzugezogen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema Sexismus im Schiedsrichterwesen beschäftigt. Thumm: „Das Präsidium blieb bei seiner Einschätzung, dass Reiner B. das Foto nicht wissentlich, geschweige denn willentlich einstellte und es auch sofort entfernte, als er sein Missgeschick erkannte – wenn auch offensichtlich später als von ihm angegeben. Thaya Vester stellte weiter fest, dass das fragliche Fotomotiv bei objektiver Betrachtung weder als erniedrigend noch als frauenverachtend oder diskriminierend zu bewerten sei. Vielmehr sei es schlicht geschmacklos.“
Wie geht es weiter?
Insider sprechen schon lange von einem schlechten Klima, das beim WFV herrsche – ein regelrechtes Haifischbecken. Auch Machtkämpfe zwischen WFV-Schiedsrichter-Boss Stellmach und den obersten Schiedsrichtern aus Baden (Rolf Karcher) und Südbaden (Ralf Brombacher) werden ins Feld geführt. Insbesondere in Südbaden reihen sich derzeit die Rücktritte aneinander, nachdem Brombacher wiedergewählt wurde. Die DFB-Ethik-Kommission wurde bereits eingeschaltet.
Auch bei den WFV-Schiedsrichtern scheint es zu brodeln. Der Whistleblower, der bei seiner E-Mail als Absender „Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter des Württembergischen Fußballverbands“ angibt, kritisiert, wie der Verband mit der Causa B. umgeht: „Der Fokus wird insbesondere vonseiten des Verbandsobmanns Volker Stellmach überhaupt nicht auf die Sache an sich gelegt. Vielmehr wird sich darüber ausgelassen, dass es beschämend und feige sei, dass die Anfrage anonym erfolgt sei.“
Der Whistleblower schreibt dazu: „Uns ist es schwergefallen, diese Thematik in anonymer Art und Weise zu verbreiten. Zu groß war jedoch die Befürchtung von verdeckten Konsequenzen. Die Reaktion des Verbandsobmanns Volker Stellmach zeigt uns, dass es richtig war, die Anonymität zu wählen. Wir befürchteten, dass bei Nennung unserer Namen verdeckte Konsequenzen im Rahmen von Beobachtungen, bei der Bewertung von Spielen und bei der Einstufung in bestimmte Spielklassen auf uns zukommen.“
WFV-Hauptgeschäftsführer Thumm räumt auf Nachfrage ein: „Die Stimmung in unserem Schiedsrichterwesen ist derzeit nicht gut.“ Dies betreffe „im Wesentlichen die Verantwortlichen für das Schiedsrichterwesen auf Verbandsebene, in den Bezirken und in den Gruppen.“ Schiedsrichter-Boss Stellmach sei laut Thumm jedoch „sehr bemüht, die Situation zu verbessern“. Und weiter: „Dazu haben wir auf dem Verbandstag am vergangenen Samstag auch strukturelle Veränderungen im Schiedsrichterwesen beschlossen.“
Allerdings: Abgesehen von den Beiräten war Stellmach der einzigen Kandidat beim WFV-Verbandstag, dessen Wahl in den Vorstand nicht einstimmig erfolgte.