Die Long-Covid-Privat-Ambulanz ist auf dem Firmenschild der Espan-Klinik genannt. Foto: Wilfried Strohmeier

Die Espan-Klinik ist ein Vorreiter in Sachen Long-Covid-Behandlung. Die Bad Dürrheimer Klinik kämpft immer noch um die kassenärztliche Zulassung für Long-Covid-Ambulanz.

Der ärztliche Leiter Peter Hannemann und der Geschäftsführer Bernd Baumbach sprachen im Interview über den Stand des Verfahrens, Erkenntnisse aus der Behandlung von mehr als 3000 Patienten und die Wichtigkeit psychologischer Begleitung.

 

Herr Baumbach, Herr Hannemann, sie haben schon im Herbst 2022 für die Long-Covid-Ambulanz der Espan-Klinik eine kassenärztliche Zulassung beantragt. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) sah keine Notwendigkeit, dagegen hatten sie Einspruch eingelegt. Ist hier inzwischen eine Entscheidung gefallen?

Baumbach: „Ja. Wir haben vergangene Woche Bescheid bekommen, dass auch unser Widerspruch abgewiesen wurde. Warum, wieso? Die Begründung dazu dürfen wir in zwei bis drei Monaten erfahren. Was auch immer an Argumenten genannt wird, ich werde nicht nachlassen, auch dagegen vorzugehen.“

Hannemann: „Wir sehen nicht nur einen riesigen Behandlungsbedarf in diesem Bereich, wir haben dazu auch die Kompetenz und können sogar ambulante Anschlussbehandlungen anbieten für die Menschen hier in der Region. Deshalb werden wir uns weiter für eine kassenärztliche Zulassung einsetzen. Eine Hürde ist hier allerdings die Art und Weise, wie die Kassenärztliche Vereinigung den Bedarf eines solchen Angebots ermittelt.“

Welche Kriterien sind hier entscheidend und was beanstanden sie an diesem Vorgehen?

Hannemann: „Die KV prüft lediglich, ob Patienten ausreichend ärztlich versorgt sind durch die niedergelassenen Ärzte. In unserem Fall wurde lediglich die technische Ausstattung der Praxen in der Region abgefragt und ob die Praxen sich in der Lage sehen, diese Patienten zu betreuen. Dabei ist es meiner Meinung nach nicht entscheidend, dass ein Facharzt ein Lungenfunktionsmessgerät besitzt. Entscheidend ist: Hat er die Erfahrung und Kompetenz, einen Long-Covid-Patienten wirksam zu behandeln? Die Antwort dürfte in den meisten Fällen Nein lauten. Denn es gibt auch im Jahr 2024 in diesem Bereich keine spezielle Qualifikation, die man nachweisen müsste, vergleichbar einer Facharztausbildung. Wir allerdings haben inzwischen mehr als 2000 Fälle gesehen und wissen, wie man behandeln muss. Wir haben die Kompetenz.“

Bernd Baumbach, Geschäftsführer der Espan-Klinik. Foto: Strohmeier

Baumbach: „Und wir haben alles unter einem Dach, was unsere Patienten brauchen, um sich zu stabilisieren. Unter anderem bieten wir in der stationären Behandlung auch psychologische Diagnostik, digitale Gesundheitsanwendungen bei Vergesslichkeit und Wortfindungsstörungen sowie Atemtherapie an.“

Haben sie in den vergangenen Monaten neue Erkenntnisse zur wirksamen Behandlung von Long-Covid-Patienten gesammelt?

Hannemann: „Ja, einige. In vielen Reha-Einrichtungen ist beispielsweise die Annahme weit verbreitet, dass man durch intensives körperliches Training Fatigue, also die schweren Erschöpfungszustände, unter denen Long-Covid-Patienten sehr häufig leiden, bessern könne. Wir sind inzwischen überzeugt davon, dass das nicht stimmt. Wer durch eine Covid-Infektion seine Leistungsfähigkeit verloren hat, dem hilft Training überhaupt nichts. Es geht vielmehr darum zu lernen, mit den vorhandenen Ressourcen so umzugehen, dass man gut durch den Tag kommt.“

Das klingt nach einer gewissen Behandlungsroutine. Könnten die andere Kliniken übernehmen?

Hannemann: „Das ist nicht so einfach. Wir haben hier in der Klinik ein spezielles Mapping und einen eigenen Fragebogen zur Erstdiagnostik entwickelt und für die Reha eine wirksame Fünf-Säulen-Therapie. Aber jeder Patient kommt mit individuellen Beschwerden zu uns. Da nützt es wenig, nur die Theorie zu kennen. Man muss wissen, was in der Praxis hilft, und symptomatisch behandeln.

Peter Hannemann, ärztlicher Leiter der Espan-Klinik. Foto: Strohmeier

Baumbach: „Und da liegt eben unsere Stärke: Wir können Menschen helfen, denen viele andere Ärzte oder Kliniken nicht helfen konnten. Nicht der Normalfall, aber ein großer Behandlungserfolg war beispielsweise die Patientin, die im Rollstuhl in die Reha kam und zu Fuß wieder nach Hause gehen konnte. Oder der junge Mann, der wegen massiver Erschöpfungszustände sein Studium unterbrechen musste. Auch ihm geht es inzwischen deutlich besser.“

Sie hatten vorhin die psychologische Diagnostik angesprochen. In welcher Form brauchen Long-Covid-Patienten hier Unterstützung?

Baumbach: „Manche Patienten haben einen langen Leidensweg hinter sich, bis sie bei uns ankommen. Ich erinnere mich an eine Frau, die 40 000 Euro für alternative Behandlungsmethoden ausgegeben hatte, unter anderem für Blutwäsche. Immer in der Hoffnung, etwas zu finden, was ihr helfen kann. Diesen psychischen Ausnahmezustand muss man sich mal vorstellen.“

Hannemann: „Wir sprechen hier von einer Long-Covid-Traumatisierung. Die haben wir hier schon sehr oft gesehen. Luftnot nach wenigen Treppenstufen, unkalkulierbare Erschöpfungszustände bei kleinsten Belastungen, häufig auch schon durch schrille Geräusche ausgelöst und manchmal tagelang andauernd, Vergesslichkeit, Wortfindungs- und Denkstörungen: Diese Erkrankung schränkt das Privatleben maximal ein, das Berufsleben wird zur maximalen Überforderung. Die Patienten haben sehr damit zu kämpfen, ihren gesundheitlichen Zustand zu akzeptieren. Gleichzeitig kämpfen sie um Glaubwürdigkeit, nicht nur in ihrer Familie und in ihrem Freundeskreis, sondern auch bei Ärzten. Denn gerade Symptome wie Erschöpfung, Denkstörungen, Luftnot, unzureichende Belastbarkeit lassen sich oft schwer zuordnen. Es gibt keine messbaren Auffälligkeiten, keine sichtbaren Beeinträchtigungen. Plötzliche Erschöpfungszustände, ausgelöst beispielsweise durch ein vorüberfahrenden Rettungswagen mit Martinshorn, treten häufig erst mit Verzögerung nach 12 bis 14 Stunden auf. Das bringt man auch als Arzt nur dann in Zusammenhang, wenn man die Krankheit gründlich kennt. Auch dem Patienten muss man die Zusammenhänge und die Behandlungsstrategie erklären. Dadurch wird die Erkrankung greifbarer und ermöglicht einen besseren Umgang damit.“

Aktuell haben sie keine kassenärztliche Zulassung. Das bedeutet, dass gesetzlich Versicherte die Kosten selbst tragen müssen. Über welche Summen sprechen wir hier?

Hannemann: „Für den Erstkontakt berechnen wir circa 100 Euro, damit ihn sich auch wirklich jeder leisten kann. Bei gesetzlich versicherten Patienten binden wir für die weitere Diagnostik und Therapie die niedergelassenen Haus- und Fachärzte ein, die wir entsprechend beraten. Der Hausarzt übernimmt dann gemäß unserem Behandlungsplan die erforderlichen Verschreibungen. Sollten wir keine Kassenärztliche Zulassung bekommen, werden wir dieses System beibehalten. Denn wir sehen darin einen Weg, dem Gesundheitssystem etwas Gutes zu tun. Den Betroffenen ist wenig geholfen, wenn viel geredet wird und nichts geschieht. Wir wollen es an dieser Stelle besser machen.“

Long- und Post-Covid

Definition
Eine gewöhnliche Corona-Infektion ist nach etwa vier Wochen abgeklungen. Dauern die Symptome an, spricht man von Long Covid. Ab drei Monaten wird die Erkrankung dann als Long- oder Post-Covid eingestuft. 6,2 Prozent der Covid-Erkrankten entwickeln Long-Covid. Peter Hannemann: „Bis November 2022 hatten sich in Deutschland 36 Millionen Menschen mit Covid infiziert. 6,2 Prozent davon sind eine ganze Menge – und denen können wir helfen, die Dauer der Beschwerden zu reduzieren.“

Symptom
Insgesamt gibt es über 200 Symptome als Folge einer Long-Covid-Erkrankung, darunter Haarausfall, „klebriges Denken“, Gleichgewichtsstörungen oder Reizüberempfindlichkeit. Langzeitstudien zeigen, dass die meisten Betroffenen innerhalb eines Jahres genesen. Allerdings haben etwa 15 Prozent der Erkrankten auch nach einem Jahr noch Beschwerden. Aktuell behandelt die Espan-Klinik 20 stationäre Long-Covid-Patienten.

Ärztlicher Leiter
Der Arzt Peter Hannemann ist Experte für Lungen- und Bronchialkunde. Er war jahrelang Chefarzt am Allgemeinen Krankenhaus in Celle, einem Haus der Maximalversorgung. Dort leitete er auch das Thorax-Zentrum Celle-Peine, die Beatmungsstation und die Corona-Station. Seit 2022 ist er der ärztliche Leiter der Espan-Klinik.