Sind von der Insolvenz schockiert: Smko Shielan (v. l.), Yvonne Binder, Franziska Holub-Tattermus und Constanze Küster Foto: Lienhard

Das Zentrum für Autismus-Kompetenz Südbaden ist insolvent. Auch die Einrichtung in Lahr ist betroffen. 85 Kinder und Jugendliche brauchen eine neue Versorgung. Mitarbeiter sind schockiert, eine Mutter weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung mit Auffälligkeiten in Sozialverhalten und Kommunikation sowie sich wiederholenden und stereotypen Verhaltensweisen. „Wir sagen auch, dass Autismus eine andere Sicht auf die Welt, eine andere Wahrnehmung, eine andere Informationsverarbeitung ist“, berichtet Yvonne Binder, die therapeutische Leitung des Lahrer Zentrums für Autismus-Kompetenz Südbaden (ZAKS).

 

„Zu Beginn hatten wir 30 Klienten, heute 85“, sagt sie. Behandelt werden aktuell Menschen zwischen drei und 24 Jahren, es gibt zehn interdisziplinäre Mitarbeiter und zwei Verwaltungskräfte. Die ZAKS mit Hauptsitz in Freiburg hat fünf Einrichtungen, zwei in Freiburg, die anderen in Offenburg, Bad Säckingen und Lahr. Betreut werden rund 420 Kinder und Jugendliche. Hinzu kommt ein ambulanter Unterstützungsdienst in Freiburg für rund 30 erwachsene Autisten.

Nun hat die Geschäftsleitung Insolvenz angemeldet, spätestens Ende September geht in Lahr das Licht aus. „Was sich hier in den vergangenen Tagen abgespielt hat, ist erschütternd“, sagt Binder.

Ein sicherer Anker bricht weg

Man dürfe gar nicht daran denken, wie es für die Klienten weitergehen soll. Zudem werde es nun knapp 100 arbeitslose Menschen geben. „Das ist eine soziale Katastrophe“, verdeutlicht Binder. Man habe etwa Bürgermeister und Landtagsabgeordnete angeschrieben.

„Viele kommen über Jahre zu uns“, sagt Constanze Küster, Therapeutin und stellvertretende Leitung. „Die Beziehung ist ein wichtiger Fixpunkt in deren Leben.“ Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung haben ein großes Bedürfnis nach Sicherheit und Routine. „Hier werden Sachen auf- und nachgearbeitet“, so Küster. Nun breche ein sicherer Anker weg. Blieben Unterstützungen und Wiederholungen aus, könnten Fortschritte der Klienten stagnieren, auch Rückschritte seien möglich.

Viele Betroffene erfahren im Alltag Verurteilungen

Smko Shielan, Mutter einer achtjährigen Klientin, wirkt aufgelöst. „An diesem Montag war meine Tochter zum ersten Mal mit der Therapeutin alleine“, erzählt sie. „Sie hat sogar ihre Gefühle geschildert.“ Erst vor zwei oder drei Jahren habe ihr Kind die Autismus-Diagnose erhalten. Oftmals raste ihre Tochter zu Hause vollkommen aus, manchmal bekomme die Mutter sie nicht in die Schule.

Shielan ist mit dem Zentrum sehr zufrieden: „Die Therapeuten arbeiten mit Herz und Seele.“ Oft erfahre man mit einem auffälligen Kind Verurteilungen. Sie habe auch erlebt, dass Eltern erklärten, dass deren Kind keinen Kontakt mit ihrer Tochter haben dürfe.

Binder erklärt, dass man schon länger defizitär laufe: „Wir laufen über die Eingliederungshilfe und können seit mehreren Jahren nicht mehr kostendeckend arbeiten.“ Erschwerend hinzugekommen seien die neuen Leistungs- und Kostenvereinbarungen mit den Landratsämtern. Die Differenz dessen, was die Landratsämter finanziell anbieten konnten und dem, was gebraucht werde, habe nicht gepasst.

Man habe nach Start des vorläufigen Insolvenzverfahrens Anfang April hart gearbeitet und einen Sanierungsplan erstellt. Doch es hat nicht gereicht. „Wir stehen vor dem Aus“, sagt Therapeutin und Betriebsrätin Franziska Holub-Tattermus. Gleichwohl sei das Landratsamt nicht allein für die jetzige Situation verantwortlich, zudem habe sie nichts mit den Mitarbeitern zu tun, mit denen man in der Vergangenheit in Kontakt stand, so Binder. „Wir hatten eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Landratsamt Offenburg.“

Irgendwie müsse es weitergehen, sagt Binder: „Die Landratsämter haben jetzt 420 Klienten, die sie versorgen müssen.“ Zudem werde Autismus heute früher diagnostiziert, wodurch es mehr Plätze brauche. Im Ortenaukreis gebe es nun eine ganz große Versorgungslücke, ein Anbieter in Offenburg habe eine lange Warteliste. „Das ist wirklich eine Katastrophe“, so Binder.

Auch Shielan weiß nicht, wie es weitergehen soll. „Das Zentrum war der Anker, an den ich gegriffen habe, in der Hoffnung, dass mir geholfen wird.“

Online-Petition

Online gibt es eine Petition zur Rettung des ZAKS, gerichtet an die Sozialdezernate der betroffenen Landkreise und das Sozialministerium des Landes. Stand Mittwochnachmittag haben mehr als 2500 Menschen unterschrieben.