Manchmal muss im Leben etwas länger hingeschaut werden, um die Dinge zu verstehen – das lernte ich beim Betrachten der Ausstellung „Vielfarbig“ im Rathaus Altensteig.
Wenn man durch die Pforten des Altensteiger Rathauses schreitet, fallen sie einem direkt ins Auge: Im Rathausfoyer hängen derzeit die knallbunten Bilder der Ebhausener Künstlerin Diana Hildebrand. Doch hinter den mysteriösen, willkürlich wirkenden Formen kann mehr stecken, als sich vermuten lässt.
Offiziell haben die Bilder der Ausstellung „Vielfarbig“ eigentlich gar keinen Sinn, wie Künstlerin Hildebrand in ihrer Beschreibung der Ausstellung erklärt. Die Malprozesse seien spontan und intuitiv gewesen. Vielmehr soll der Betrachter selbst die Freude daran finden, seine eigene Interpretation der Werke zu suchen.
Die Einsamkeit inmitten der Menschenmengen
„Na toll!“, denke ich im ersten Moment. „Wie soll ich als ahnungsloser Kunstbanause denn hier irgendetwas interpretieren? Die Bilder haben ja nicht einmal Namen!“ Dennoch wage ich einen Versuch und schlendere durch die Gänge.
Ein Bild im Erdgeschoss des Rathauses sticht mir ganz besonders ins Auge: Beim genaueren Betrachten lassen sich darauf mehrere abstrakt aussehende Häuser mit Fenstern erkennen. Das grün-gelbe Haus in der oberen linken Ecke des Bildes ragt dabei besonders hervor.
Es ist geformt wie ein Puzzleteil – ein Puzzleteil, das auf seine Ergänzung wartet. Es grenzt sich etwas von dem restlichen Häuser-Brei ab, so, als gehöre es gar nicht richtig dazu. Ist das vielleicht ein Abbild von uns selbst, wie wir manchmal hilflos alleine im Chaos stehen? Wie wir uns in einer Masse an Menschen befinden, die sich gefunden haben, während wir selbst noch auf eine Person warten, die zu uns passt? Auf das Puzzleteil, das uns ergänzt und komplett macht?
Von einer Mutter und einem Strauß
Ich setze meinen Rundgang fort, eine Etage höher. Auch dort finde ich wieder ein Gemälde, das mich nachdenken lässt. Darauf lässt sich mit etwas Fantasie eine Frau erkennen; sie trägt ein weißes Kopftuch und einen langen Mantel.
Sie wandert durch hohes Gras und trägt einen vollen Sack auf den Schultern, was in mir einige Fragen aufwirft. Wo geht sie hin und was hat sie Kostbares in ihrem Sack geladen? Geht sie los in die große weite Welt? Und wenn ja, warum? Wurde sie vertrieben? Oder kehrt sie doch heim zu ihren Kindern und hat ihnen was von ihrer Reise mitgebracht?
Bei dem Bild direkt daneben fällt mir ebenfalls etwas auf. Darauf meine ich, einen Strauß zu erkennen, der seinen Kopf in einen kleinen Tümpel gesteckt hat. Versteckt er sich? Vielleicht vor der Frau, die durch das Gras stapft?
Oder ist er womöglich schon tot, und das Hellblaue symbolisiert seine Seele, die zum Himmel fährt? Doch man will ja nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen.
Vielleicht sucht der große Laufvogel ja auch nur nach kleinen Köderfischen oder Wasserinsekten zur Nahrung.
Manchmal lohnt es sich abzuwarten
Beim Gang durch Hildebrands Ausstellung stellte ich etwas fest: Manchmal lohnt es sich im Leben, einfach abzuwarten. Bei einem genaueren Blick auf ein Gemälde kann sich aus einem vermeintlichen Chaos aus bunten Farben ein klares Muster ergeben. Ähnlich ist es im Leben manchmal hilfreich, eine chaotische Situation vielleicht erst einmal ruhen zu lassen. Häufig kommt der Durchblick dann von ganz allein.
Kunstausstellung „Vielfarbig“ von Diana Hildebrand
Öffnungszeiten
Bis zum 30. Juni kann die Ausstellung „Vielfarbig“ während der Öffnungszeiten des Altensteiger Rathauses besucht werden.
Gemeinsame Begehung
Am 18. Juni findet zwischen 14 und 16 Uhr eine gemeinsame Begehung mit der Künstlerin statt.