Tilly Neuweiler will sich auf allen künstlerischen Ebenen austoben. Foto: Cools

Eigentlich wollte Tilly Neuweiler einen alten Bauernhof kaufen, um sich dort ihr Atelier einzurichten. Stattdessen wurde es die frühere neuapostolische Kirche in Bergfelden. Wie es dazu kam und wie es dort heute aussieht: Wir haben es herausgefunden.

Der Oman, Mali, Algerien, Marokko, Mauretanien, Libyen – auf der Suche nach dem einfachsten Leben hat Tilly Neuweiler schon viele spannende Orte entdeckt. Dort fand sie auch Inspiration für ihre Kunst. Einiges davon befindet sich nun im Atelier in Bergfelden. Wie aber kam die 73-Jährige dazu, ausgerechnet eine Kirche zu kaufen?

 

Viel Platz gesucht

Daran, dass sie die Tochter eines Pfarrers ist, liegt es offenbar nicht. Vielmehr war es der Zufall, der sie in den Kreis Rottweil brachte. Eigentlich hat die Künstlerin ihren ersten Wohnsitz nämlich in Lindau am Bodensee. Dort fand sie allerdings nicht, was sie suchte: Platz zur kreativen Entfaltung.

Ein Atelier am Hafen oder ein Bauernhof schwebten ihr vor, zusätzlich zu ihrem Schauraum und einem kleinen Atelier in der Schweiz. Aber wie so oft kam am Ende alles anders. Als sie auf die entwidmete neuapostolische Kirche in Bergfelden stieß, war ihr klar, dass sie ideale Bedingungen bietet: viel Platz, eine gute Lage und keine Gefahr, andere mit Maschinenlärm zu stören.

Manches wurde verändert

2020, mitten in der Pandemie, kaufte sie das Gebäude und hatte eigentlich wenig Hoffnung, den Zuschlag zu bekommen, wie sie uns verrät. Doch ihr Konzept schien Gefallen zu finden.

Seitdem ist einiges geschehen. Im Eingangsbereich zeigt Neuweiler uns, was sie verändert hat. Aus der Männertoilette wurde eine Holzwerkstatt. Die Damentoilette blieb wie sie war. „Das ’D’ an der Tür steht für divers“, sagt sie.

Genug Raum hat die Künstlerin hier zur Verfügung. Foto: Cools

Wenn man die Treppe hochgegangen ist, kommt man in einen großen, lichtdurchfluteten Raum mit hohen Decken und großen Fenstern. „Ich brauche viel Raum um mich herum“, erklärt die Künstlerin. Wo einst der Gottesdienst stattfand, hat Tilly Neuweiler einige ihrer großformatigen Bilder ausgestellt.

Kirchenbänke als Sitzgelegenheit

Zum Verweilen laden derweil zwei Kirchenbänke ein – „die wollte ich unbedingt behalten“, sagt Tilly Neuweiler. In den anderen Räumen hat sie sich ein Wohnzimmer, eine Küche, ein Bad und ein Schlafzimmer eingerichtet. Letzteres war früher der Vorbereitungsraum des Pfarrers. Eine weitere Treppe führt auf die Empore, von der aus man den Ausstellungsraum besser überblicken kann.

Der Blick von der Empore zeigt die Dimensionen. Links sieht man die Kirchenbänke und die alten Fenster. In den anderen Räumen hat Neuweiler diese ausgetauscht. Foto: Cools

„Ich habe vieles so gelassen wie vorher“, erklärt Tilly Neuweiler. Nur die Fenster der Wohnung musste sie umbauen, denn durch das Ornamentglas konnte man die Welt draußen nur verschwommen sehen – eine Schande bei dem herrlichen Ausblick, findet die 73-Jährige.

Ihr Werdegang

Ihr Abitur hat sie einst in Esslingen gemacht. Sie erhielt ein Begabtenstipendium und studierte Anglistik und Romanistik in Oxford, Paris und Tübingen – etwas Solides, das war den Eltern lieber. Kreativität war aber schon immer ein Teil von Tilly Neuweiler. Deshalb studierte sie parallel Kunst und Kunstgeschichte in Tübingen.

Am HAP Grieshaber Gymnasium in Reutlingen, einer der wenigen Schulen, an der man Kunst schon früh als Schwerpunkt wählen kann, lehrte sie unter anderem Kunst und visuelle Kommunikation.

Ihr eigenes künstlerisches Wirken begann mit Zeichnen, Malerei und ursprünglicher Fotografie samt Dunkelkammertechnik. Besonders fasziniert war sie vom Malen mit Sand.

Reisen an die entlegensten Orte

Mit 17 Jahren begann Neuweiler allein die Wüsten der Erde zu bereisen. Los ging es mit Ockersand aus Südfrankreich, den sie mithilfe von Acryl-Binder auf der Leinwand fixierte.

Beim Reisen suchte sie bewusst nach entlegenen Orten. „Mich hat schon immer interessiert und fasziniert, wie wenig der Mensch zum Leben eigentlich braucht und was zu diesen wenigen Dingen gehört“, erklärt sie ihren Antrieb.

Das einfachste Leben fand sie bei den Dogon, einer Volksgruppe, die in einem nur schwer zugänglichen Gebiet in Mali (Afrika) lebt, an der Abbruchkante der Falaise bei Bandiagara zur Wüste – keine Spur von Straßen oder gar Strom. Die religiöse Basis der Dogon ist der Animismus. Sie glauben, dass Objekten ein Geist, eine Seele inneliegt.

Gehört Kunst zum Lebensnotwendigen?

Das Faszinierende: „Die Dogon haben praktisch nichts, aber Kunst spielt eine große Rolle. Sie ist eines dieser fundamental wichtigen Dinge“, erklärt Tilly Neuweiler. So finde man kunstvoll gestaltete Holztüren, geschnitzte Masken, Höhlenmalereien, bei denen Tierfett als Bindemittel benutzt wird, und immer wieder eine Figur, die einen Arm zum Himmel streckt und die andere Hand in Abwehrhaltung hält. „Damit wollen sie den Ahnen sagen: Gebt uns Regen, aber nicht zu viel.“

Auf allen Ebenen austoben

Die Höhlenmalereien inspirierten Neuweiler zu Bildern und Skulpturen. 2019 hat sie zudem die Steinbearbeitung erlernt. Mosaike aus gebrochenen Platten, Aquarelle, Fotografie – es gibt kaum etwas, das Neuweiler nicht kann.

Sie lässt sich nicht gern in Schubladen stecken. „Ich bin keine, die ihr Leben lang dieselben Nägel reinschlägt. Es geht mir nicht um Wiedererkennungswert. Ich will mich auf allen Ebenen austoben“, sagt sie. Die Vielfalt an Techniken, ihr humanistisches Menschenbild und die Kombination aus Literatur, Malerei und Fotografie zeichne sie aus.

Tilly Neuweiler hat nämlich schon einige Bücher veröffentlicht, in denen sie Kunst mit Lyrik kombiniert, so etwa Aquarelle mit Zeilen von Hölderlin oder Fotografien im „wilden Frankreich“.

Unterrichten ist ein Wunsch

Gerne würde die Künstlerin in Bergfelden kleine Gruppen in Kunst unterrichten, jedoch hat Corona sie in der Anfangsphase stark getroffen. Sie konnte niemanden in ihrem Atelier empfangen und sich dadurch nicht bekannt machen.

Auch ein Einweihungsfest hat bisher nicht stattgefunden, aber die Künstlerin hat schon einen Workshop in der Halle 16 in Sulz geleitet. Vielleicht kommen ja noch weitere hinzu – viel Wissen weiterzugeben hat Neuweiler allemal.

Die neuapostolische Kirche

1931 wurde der erste neuapostolische Gottesdienst in Bergfelden gehalten. Die neuapostolischen Gemeinden Bergfelden und Sulz bilden seit Mitte 2019 eine gemeinsame. Weil die bauliche Substanz in Bergfelden nicht mehr den Anforderungen entsprach, wurde das Gebäude entwidmet. Die Gottesdienste finden seither  in der 1999 erbauten Kirche Am Brunnenbach 20 in Sulz statt.