Betriebsausflug? Gestrichen. Weihnachtsfeier? Abgesagt. Jahrzehntelange Mitarbeiter kündigen oder werden freigestellt: Im Lauterbacher Rathaus geht es derzeit drunter und drüber.
Grund genug für unsere Redaktion, bei den Betroffenen nachzufragen, wie sie die Situation sehen. Dabei kommt Brisantes und Erstaunliches ans Tageslicht.
Ein Teil der Rathaus-Mitarbeiter stellte sich den Fragen unserer Redaktion über die Vorgänge – diese sind in Lauterbach derzeit Gesprächsthema Nummer eins.
Was zutage kommt, hat es in sich: So berichten die Mitarbeiter, dass es schon vor dem Herbst 2024 zahlreiche Gespräche rund um das Thema Personal gegeben habe. In diese waren der Personalrat und mehrfach auch der Gemeinderat eingebunden, berichten sie im Gespräch.
Die offenkundig bestehenden Probleme und Differenzen sollten dann im November bei einem Gespräch mit Bürgermeister Jürgen Leichtle, den Gemeindebediensteten und dem Gemeinderat ausgeräumt werden. „Ziel war, dass wieder ein sehr gutes Miteinander erreicht wird“, heißt es von den Mitarbeitern.
Scharf attackiert
Allerdings ging der Schuss nach hinten los: Bürgermeister Jürgen Leichtle habe bereits vor dem Gespräch die jahrzehntelange Bürgermeister-Sekretärin Dorothee Broghammer äußerst scharf attackiert und ihr befohlen, den Saal zu verlassen. „Sie sind mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres vom Dienst suspendiert“, seien die Worte gewesen, sagen mehrere Mitarbeiter. Erst nach längerem Widerstand von Kollegen und Gemeinderat durfte Dorothee Broghammer bleiben.
Gemeinderat und Verwaltungsmitarbeiter seien entsetzt und schockiert über dieses Vorgehen gewesen, berichten die Mitarbeiter weiter. Das Gespräch hatte unter diesen Voraussetzungen wenig Aussicht auf Erfolg.
Es wurde schließlich vereinbart, eine Mediatorin einzuschalten, um mit deren Hilfe die Probleme zu lösen. Hierfür stellte der Gemeinderat „nicht unerhebliche“ Geldmittel zur Verfügung.
Die erste Mitarbeiterin aus der Finanzverwaltung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits gekündigt. Ihre Begründung: Sie sei es leid gewesen, der ständigen Ignoranz, Missachtung und nicht vorhandenen Zusammenarbeit mit Personalchef (Kämmerer Karl-Heinz Villinger) und Bürgermeister ausgesetzt zu sein. So sei ihr unter anderem mehrere Wochen die tägliche Post einbehalten worden, um sie dann nach Wochen damit zu überschwemmen.
Die erste Kündigung
Nach der Kündigung versuchte der Bürgermeister sie zum Bleiben zu überreden. Sie sei eine fachlich gute und wertvolle Mitarbeiterin, hieß es im Beisein eines Zeugen. Allerdings: Ihr Arbeitszeugnis – lange nach ihrem Ausscheiden – fiel verheerend schlecht aus. Erst nach massivem Druck seitens des Gemeinderats hat die ehemalige Mitarbeiterin ein neues Zeugnis bekommen, das aber hinsichtlich seines neuen Inhalts erst noch geprüft werden muss.
Derweil wurde vereinbart, zur „Angelegenheit Dorothee Broghammer“ ein eigenes Mediatorengespräch auszurichten – mit Mediatorin, Personalchef Villinger, Bürgermeister Leichtle, Dorothee Broghammer und Hauptamtsleiter Andreas Kaupp. Die festgesetzten Termine konnten aber aufgrund von Krankheit und Terminüberschneidungen zwei Mal nicht stattfinden. Statt einer weiteren Terminansetzung folgte am 25. März die sofortige Freistellung von Dorothee Broghammer. Die Mitarbeiter werfen Leichtle vor, dass dieser gesagt habe, die Vorgehensweise sei mit dem Gemeinderat abgestimmt – allerdings seien in der Sitzung am 24. März keine Beschlüsse gefasst worden.
Der „Fall Dorothee Broghammer“
Nun verweisen die Mitarbeiter auf die Hauptsatzung der Gemeinde. Dort steht unter Paragraf zehn, Absatz zwei: „Dem Bürgermeister kommen folgende Aufgaben zu: Die Ernennung, Einstellung und sonstige personalrechtliche Entscheidungen von Gemeindebeschäftigten bis zu einer Eingruppierung in EG 5“. Dorothee Broghammer ist aber nach 42-jähriger Tätigkeit im Rathaus höher eingruppiert.
Die Mitarbeiter sehen darin einen Rechtsverstoß – ebenso wie das Verbot für Dorothee Broghammer, sämtliche Gemeindegebäude und Liegenschaften (zum Beispiel Gemeindehaus, Haus des Gastes oder Aussegnungshalle) bis auf weiteres nicht mehr betreten zu dürfen. Vor der Freistellung habe es weder vom Bürgermeister noch vom Gemeinderat eine Anhörung gegeben – obwohl Dorothee Broghammer nie ein Fehlverhalten vorzuwerfen gewesen sei.
Damit war aber noch lange nicht Schluss: Eine weitere langjährige Verwaltungsmitarbeiterin zog die Konsequenzen und kündigte ebenfalls. Hauptgrund: „Die Zustände im Rathaus“, sagt sie.
Auszubildende bewirbt sich weg
„Extrem deprimierend“ bezeichnen es die Mitarbeiter, dass sich eine sehr gute Auszubildende aufgrund der aktuellen Situation wegbewerbe. „Für uns ist das eine personalpolitische Bankrotterklärung“, sagen die Mitarbeiter.
Weitere Kündigungen seien nicht ausgeschlossen. Zudem werde es kaum jemanden geben, der für den Personalrat kandidieren werde. „Viele haben Angst, dass es ihnen geht gleich ergeht wie den bisherigen Personalräten“, sagen sie (siehe Infokasten).
Zudem stößt den Mitarbeitern sauer auf, dass der Bürgermeister in nichtöffentlichen Sitzungen dem Gemeinderat seine Sicht der Dinge darstellen könne, die Betroffenen sich aber nicht äußern könnten.
Dankbar sind sie hingegen der Mitbürgerin, die in der Einwohnerfragestunde des Gemeinderats Missstände offen anspreche. Denn wenn nichts geschehe, werde das Ganze aus personalpolitischer Sicht „ein Flächenbrand, der nur noch schwer einzudämmern ist“.
Rücktritte im Personalrat
Auch im Personalrat
gab es massive Probleme. Und zwar deswegen: Ein Bauhofmitarbeiter sollte für 25-jährige Tätigkeit geehrt werden. Nach der Ehrenordnung der Gemeinde erhält ein Jubilar in einem solchen Fall 50 Euro von der Gemeinde. Da der Jubilar nicht viel Aufhebens wünschte, organisierte ein Mitarbeiter des Personalrats einen Scheck über 50 Euro von der Gemeindekasse und übergab diesen an den Jubilar.
Allerdings
gab es noch keine Zahlungsfreigabe durch den Bürgermeister, die rechtlich und formell nötig gewesen wäre. Das Mitglied des Personalrats sah das als Formsache, der Bürgermeister hingegen als schweren disziplinar- und strafrechtlichen Verstoß.
Ein Klärungs-Workshop
zu diesem Vorfall sollte daher zwischen zwei Personalräten und Bürgermeister Jürgen Leichtle stattfinden. Leichtle eröffnete mit heftigen Vorwürfen: Der Personalrat habe sich einem disziplinar- und strafrechtlichen Verstoß schuldig gemacht.
Verfahren
würden nur dann nicht eingeleitet, wenn die Personalräte sofort ihr Amt niederlegen würden. Geschockt unterzeichneten die beiden Personalräte die vorbereitete Erklärung dazu. Über den Vorgang wurde Stillschweigen angeordnet.