Der Tarifverbund und der Kreis Calw verhandeln über einen möglichen Zusammenschluss. Auch die Hermann-Hesse-Bahn spielt hier eine Rolle.
Eine Integration des Landkreises Calw in das Gebiet des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) wird im Landratsamt schon länger diskutiert. „Wir machen seit acht oder neun Jahren dran rum“, sagte Landrat Helmut Riegger im Verwaltungs- und Wirtschaftsausschuss des Kreistages.
Doch viel hat sich in dieser Zeit nicht getan. Mit Ostelsheim und Gechingen gehören gerade einmal zwei Orte wirklich zum VVS-Gebiet. Bei einzelnen Buslinien aus dem Herrenberger Raum nach Nagold und Altensteig gilt der VVS-Tarif – das war’s.
Dass die Calwer gern mehr hätten, daraus macht Riegger keinen Hehl. Er habe sich mit dem Stuttgarter OB Frank Nopper – seines Zeichens VVS-Aufsichtsratsvorsitzender – getroffen und Druck gemacht. Ein konkretes Ergebnis hat auch das nicht gebracht. „Der VVS hatte in der Vergangenheit nicht vor, sich zu vergrößern“, sagte Michael Stierle, ÖPNV-Abteilungsleiter im Landratsamt, im Ausschuss.
VVS-„Stachel“ für Hesse-Bahn
Nun aber haben sich ein paar Faktoren verändert. Laut Stierle gebe es im VVS mittlerweile „neue Köpfe“. Hinzu komme Druck aus dem Verkehrsministerium des Landes. Denn das wolle die Anzahl der Verkehrsverbünde in Baden-Württemberg drastisch reduzieren – vor allem durch Zusammenlegung. Momentan hat der Landkreis Calw mit dem VGC einen eigenen Verbund. Und drittens führte Stierle an, dass es mit der Hermann-Hesse-Bahn (HHB) bald erstmals eine Bahnlinie gibt, die aus dem VGC in den VVS fährt, nämlich bis Renningen.
Verschiedene Szenarien werden durchgegangen
Hier sieht Stierle eine Möglichkeit, dem Ziel der VVS-Integration näher zu kommen. Für die HHB ließe sich der VVS-Tarifbereich ausklappen, ähnlich wie nach Altensteig. Der VVS umfasst eigentlich nur fünf ringförmige Zonen. Die wurden aber bisher schon erweitert, zum Beispiel bis Göppingen oder Geislingen.
Der Bus nach Altensteig durchquert gleich drei zusätzliche Kleinzonen. So weit draußen wie Altensteig, nämlich in Zone acht, liegt kein anderer Ort im VVS. Einen VVS-„Stachel“ soll es laut Stierle auch für die HHB geben. Dann könnten die Fahrgäste nämlich mit einem Ticket bis Stuttgart fahren.
In einem zweiten Schritt gehe es darum, den Landkreis komplett in die VVS-Tarif-struktur zu integrieren, erklärte Stierle. Dabei müssten viele Fragen geklärt werden. Zum Beispiel: Welche Zonen gelten im flächenmäßig großen Kreis Calw? Der VVS rechne aktuell verschiedene Szenarien durch, so Stierle. Konkrete Zahlen lägen noch nicht vor. „Aber es tut sich was“, sagte Stierle.
Nele Willfurth (Grüne) fragte nach, ob der VGC dann weiter bestehe oder komplett im VVS aufgehe. „Eine Vollmitgliedschaft im VVS müssten wir bezahlen“, erklärte Riegger. Das wäre aber teuer – zu teuer für den Kreis Calw. Deshalb strebe das Landratsamt nur eine tarifliche Einbindung des VGC in den VVS an. „Tarifliche Einheit ohne Eintrittsgeld“, nannte es Jürgen Großmann (CDU).
Warum überhaupt zum VVS?
Ryyan Alshebl (Grüne) fragte, warum der Kreis überhaupt zum VVS gehören wolle. Es gebe ja auch den Karlsruher Verkehrsverbund (KVV).
Und immerhin: Bad Herrenalb und Bad Wildbad sind durch S-Bahnen an das KVV-Gebiet angeschlossen. Dass sah auch Riegger. Der Kreis sei durch seine geografische Lage aus Sicht des ÖPNV zweigeteilt. Er berichtete, dass er sich seit zwei Jahren mit dem KVV-Chef austausche.
Stierle brachte aber einen anderen Punkt an. Der meiste ÖPNV-Verkehr aus dem Kreis heraus orientiere sich nach Böblingen, Sindelfingen und Stuttgart – und damit in Richtung VVS, erklärte er.
Wird das Deutschlandticket zur Gefahr?
Auch eine andere Frage kam im Gremium auf: Welchen Sinn haben Tarifverbünde in Zeiten des Deutschlandtickets? Denn die Fahrgäste können sich damit ja ungeachtet möglicher Verbundsgrenzen fortbewegen. Aber zu einem großen Verbund zu gehören bringt Vorteile, weswegen auch das Verkehrsministerium die Zusammenschlüsse forciert.
Es geht dabei zum Beispiel um die Digitalisierung, die sich in wenigen großen Verbünden einfacher umsetzen lässt, als in vielen kleinen. Und speziell zum VVS zu gehören, könnte für den Kreis Calw einen weiteren Vorteil bringen. Die Hesse-Bahn könnte so einfacher eines Tages eine richtige S-Bahn-Linie sein. Die Endstation der S6 läge dann nicht mehr in Weil der Stadt, sondern in Calw.