Das Kommando Spezialkräfte braucht Platz – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Bedrohungslage in Europa. Das machte vor allem dessen stellvertretender Kommandeur bei einer Infoveranstaltung in Althengstett am Dienstagabend mehr als deutlich.
9000 Quadratmeter für Lagerflächen oder -hallen, 196 zusätzliche Unterkünfte, ein Hundeausbildungsplatz auf 2000 Quadratmetern und vieles mehr.
Es waren beeindruckende Pläne, die Hauptmann Nikolaus Geiger im Rahmen einer Infoveranstaltung am Dienstagabend in der Althengstetter Festhalle präsentierte.
Die Erweiterung Geiger ist Infrastrukturbeauftragter des Kommando Spezialkräfte (KSK) in Calw. Und Letzteres braucht insgesamt, allein für Gebäude und Abstellflächen, acht Hektar zusätzlichen Platz, wie Jasmin Altherr von der Bundesbau Baden-Württemberg ausführte.
Hinzu kommen unter anderem Wege, Straßen und nicht zuletzt Ausgleichsflächen, die für größere Eingriffe in die Natur geschaffen werden müssen – insgesamt 23 Hektar.
Eine Erweiterung des Kasernengeländes sei jedoch weder im Osten, noch im Süden oder Westen möglich. Auch im Bestand lasse sich nicht mehr viel machen – und der Übungsplatz sei Naturschutzgebiet.
148 Flurstücke, rund 100 private Eigentümer
Was am Ende bleibe: Flächen auf Althengstetter Gemarkung kaufen. Bereits Ende Oktober hatten die Gemeinde Althengstett und das KSK erklärt, dass dies nötig und vorgesehen sei, um einsatzbereit zu bleiben.
Die Erweiterung ist entlang der Bahnlinie, den Hang hinab Richtung Hauptstraße, geplant. Konkret geht es um 148 Flurstücke, von denen 28 der Gemeinde, der Rest rund 100 privaten Eigentümern gehören. Die Bundeswehr plant, mittelfristig rund 200 Millionen Euro zu investieren, was auch der regionalen Wirtschaft zugutekomme.
Die Infoveranstaltung sollte nun, so Althengstetts Bürgermeister Rüdiger Klahm, dazu dienen, „in die fundierte öffentliche Diskussion einzusteigen“ und von Gerüchten wegzukommen.
Landrat mahnt Landrat Helmut Riegger, vor allem aber Oberst Peter Küpper, Standortältester und stellvertretender Kommandeur des KSK, nutzten die Gelegenheit aber auch, um deutlich zu machen, warum die Erweiterung so wichtig ist.
Denn die Zeiten seien keine einfachen, meinte Riegger in einem Grußwort. Werde die Bundeswehr nicht endlich besser ausgestattet, „sind wir am Ende vielleicht schlimmer dran als die Ukraine heute“. Für den Fall der Fälle müsse alles vorbereitet sein – auch die Infrastruktur vor Ort, etwa Krankenhäuser. „Da können wir nicht die Augen verschließen und sagen, das sollen andere machen“, mahnte der Landrat.
Nicht wirklich friedlich Oberst Küpper blickte zurück in die Anfänge der Calwer Kaserne in den 1960er-Jahren. Damals für die Fallschirmjäger gebaut, seien die Anlagen nie für den heutigen Zweck oder heutige Anforderungen konzipiert gewesen. 1996 wurde die Einheit aufgelöst.
Und mit dem Ende der Ost-West-Konfrontation vor mehr als 30 Jahren schien eine Ära des Friedens gekommen. Streitkräfte hätten sich gefragt, wofür sie noch da seien. „Aber die Welt an sich wurde nicht wirklich friedlicher“, sagte Küpper. Kriege und Konflikte, etwa in Ruanda oder auf dem Balkan, gab es weiterhin.
Viele Konflikte toben
Europa schien sicher, 2011 wurde in Deutschland die Wehrpflicht ausgesetzt. Heute gebe es Kriege und Krisenherde in der Ukraine, in Israel oder Syrien. China drohe, Taiwan anzuschließen. Und viele andere Konflikte tobten auf dem Planeten, etwa im Sudan, über die kaum noch jemand spreche.
Am bedrohlichsten für Deutschland sei wieder Russland geworden. Nicht ohne Grund liegt der neue Schwerpunkt des KSK bei der Landes- und Bündnisverteidigung.
Hybrider Krieg Aktuell, so berichtete Küpper, sei in Russland ein Übergang zur Kriegswirtschaft zu beobachten. Trotz aller Verluste würden dort Streitkräfte aufgebaut. 2029, so die Einschätzung, soll das Land in der Lage sein, die Nato anzugreifen.
Doch selbst bis dahin sei der Westen nicht sicher. „Der Krieg läuft bereits gegen uns“, unterstrich der stellvertretende Kommandeur – in Form hybrider Kriegsführung, etwa durch Sabotageakte oder dem Versuch, Wahlen zu manipulieren.
„Wir wissen nicht, was die Russen vorhaben“, sagte Küpper. Aber es sei bekannt, wozu Putin fähig sei. Und die Rhetorik der Russen sei nicht gerade friedlich.
Streitkräften komme daher die Funktion der Daseinsvorsorge zu, die Aufgabe, Sicherheit zu gewährleisten, überzeugend abschrecken zu können – im Bündnis mit der Nato, denn allein sei das Land dazu gar nicht in der Lage. „Ohne diese Sicherheit ist alles andere nichts“, bekräftigte der Oberst.
„Fang keinen Krieg an – es gibt nur Verlierer“
Die Botschaft müsse klar sein: „Fang keinen Krieg an – es gibt nur Verlierer.“
Eine Erweiterung des Kasernengeländes, schlug er schließlich den Bogen, sei insofern nicht vorgesehen, „weil es uns Spaß macht“. Sondern weil sie gebraucht werde.
Schon länger angedacht Pläne für eine Erweiterung gebe es schon länger, führte Hauptmann Geiger aus. Bereits 2017 sei festgestellt worden, dass es überall an Platz fehlt.
Wie Oberst Herfried Martens vom Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr berichtete, hätte das nötige Landbeschaffungsverfahren bereits 2019 beginnen dürfen. 2020 sei dann Corona, 2022 der Angriff Russlands auf die Ukraine „dazwischengekommen“. Das Verfahren habe bislang noch gar nicht begonnen.
Nichts entschieden Cornelia Kessler von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) unterstrich: „Entschieden ist noch gar nichts.“ Hier habe man es „mit dem hohen Gut des Eigentums zu tun“. Daher solle mit jedem Eigentümer einzeln gesprochen und nach Lösungen gesucht werden.
Im Nachgang der Vorträge und Präsentationen erhielten dann die zahlreich erschienen Bürger das Wort, um Fragen zu stellen. Eine Möglichkeit, die rege genutzt wurde.