Neue Funde am Münsterhügel erweitern das Bild der Keltenzeit. Wie an dem wichtigen Knotenpunkt einst die Handelswege zusammenliefen.
Gewerbe, Fernhandel und Kultur florierten in der keltischen Siedlung am Rhein, wo heute das Pharmaunternehmen Novartis seinen Sitz hat. Die Häuser und Werkstätten waren aus Holz und Lehm gebaut. Sie standen auf großzügigen Parzellen mit Gärten und Gruben, die als Getreidesilos dienten. Die Siedlung, die in vielerlei Hinsicht stadtähnliche Züge aufwies, war ein Knotenpunkt, an dem die Fäden eines weit gespannten Handelsnetzes zusammenliefen.
Doch mit der systematischen Eroberung Südfrankreichs durch die Römer ab 125 vor Christus und dem aufkommenden Druck durch germanische Stämme im Osten entschieden sich die Kelten, ihre ungeschützte Siedlung aufzugeben und sich auf dem heutigen Münsterhügel niederzulassen – in strategisch bedeutsamer Lage, zusätzlich geschützt durch eine Wehrmauer, wie Kantonsarchäologe Guido Lassau weiß.
Gemeinsam mit dem Basler Regierungspräsidenten Conradin Cramer präsentierte er am Donnerstag neue archäologische Erkenntnisse zum Keltenwall „Murus Gallicus“, der vor der römischen Besetzung errichtet und 1971 bei Bauarbeiten entdeckt worden war.
Neue Informationsstelle
In den Sommerferien beginnen die Arbeiten für die neue Informationsstelle an der Rittergasse 4, die im September 2027 eröffnen soll. In einem unterirdischen Besucherraum sollen Interessierte die archäologischen Funde dann aus nächster Nähe betrachten können. „Wir wollen die Funde zeigen und Geschichten erzählen“, so Cramer. Im Vorfeld finden archäologische Grabungen statt, bei denen mehrere neue Objekte aufgetaucht sind. Die Wissenschaft erhoffe sich daraus neue Erkenntnisse über den Keltenwall, sagte Cramer.
Dass es sich in nächster Nähe zum Basler Münster um eine Fundstelle von nationaler Bedeutung handele, ließ Lassau nicht unerwähnt. Rund 400 Tonnen Eichenstämme, 1200 Tonnen Gestein und 10.000 Tonnen Erdreich wurden für den sechs Meter hohen und zwölf Meter tiefen Wall verbaut. Die Siedlung im Innenbereich sei dicht bebaut gewesen, berichtet der oberste Archäologe. „Es gab viel Handwerk und auch eine Elite, die alles kontrolliert hat.“
Genaue Aufschlüsse
Bei den jetzigen Arbeiten an der Wehranlage, die im Untergrund des Pausenhofs der Grundschule Rittergasse liegt, wurde ein Stück des Wallkörpers mitsamt Resten diverser Holzkonstruktionen entdeckt, die genaue Aufschlüsse zur Bauweise der Befestigungsanlage liefern.
Bisher war unklar, ob der Murus Gallicus mehrere Bauphasen aufweist oder in einem Stück gebaut wurde und anschließend relativ schnell wieder verfallen war. Die Holzkonstruktionen könnten nun Aufschluss darüber liefern, so Lassau.
Die Reste der Holzbalken bestehen aus mehreren Längs- und Querankerbalken, die bereits in der Eisenzeit im Feuer gehärtet wurden – vermutlich, um sie länger haltbar zu machen. Um diese archäologischen Funde im Labor untersuchen zu können, haben die Mitarbeiter der Archäologischen Bodenforschung die Balkenreste eingegipst und als Blöcke geborgen.
Hoffnung nicht erfüllt
Die Hölzer wurden dann mittels eines Computertomographen durchleuchtet. „Dies erlaubte es, die Jahrringe zu erkennen. Doch leider erfüllte sich unsere Hoffnung einer jahrringgenauen Datierung des Walls nicht“, bedauert der Experte. „Bisher war die Anzahl der Jahrringe zu gering, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu gewinnen.“
Während der Ausgrabung wurde auch die Berme, ein flacher Streifen von rund sechs Metern zwischen Wall und Graben untersucht. Hier konnten die Archäologen verschiedenen handwerkliche Aktivitäten, wie etwa das Schmieden nachweisen. Solche Aktivitäten seien in der Eisenzeit manchmal am Rand der Siedlungen ausgeführt worden, vermutlich aus Brandschutzgründen, weiß Lassau.
Die Wissenschaftler fanden auch Gegenstände, die für den Übergang in die römische Zeit stehen. Dazu gehört eine bronzene, sternförmige Fibel, die wohl einst von einer Römerin als dekorative Brosche getragen wurde, erklärte Archäologe Martin Allemann.
Römische Befestigung
Auch ein Schreibgriffel aus Knochen kam bei den Arbeiten zum Vorschein. Damit wurden Buchstaben in Wachsflächen von Schreibtafeln geritzt.
Der Ort um den Murus Gallicus an der heutigen Rittergasse wurde auch nach der Eisenzeit rege genutzt. In römischer Zeit wurde der Verteidigungswall zusehends planiert, und es entstand eine kleine dörfliche Siedlung im südlichen Vorfeld des Grabens.
Erst um 300 nach Christus bauten die Römer in unmittelbarer Nähe des ursprünglichen keltischen Walls eine neue Befestigungsanlage.