Eine Lahrer Delegation hat Kalusch in der Ukraine besucht. Vier Jahre nach dem russischen Überfall blickt Bürgermeister Andrii Naida zurück – und kämpferisch nach vorne.
Zum vierten Mal jährt sich am heutigen Dienstag die russische Invasion in die Ukraine. Der Angriffskrieg war ein Einschnitt in das Leben aller Menschen im Land – auch in Kalusch. Bürgermeister Andrii Naida schildert im Gespräch mit unserer Redaktion die Herausforderungen des Krieges auf lokaler Ebene und betont die Bedeutung der Solidaritätspartnerschaft mit Lahr.
Herr Naida, Sie sind seit 2020 Bürgermeister von Kalusch, 2022 starteten die Russen ihren Angriffskrieg. Wie hat das Ihren Alltag im Rathaus verändert?
Es hat mein Leben verändert. Etwa 80 Prozent meiner Zeit verbringe ich mit meinem Beruf, weil es solch eine große Herausforderung ist. Etwa 4500 Menschen aus Kalusch wurden mobilisiert, ungefähr 300 sind gefallen, 180 weitere werden vermisst. Es bereitet uns große Sorgen, da viele verwundet zurückgekehrt sind. Die Familien leiden, wir wollen sie unterstützen. Wir haben zudem 5000 Flüchtlinge aufgenommen. Viele sind privat untergekommen, für die anderen haben wir Räume geschaffen. Auch viele Firmen haben ihren Betrieb aufgrund des Kriegs gestoppt. Es fehlt an lebensnotwendiger Grundversorgung.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel Elektrizität oder die Abwasserentsorgung. Die war in Händen einer privaten Firma, die nun ihren Betrieb eingestellt hat. Wir hatten auch einen große Chemiefabrikanten mit mehr als 3000 Mitarbeitern vor dem Krieg. Nun arbeiten dort nur noch 300 und die sind nun auch verantwortlich für das Abwassersystem.
Wie versuchen Sie, den Herausforderungen Herr zu werden?
Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen es sich leisten können, hier zu leben. Wir sorgen für Wasser-, Strom- und Gasversorgung, wir sorgen dafür, dass die Menschen einen Arbeitsplatz haben. Dafür versuchen wir, Firmen aus anderen Orten in der Ukraine hierher umzusiedeln, stellen ihnen Gewerbeflächen zur Verfügung. Aber es gibt auch bei uns Angriffe. Wir hatten zwei Raketenangriffe, unser Industriepark wurde zerstört. Selbst hier ist es nicht komplett sicher.
Wie sieht es mit den Finanzen aus?
All unser Geld fließt in die Armee, um Russland standzuhalten. Teilweise sind unsere Straßen beschädigt, aber wir haben gesagt, dass wir sie erst nach Kriegsende reparieren.
Kalusch versucht, Firmen aus dem Osten der Ukraine anzusiedeln
Woher kommt das Geld, das Sie für den Alltag in der Stadt brauchen?
Wir versuchen, die Firmen zu unterstützen, um Gewerbesteuer einzunehmen. Auch unsere Partnerstädte wie Lahr unterstützen uns, denn wir können nicht darauf hoffen, dass wir vom Staat Geld bekommen. Der braucht das Geld für den Krieg. Von den notwendigen Dingen für die Menschen können wir nur etwa 50 Prozent selbst bezahlen.
Sie sind also auf die Unterstützung aus anderen Ländern angewiesen?
Ja. Vor allem auf humanitäre Hilfe. Im vergangenen Jahr hat uns Lahr Solarpanele und Solarleuchten geschickt, die wir installiert haben.
Was bedeutet Ihnen die Partnerschaft mit Lahr?
Für mich ist es vielleicht die beste all unserer Partnerschaften. Die Einwohner von Lahr, im speziellen Markus Ibert und Gabriele Rauch, sind meine besten Freunde. Sie helfen sehr, sie sind aufrichtige und nette Menschen. Schüler kennen Lahr, denn wir bringen ihnen in unseren Schulen etwas über unsere Partnerstädte bei.
„Russland ist ein terroristischer Staat“
Wie sehen Sie die Rolle Deutschlands und Europas im Krieg gegen Russland?
Europa ist zivilisiert, Russland ein terroristischer Staat. Nur mit der Hilfe zivilisierter Staaten können wir gegen Russland bestehen. Sie wollen nicht nur die Ukraine besiegen, sondern auch andere Länder. Wir benötigen Waffenlieferungen, denn wenn wir selbst Waffen produzieren würden, würden die Russen die Fabriken zerstören.
Viele sagen, man kann den Krieg nur mit Diplomatie stoppen...
Wenn Russland ein zivilisiertes Land wäre, wäre das vielleicht möglich. Man kann es über Diplomatie versuchen, aber am nächsten Tag wollen sie unsere Menschen töten, greifen unsere Städte mit Raketen an. Ich glaube nicht, dass sie bereit sind, den Krieg auf diplomatische Weise zu beenden.
Freundschaftsspiel zwischen Fußballvereinen aus Lahr und Kalusch?
Gibt es schon Pläne, Lahr mal wieder zu besuchen?
Ja, das würde ich gerne. Wenn Markus Ibert mich einlädt.
Was wäre Kalusch ohne Lahr und was wäre Lahr ohne Kalusch?
Wir haben viel gemeinsam. Wenn der Krieg zu Ende ist, können wir vielleicht kulturell, pädagogisch oder wissenschaftlich zusammenarbeiten. Mein Traum ist es auch, ein Freundschaftsspiel im Fußball zwischen Lahr und Kalusch zu organisieren.
Sie haben also Hoffnung?
Es gibt nur einen Weg, wie dieser Krieg endet. Und das ist ein ukrainischer Sieg.
Zur Person
Andrii Naida, 47, ist in Kalusch im Südwesten der Ukraine geboren und aufgewachsen. 2020 wurde er zum Bürgermeister gewählt, 2025 sollte es turnusgemäß eigentlich erneut Wahlen geben, doch kriegsbedingt sind Wahlen derzeit ausgesetzt. Naida ist verheiratet und hat zwei Töchter. Im Interview mit unserer Redaktion sprach er englisch.