Das Gesundheitszentrum Todtnau feiert 20-Jähriges. Es zeigt, wie ärztliche Versorgung auf dem Land gelingen kann.
20 Jahre Gesundheitszentrum Todtnau – Ihr Vater Thomas Honeck, der die Einrichtung gegründet hat, hat sich früh Gedanken über die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum gemacht. Sehen Sie die beiden Praxen als Paradebeispiel dafür, wie medizinische Versorgung auf dem Land gelingen kann?
Ja, das schon. Im Landkreis sind wir in dieser Form mit fachärztlichen Zweigsprechstunden an einem Ort, an dem sich sonst kein Facharzt niederlassen würde, einzigartig.
Durch das breit aufgestellte Angebot im Gesundheitszentrum ist ja der große Vorteil, dass die Patienten für viele Untersuchungen nicht mehr so weite Wege auf sich nehmen müssen.
Ja, man kann bei uns zum Orthopäden, Chirurgen und Gefäßchirurgen. Seit Juni hat außerdem unsere Augenärztin ihr Angebot auf alle Patienten und alle Untersuchungen, die in einer Augenarzt-Praxis möglich sind, ausgeweitet. Schon lange kommt auch ein Gynäkologe/Urologe für Untersuchungen in unsere Praxis. Für manche Untersuchungen muss man aber doch weiter fahren. So nehmen wir aus Kapazitätsgründen etwa keine neuen Kinder für Vorsorgeuntersuchungen mehr auf, bemühen uns aber nach wie vor um eine kinderärztliche Zweigsprechstunde hier.
Bei Ihnen gibt es keinen Aufnahmestopp. Wie schaffen Sie es, so viele Patienten aus dem Raum Todtnau bis Maulburg zu betreuen?
Wir bieten mit 246 Terminen pro Woche mehr an als wir pro Arzt müssten. An den beiden Standorten arbeiten sechs Fachärzte und vier Ärzte in Weiterbildung, die versorgen zwischen 200 und 500 Patienten pro Tag, unterstützt durch ein großes Team. Dazu gehören 25 nichtärztliche Mitarbeiter und vier Notfallsanitäter.
Also kann man im Raum Todtnau/Schönau nicht von einem Ärztemangel sprechen, oder etwa doch?
Es gibt keinen absoluten Ärztemangel, und hier sowieso nicht, da wir die höchste Anzahl von Ärzten bezogen auf die Einwohnerzahl im Landkreis haben. Aber auch deutschlandweit gibt es meiner Meinung nach keinen Ärztemangel – eher einen Mangel an Arztzeit – wir haben mehr Ärzte als je zuvor. Es gehen zwar viele in Rente, aber es kommen auch genug nach. Sie arbeiten aber eben keine 60 Stunden mehr und gehen eher in eine Anstellung als in die Selbstständigkeit. Auch der Frauenanteil wird immer höher, was ich gut finde. Unter anderem dadurch braucht es immer mehr Teilzeit-Modelle. Auch von unseren angestellten Ärzten arbeitet keiner in Vollzeit, nur die Teilhaber. Mehr Teilzeit und die überbordende Bürokratie heißt aber weniger Zeit für die Patienten.
Aber alle sprechen doch von Ärztemangel. Wenn das nicht das Problem ist, was ist es dann?
Ja, das ist ein relativer Mangel. Neben den genannten Problemen wie Bürokratie und Teilzeitarbeit ist auch ein zentrales Problem unsere mangelnde Gesundheitskompetenz. In Deutschland gehen Patienten 9,6 bis zehn Mal pro Jahr zum Arzt, was im europäischen Vergleich zu den höchsten Werten zählt. Blickt man über die Grenze in die Schweiz sind es dort nur vier bis 4,5 Mal. Was ist ernst, was geht von alleine wieder weg und bedarf weder einer Vorstellung beim Arzt oder gar in einer Notaufnahme? Eigentlich müsste man diese Kompetenz schon den Kindern ab der Grundschule beibringen. An unsere Kapazitätsgrenzen stoßen wir auch wegen der Ansprüche von Patienten, zum Beispiel bei jedem Knieverdrehen ein MRT zu machen. Es wird mehr erwartet, als das System leisten kann.
Die steigende Bürokratie wird auch zum Problem.
Diese steht in direktem Zusammenhang mit der Wirtschaftlichkeit. Anfragen und Anträge, zum Beispiel für Schwerbehindertenausweise, kosten uns viel Zeit, die uns nicht entlohnt wird. Ein ganz neues Thema ist dabei die Pflege der elektronischen Patientenakte, dafür bekommen wir pro Patient für drei Monate 1,79 Euro.
Eine Sondersituation sind ja auch Ihre Notfallsprechstunden und, dass Sie zusätzlich den Notarzt vor Ort stellen. Wie bekommen Sie das mit dem Praxisalltag unter einen Hut?
Wir bieten eine hausärztliche Sprechstunde sowie Notfallsprechstunden an, für die wiederum zwei Ärzte abgestellt sind. Oft sehen die Patienten darin den schnellen Termin, aber diese Sprechstunden sind wirklich nur für Dringliches gedacht. Wenn ein Notfall reinkommt, müssen wir sonst die lang geplanten Termine umlegen oder an Kollegen weitergeben. Das sind wir gewohnt. Dass wir den Notarzt stellen, ist für das Obere Wiesental gut, aber die daraus resultierende Verlängerungen der Wartezeit stößt bei den Patienten nicht immer auf Verständnis.
Sie bilden auch junge Mediziner aus und weiter. Wie schaffen Sie es immer wieder, junge Ärzte für den ländlichen Raum zu gewinnen?
Wir sind Lehrpraxis für mehrere Unis und die Bewerbungen für die Weiterbildungen zum Facharzt Allgemeinmedizin, die Studenten im Praktikum oder Praxisjahr kommen immer initiativ. Die Bewerber kommen wegen des breiten Spektrums: Alles, was sie in der Klinik lernen, können sie hier anwenden. Es erfüllt mich mit Stolz, dass nahezu alle Ärzte , die wir weitergebildet haben, sich hinterher mit einer eigenen Praxis selbstständig gemacht haben, viele davon im ländlichen Raum.
Zur Person und Praxis
Eröffnet
wurde das Gesundheitszentrum am Standort Todtnau im Jahr 2015. 2017 kam dann mit der Praxis in Schönau der zweite Standort hinzu. Gründer war Thomas Honeck, der 2021 unerwartet verstarb. Zwei seiner drei Kinder, Martin und Andrea, sind heute Teilhaber, gemeinsam mit Thomas Ahne und Belá Ertl.
Martin Honeck
ist 51 Jahre alt, Facharzt für Allgemeinmedizin, hausärztliche Versorgung, Notfallmedizin, Betriebsmedizin, Durchgangsarzt der BG und Ernährungsmediziner.