Die Spielstätte von Tempus fugit im Lörracher Adlergässchen Foto: Alexander Anlicker

Eine Buchmatinee im Startblock zeigte, wie Inklusion gehen kann.

Edwin macht als Theaterkoch bei Tempus fugit die Einkäufe, bekocht das Team, ist Teil des Leitungsteams für Spielgruppen und selbst Schauspieler. Edwin hat das Downsyndrom. „Er ist einer von uns. Dass er das ist, sollte überhaupt nichts Besonderes sein“, sagt Karin Massen, Theaterleiterin, während der Buchmatinee im Startblock.

 

Dort berichtet Edwin im großen Kreis der Besucher von seinem Arbeitsalltag und stellt sich den Fragen seiner Zuhörer. Die Runde macht deutlich: Es braucht viel mehr als nur ein Dorf, damit jemand mit dieser Beeinträchtigung seinen Weg machen kann. In dieser Gemeinschaft entstand schließlich die Idee, ein Buch zu gestalten, das die Rezepte abbildet, die Edwin bei seiner Arbeit einsetzt.

Edwin ist bei Tempus fugit als Theaterkoch und Schauspieler aktiv. Foto: Dorothea Gebauer

In dem 50-seitigen, liebevoll gestalteten Buch „Theater in der Küche“ sind neben Rezepten Abbildungen von Aufführungen zu sehen. Da blitzt Lebendigkeit auf, sprühen Schönheit und Darstellungsfreude, ist Edwin auch voll präsent auf der Bühne. „Wir spielen Theater, essen gemeinsam, lösen Konflikte. All das, was passiert, wenn man Leben miteinander teilt“, sagt Karin Massen.

Das Ziel der Inklusion muss Augenhöhe sein

Doch leicht ist der Weg in die Normalität keineswegs. Beate Engeser, die Mutter, belegt dies mit persönlichen Erfahrungen: „Nicht überall, wo Inklusion draufsteht, ist Inklusion drin.“ Menschen mit Beeinträchtigung müssten dauernd beweisen, dass sie „es wert sind“, an Arbeitsprozessen teilzuhaben. Viele Kämpfe, Hürden, zähes Verhandeln lagen auf ihrem Weg. In ihrem Bemühen, eine Arbeitsassistenz zu verschaffen, strengt sie inzwischen eine Klage an zwei Gerichten an. Ziel des Rechtsstreits ist es, die strukturelle Diskriminierung bei der Gewährung von Arbeitsassistenz für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung zu beenden. Hätte Edwin eine rein körperliche Behinderung, bekäme er für seine Arbeit als Theaterkoch sicherlich Arbeitsassistenz, ist seine Mutter überzeugt.

Erzähl- und Fördergemeinschaft

Edwin, Lisa und Martin, die drei Mitspieler bei Tempus fugit, die alle das Downsyndrom haben, sind sehr zufrieden: Der Ertrag der Buchmatinee belief sich auf 600 Euro.

Doch nicht nur das: Eine Erzähl- und Fördergemeinschaft entstand, die an ihrer Entwicklung Anteil nahm und von den dreien inspiriert wurde. „Wir müssen lernen, neu zu denken: Weg von Betroffenheit und Mitleid hin zu echter Augenhöhe“, sagt ein Besucher. Karin Massen lacht. „Genau. Da darf man Edwin auch sagen, wenn die Pasta zu lang gekocht hat.“

Das Buch „Theater in der Küche“ kann in allen Buchhandlungen bezogen werden. Herausgeberin ist Beate Engeser. ISBN 978–3–692133-001-4. Der Erlös geht an das Theater Tempus fugit.