Seit Jahren arbeitet Igor Lindner als Gefängnispfarrer in der Justizvollzugsanstalt Offenburg. Für viele Häftlinge ist der persönliche Kontakt mit dem Seelsorger wichtig.
Igor Lindner kennt die Justizvollzugsanstalt Offenburg gut. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 2009 ist das Ortenauer Gefängnis sein Arbeitsplatz. Davor arbeitete er fünf Jahre im Jugendvollzug. Als evangelischer Gefängnispfarrer ist er für viele Häftlinge ein Ansprechpartner, an den sie sich vertraulich wenden können.
Zum Buß- und Bettag am 19. November kommt der Seelsorger für ein Podiumsgespräch nach Hausach (siehe Info). Mit unserer Redaktion hat Lindner über seine Arbeit hinter den Gefängnismauern gesprochen.
Wenn Lindners Arbeitstag beginnt, geht es für ihn zunächst an sein Postfach im Gefängnis. Dort landen Anträge der Gefangenen an ihn – etwa für ein persönliches Gespräch.
Gespräche unterliegen der Schweigepflicht
Neben Gottesdiensten und Gesprächen in Gruppen bestehe der Großteil seiner seelsorgerischen Arbeit in Gesprächen mit den Häftlingen unter zwei Augen in seinem Büro. „Da gilt die Schweigepflicht“, erklärt Lindner. Die Gefängnismitarbeiter erfahren also nicht, worüber die Inhaftierten mit dem Pfarrer sprechen. So kann ein Vertrauensverhältnis entstehen.
In den Gesprächen gehe es oft um die Sorgen der Häftlinge, erklärt Lindner. Männer mit Familie würden sich etwa Sorgen um ihre Kinder machen – oder ihre Beziehung. Auch die Angst, nach einer Entlassung keine Arbeit zu finden, beschäftige viele der inhaftierten Männer. Die Tat, wegen der Lindners Gesprächspartner in Haft sind, komme auch zur Sprache. „Ich warte, bis sie mir das sagen“, so Lindner. „Dafür ist ein Vertrauensverhältnis nötig“.
Untersuchungshaft ist ein Sonderfall
Auch wenn viele der Inhaftierten nicht wegen Kapitalverbrechen verurteilt wurden, sitzt Lindner auch Menschen gegenüber, die furchtbare Taten begangen haben. Das gehöre auch zu seinem Job. „Ich muss nicht deren Akte lesen“, berichtet der Seelsorger. Das sei ein Vorteil, findet er. Er wolle die Häftlinge in seinen Gesprächen nicht nur als Täter sondern auch als Mensch sehen. Neben Deutsch beherrscht Lindner auch Englisch, Französisch und Rumänisch. So könne er auch in diesen Sprachen mit den Häftlingen sprechen.
Ein Sonderfall sei seine Arbeit für Menschen, die sich in Offenburg in Untersuchungshaft befinden, weiß Lindner: „Diese Phase ist besonders kritisch.“ Die Inhaftierten befänden sich während dieser Zeit fast vollständig in Isolation. Lediglich eine Stunde Hofgang gebe es am Tag. Damit klar zu kommen, sei sehr schwer. Suizidprävention sei in dieser Phase sehr wichtig, verdeutlicht Lindner.
Auch wenn Lindner es fast täglich mit Verbrechern zu tun hat, habe er keine Sorgen um seine Sicherheit. „Ich fühle mich nicht bedroht“, erklärt er. Durch seine Stellung als Seelsorger sehe er sich „ziemlich geschützt“. Er schätze seinen Arbeitsplatz sehr, meint Lindner. „Kein Tag ist wie der andere.“ Ein starker Kontrast zum Leben der Häftlinge. Denn für die, so Lindner, sei fast jeder Tag gleich.
Die geplante Podiumsdiskussion in Hausach steht unter der, wie Pfarrer Lindner findet „von den Organisatoren etwas provokant gewählten“, Frage „Wie viel Strafe muss sein?“.
Keine Sorge um die eigene Sicherheit
Es gehe in der Debatte um Sicherheit auf der einen und Resozialisierung auf der anderen Seite. „Im gesellschaftlichen Klima hat Sicherheit aktuell Priorität“, schätzt Lindner das Stimmungsbild ein. Die Strafe Freiheitsentzug sei für viele Außenstehende schwer einzuschätzen. „Alles ist reglementiert. Von der Anzahl der Unterhosen bis zum Essen“, verdeutlicht Lindner.
Kritisch blickt der Seelsorger auf Ersatzfreiheitsstrafen. Zwölf bis 15 Prozent der Inhaftierten würden deshalb einsitzen, so Lindner. Zu dieser Art Haft kommt es, wenn eine vom Gericht verhängte Geldstrafe nicht bezahlt wird. So kommt es beispielsweise dazu, dass Menschen in Haft kommen, die ihre Geldstrafe wegen Schwarzfahrens nicht bezahlt haben. Die Ersatzfreiheitsstrafe kann durch Ratenzahlung oder gemeinnützige Arbeit abgewendet werden. In all den Jahren, die Lindner im Gefängnis arbeitet, traf er auch auf bekannte Gesichter. Die Rückfallquote sei hoch. Immer wieder kommen Entlassene zurück ins Gefängnis „Das ist auch eine komische Situation und manchmal etwas traurig“, so Lindner.
Und wie fühlt es sich an, nach einem Arbeitstag – anders als viele seiner Gesprächspartner – das Gefängnis wieder zu verlassen? „Einen Teil lasse ich in der Anstalt, einen Teil nehme ich mit nach Hause“, meint Lindner mit Blick auf die Eindrücke und Erlebnisse hinter den Gefängnismauern. Um das Erlebte zu verarbeiten, gebe es immer die Möglichkeit, sich mit anderen Gefängnisseelsorgern auszutauschen. Und regelmäßig setzt Lindner auf sportlichen Ausgleich – mit Judo.
Das Podiumsgespräch in Hausach
Gefängnispfarrer Igor Lindner kommt am Mittwoch, 19. November, zu einem Podiumsgespräch ins evangelische Gemeindehaus Hausach. Das Gespräch wird von Pfarrer Hans-Michael Uhl moderiert und beginnt ab 19.45 Uhr. Zuvor ist ab 19 Uhr eine ökumenische Andacht geplant.