Viel Diskussionsstoff gab es beim Treffen des SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Fechner (von links) und Katarina Barley mit der Lahrer Ukraine-Hilfe um ihren Vorsitzenden Pirmin Styrnol. Foto: Boller

Katarina Barley, Vizepräsidentin des EU-Parlaments, hat mit Johannes Fechner die Lahrer Ukraine-Hilfe besucht. Der freundliche Empfang konnte über die angespannte Stimmung bei den Unterstützern aber nicht hinwegtäuschen.

Eigentlich wollte Katarina Barley nicht vorrangig über Militärhilfen sprechen, sondern sich über die Hilfsarbeit für die ukrainische Bevölkerung vor Ort austauschen. Dafür war in der alten Posthalle ein Sitzkreis eingerichtet worden.

 

Gemütlichkeit wollte sich aber trotz freundlichem Empfang der ehrenamtlichen Mitarbeiter und gereichtem Tee nicht einstellen, dafür war es in der Halle zu kalt und die Stimmung bei den Anwesenden zu frostig. Schuld daran hatten die aktuellen Entwicklungen, die von den Lahrer Ukrainern und ihren Helfern mit großer Sorge aufgenommen worden waren.

Katarina Barley nimmt EU-Länder in die Pflicht

Den wiederkehrenden Vorwurf, die Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland durch Deutschland und die EU sei zu zögerlich, was konkrete Militärhilfen anbelangt, versuchte Barley zu entkräften: Deutschland sei nach den USA der mit Abstand zweitgrößte Waffenlieferant und erfülle im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der EU durchaus sein Soll, so Barley.

Die EU-Politikerin monierte ihrerseits, dass Länder wie Frankreich ihren vollmundigen Versprechen nur wenige Taten folgen ließen, obwohl der Nachbar mit seiner immensen Truppenstärke militärisch in vielen Ländern operiere und ganz andere Kapazitäten wie Deutschland besitze.

Dass die USA die ukrainische Regierung bei Friedensverhandlungen außen vor lassen wolle, hatten die Anwesenden mit Bestürzung zur Kenntnis genommen. Zur Rolle der EU musste Fechner einschränken: „Deutschland ist nur Mittelmacht. Wenn wir die USA nicht auf unserer Seite haben, wird es schwer.“ Fechner hoffte wie Barley darauf, den USA vermitteln zu können, dass weder die Europäer noch die Ukrainer selbst einfach übergangen werden könnten.

Die Helfer wünschen sich Waffenlieferungen in die Ukraine

Deutlich zu spüren bekamen die beiden SPD-Politiker den Frust, für die viele der Gesprächsteilnehmer auch die Politik der aktuellen Bundesregierung verantwortlich machten. Für Pirmin Styrnol, Vorsitzenden der Lahrer Ukraine-Hilfe, steht die Debatte um Waffenlieferungen symbolisch dafür, dass Deutschland nicht alles unternehmen wolle, um der Ukraine zu helfen.

Am Ende seien alle Hilfstransporte sinnlos, wenn es keine Waffen gäbe: „Vor Ort bekommt man sofort den Eindruck, wie wichtig eine gut ausgerüstete Armee ist, die zwischen der Bevölkerung und Putins Soldaten steht.

Die Lahrer Hilfsorganisation „Gemeinsam Europa“ hat sich bereits kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 gegründet und organisiert seitdem Hilfstransporte in die westukrainische Stadt Kalusch. Von dort werden die Hilfsgüter in die ganze Ukraine weiterverteilt.

Zwar ist Kalusch selbst nicht unmittelbar vom Kriegsgeschehen betroffen, doch sei es durchaus schon vorgekommen, dass die Hilfslieferungen auf ihrem weiteren Weg beschossen wurden. Immerhin, die Lieferkette nach Kalusch funktioniere mittlerweile gut, teilte der Verein mit.

Mehr als 1000 Ukrainer leben mittlerweile in Lahr

Barley und Fechner zeigten sich sehr interessiert an der Situation der nach Lahr gekommenen Ukrainer. Wie viele es denn seien, wollten sie wissen. Ungefähr 1000, schätzte Oleksandra Valter, die seit neun Jahren in Deutschland lebt und Mitglied bei „Gemeinsam Europa“ ist.

Valter erzählte von jungen Ukrainern, die sehr gut integriert seien, und von der älteren Generation, die sich in Deutschland mehrheitlich immer noch schwer tue: „Bei meiner Mutter hat es lange gedauert, bis sie angefangen hat, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie hier bleibt.“ Gegen das Alleinsein helfe der Zusammenhalt, so Walter. In ihrer Whatsapp-Gruppe gebe es mehr als 600 Ukrainer aus Lahr.

Nicht gut seien die Beziehungen zu Teilen der russischstämmigen Bevölkerung in Lahr. Zwar gebe es vereinzelt auch freundschaftlichen Kontakt, allerdings geschehe das niemals offen. Stattdessen berichteten die Organisatoren der Ukraine-Hilfe von alltäglichen unschönen Begebenheiten in Form von Drohungen und Provokationen. Auch ein Polizeischutz sei schon nötig gewesen, hieß es vom Verein.

Wahltag ist Spendentag bei der Lahrer Ukraine-Hilfe

Der Verein „Gemeinsam Europa“ organisiert regelmäßig Veranstaltungen, zu denen ausdrücklich nicht nur Ukrainer eingeladen sind: „Wir wollen Brücken bauen und hoffen, dass auch Deutsche dabei sind“, so Oleksandra Walter. Am Wahlsonntag, 23. Februar, lädt der Verein von 11 bis 17 Uhr in seine Räumlichkeiten im alten Postareal in Lahr ein, um ein Zeichen der Solidarität mit der Ukraine zu setzen.

Einen Tag später, am Montag, 24. Februar, jährt sich die russische Invasion zum dritten Mal, wie der Verein berichtet. „Viele Menschen scheinen mittlerweile das Gefühl zu haben, dass der Krieg in der Ukraine in seiner Brutalität nachgelassen habe. Aber das Gegenteil ist der Fall“, berichtet Valter.

Um ein Gefühl für die Lage in der Ukraine zu ermöglichen, wird am Nachmittag eine Ausstellung im Spendenlager der Ukrainehilfe gezeigt, wo in kurzen Geschichten vom Leben verstorbener Kinder, die in den vergangenen Jahren zum Opfer gefallen sind, erzählt wird. Ab 11 Uhr bietet die ukrainische Community ihr mittlerweile etabliertes Spendenbüfett mit herzhaften und süßen Speisen und Getränken an. Ab 14 Uhr gibt es dann Redebeiträge und Live-Musik von ukrainischen Künstlern. Die ehrenamtlichen Helfer des Vereins stehen den ganzen Tag über für Fragen und Gespräche zur Verfügung, teilt der Verein außerdem mit.