Heinz Schnaufer wurde in Calw begraben. Eine Gedenktafel erinnert an den Nachtjägerpiloten. Foto: Gern

Heinz Schnaufer gilt als der weltweit erfolgreichste Nachtjägerpilot des Zweiten Weltkriegs. In dieser Woche wäre er 100 Jahre alt geworden. Der Hobbyhistoriker Thomas Gern aus Althengstett blickt anlässlich dieses Ereignisses auf Schnaufers Leben zurück.

Calw - Heinz Schnaufer wurde am 16. Februar 1922 in Stuttgart geboren. Er war das älteste von vier Kindern des Ingenieurs und Kaufmanns Alfred Schnaufer und dessen Ehefrau Martha, geborene Frey. Der Vater führte gemeinsam mit dem Großvater Hermann Schnaufer ein auf Weinhandel ausgerichtetes Unternehmen, das 1918 gegründet worden war.

 

Beim Schnaufer-Haus, auch Altdeutsches Haus genannt, in der Lederstraße in Calw, das sich heute in Familienbesitz befindet, war damals der Firmensitz. Heinz Schnaufer wuchs in Calw auf und besuchte hier die Volksschule und das Realprogymnasium am Schießberg. Am Tag von Hitlers Machtergreifung war er gerade mal zehn Jahre alt.

Trügerische Werte

Er kam zum Jungvolk und gehörte damit zu jener Generation von Kindern und Jugendlichen, die an den Schulen, in der Hitlerjugend wie im Reichsarbeitsdienst im Geist des Nationalsozialismus erzogen und in einem sehr empfänglichen Alter darauf vorbereitet wurden, den Krieg zu führen. Unter dem Eindruck der in den NS-Jugendorganisationen vermittelten, trügerischen Werte und Ideale absolvierte er erfolgreich die Prüfung zur Aufnahme in die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NPEA) in Backnang, die er ab dem Frühjahr 1938 besuchte.

Schon früh strebte er eine Laufbahn als Pilot bei der Luftwaffe an, wozu die strenge, körperlich und geistig fordernde Schulausbildung den Weg bereiten sollte. Sein letztes Schuljahr verbrachte er in der NPEA in Potsdam, wo er im "Fliegerzug" seine ersten praktischen Segelflugerfahrungen sammelte. Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs machte er das Abitur und trat im November 1939 17-jährig seinen Dienst bei der Luftwaffe an. Es folgten die Ausbildung zum Flugzeugführer und Nachtjäger und am 1. April 1941 seine Beförderung zum Leutnant.

Aufstellung von Nachtjagdverbänden

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 begannen die Bombardierungen deutscher Industrieanlagen und Verkehrswege sowie später groß angelegte Flächenangriffe auf deutsche Städte durch die Royal Air Force. Wegen der deutschen Flugabwehr flog das RAF Bomber Command die Angriffe bei Nacht. Die Luftwaffe reagierte früh darauf, unter anderem mit der Aufstellung von Nachtjagdverbänden.

Die II./Nachtjagdgeschwader 1 (NJG 1), zu der Schnaufer nach Abschluss seiner fliegerischen Ausbildung Anfang November 1941 versetzt worden war, lag zu jener Zeit gerade im belgischen St. Trond. Von dort startete er zu seinem ersten erfolgreichen Einsatz. In der Nacht 1./2. Juni 1942 gelang ihm der Abschuss eines britischen viermotorigen Halifax-Bombers. Bei seinem nächsten Angriff auf einen weiteren Bomber in der gleichen Nacht geriet er mit seiner Maschine vom Typ Messerschmitt Bf 110 in das Abwehrfeuer aus dem Maschinengewehr in der Heckkanzel des Bombers und erhielt einen Steckschuss in die linke Wade. Sein Flugzeug, das mehrere Treffer abbekommen hatte, konnte er dennoch mit Hilfe seines Bordfunkers Friedrich Rumpelhardt sicher auf dem Flugplatz in St. Trond landen.

121 Abschüsse

Nach kurzer Genesungszeit startete er zu weiteren Einsätzen, bald schon mitsamt einem weiteren Besatzungsmitglied, dem Bordschützen Wilhelm Gänsler. Bis zum Oktober 1944 erreichte Schnaufer die Bilanz von 100 bestätigten Abschüssen, während er zwischenzeitlich zum Staffelkapitän und später zum Gruppenkommandeur im NJG 1 avanciert war. Mittlerweile zum Hauptmann befördert, wurde Schnaufer am 20. November 1944 mit gerade mal 22 Jahren zum Kommodore des NJG 4 ernannt. Zudem erhielt er höchste Kriegs- und Tapferkeitsauszeichnungen, und auch seine beiden treuen Besatzungsmitglieder waren hochdekoriert.

Doch bei aller Freude über die sichtbare Anerkennung der militärischen Leistung und den damit einhergehenden Ruhm stürzten die Flieger allzu oft in tiefe Trauer, wenn wieder eine Besatzung vom Feindflug nicht mehr zurückkehrte. Seinen letzten Einsatz flog Schnaufer mit seiner Besatzung in der Nacht des 7. März 1945, wobei er seinen 121. Abschuss erzielte. Bis zum Ende des Krieges blieb diese Bilanz unerreicht.

Erschütternder Anblick

Angesichts der von ihm erreichten Abschusszahl muss man unweigerlich an die feindlichen Flugzeugbesatzungen und die Zahl der Menschenleben denken, die durch ihn ausgelöscht wurden.

Schnaufer selbst ließ das Schicksal seiner Gegner nicht kalt. Zusammen mit seinem Bordfunker Rumpelhardt besichtigte er bereits kurz nach seinem 6. Abschuss die Stelle des Aufschlags des nachts zuvor abgestürzten Halifax-Bombers bei der Ortschaft Tombeek. Den erschütternden Eindruck beim Anblick der Wrackteile und der sterblichen Überreste der Besatzungsmitglieder nahm er zum Anlass, sich bei seinen Angriffen meist auf die Kraftstofftanks in den Tragflächen zu konzentrieren, nicht nur, weil hier die größte Brandwirkung erzielt werden konnte, sondern weil dadurch der Rumpf weitestgehend verschont wurde und die Besatzung eher die Chance hatte, das Leben durch Fallschirmabsprung zu retten.

Britische Gefangenschaft

Dass so ein Notausstieg gelingen konnte, beweist das Schicksal der Crew um den australischen Piloten Graham Farrow, die an Bord einer Lancaster am 21. Februar 1945 von Schnaufer abgeschossen worden war. Die gesamte siebenköpfige Crew konnte sich durch Fallschirmabsprung retten.

Es gehört zur Tragik des Zweiten Weltkriegs, dass mit jedem abgeschossenen Bomber der Alliierten, insbesondere, wenn er noch die komplette Bombenlast im Rumpf trug, auch ein erhebliches Maß an tödlicher Gefahr für die deutsche Zivilbevölkerung gebannt wurde.

Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht an allen Fronten. Schnaufer begab sich mit seinem Geschwader in britische Gefangenschaft, aus der er im November 1945 entlassen wurde.

Nach seiner Rückkehr nach Calw gründete er ein kleines Transportunternehmen und übernahm bald die Leitung des elterlichen Weingroßhandels, der seit dem Tod des Vaters im Jahr 1940 von der Mutter zusammen mit einem Angestellten auch über die Kriegszeit hinweggerettet worden war.

Im Alter von 28 Jahren verstorben

Die Freundschaft zu seinen Fliegerkameraden blieb bestehen und so fand manch ein ehemaliger Nachtjäger eine Anstellung im Schnaufer’schen Betrieb. Bis 1950 hatte die Firma "Weinkellereien – Weinimport Hermann Schnaufer" mit insgesamt etwa 60 Angestellten eine erfolgreiche Entwicklung genommen.

Bei einer Geschäftsreise in Frankreich wurde Heinz Schnaufer am 13. Juli 1950 in der Nähe von Bordeaux unverschuldet in einen schweren Autounfall mit einem Lieferwagen verwickelt, an dessen Folgen er zwei Tage später im Alter von 28 Jahren verstarb. Die Bestattung erfolgte im Familiengrab auf dem Friedhof der Stadt Calw unter großer Anteilnahme der Bevölkerung.

1957 wurde die Hauptstraße in dem neu entstandenen Calwer Stadtteil Heumaden ihm zu Ehren "Heinz-Schnaufer-Straße" benannt. Walter Scheel, ehemaliger Bundespräsident und während des Zweiten Weltkriegs Offizier im NJG 1, konstatierte 65 Jahre nach Kriegsende rückblickend: "Manchem war bewusst, welchem Regime er diente, aber wer je von oben die Feuerhölle der brennenden Städte sah, fühlte sich zur Tapferkeit verpflichtet."