Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad hat das nach ihr benannte psychosoziale Zentrum in Lörrach besucht.
Karin Racke, Geschäftsführerin der Diakonie im Kreis Lörrach, zitierte zur Begrüßung der prominenten Besucherin und zahlreicher geladener Gäste aus Verwaltung, Kirche und Politik die Erklärung für Menschenrechte und die UN-Kinderrechte: Kein Mensch dürfe Erniedrigung oder Gewalt ausgesetzt werden. Kinder hätten das Recht auf Schutz vor Gewalt und Vernachlässigung.
Hier im Haus arbeiteten zwei Einrichtungen, die Menschen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichten, sagte sie. Dazu gehört das Nadia-Murad-Zentrum, das traumatisierten Flüchtlingen hilft. Der Schwerpunkt liegt bei der psychosozialen Betreuung und Behandlung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen und deren Familien sowie bei der Begleitung von Frauen, um ihre Gesundheit zu verbessern und ihnen die Integration zu erleichtern.
Auch Nadia Murad hat traumatisierendes Leid erfahren. Die Irakerin gehört der religiösen Minderheit der Jesiden an. Als die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) im Jahr 2014 einen Völkermord an den Jesiden verübt, wird auch sie verschleppt, versklavt und vergewaltigt. Sie verliert ihre Mutter und viele Angehörige. Sie kann jedoch fliehen und lebt heute in Baden-Württemberg.
Kampf für Anerkennung
Seitdem kämpft Murad weltweit für die Anerkennung des Völkermords an den Jesiden und für eine Strafverfolgung der Täter. Seit 2016 ist sie UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel. Mit ihrer Organisation „Nadias Initiative“ engagiert sie sich außerdem für den Wiederaufbau der Heimatregion der Jesiden im Nordirak und für psychosoziale Angebote für die Menschen dort, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Landwirtschaftliche Felder, Strom- und Wasserversorgung, Schulen, jesidische Tempel - die gesamte Infrastruktur habe der IS zerstört, um zu verhindern, dass die Jesiden in ihre Gemeinschaft zurückkehren, heißt es auf der Internetseite von Nadias Initiative. Im Jahr 2018 wurde Murad mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet
Unrecht beim Namen genannt
Oberkirchenrätin Sabine Jung würdigte Murads Mut, Gewalt und Unrecht beim Namen zu nennen: „Man kann Opfer sein und doch handlungsfähig.“ Auch die Landtagsabgeordnete Sarah Hagmann (Grüne) und Nazmije Mahmutaj, die Leiterin des Nadja-Murad-Zentrums, nannten ihr Engagement inspirierend. Die neue Landesregierung werde laut Koalitionsvertrag den Familiennachzug für die letzten 20 bis 35 Angehörigen der aufgenommenen Jesidinnen abschließen, kündigte Hagmann an. Jung forderte, dass die neue Landesregierung die psychosozialen Zentren für traumatisierte Flüchtlinge weiter unterstützt. Mahmutaj erinnerte an die Gründung des Nadia Murad-Zentrums im Jahr 2017, weil es damals im Kreis Lörrach keine Anlaufstelle für diese Menschen gab. Inzwischen begleiteten Haupt- und Ehrenamtliche in zwölf Sprachen jedes Jahr bis zu 140 traumatisierte junge Flüchtlinge, sagte sie unter Applaus.
Einblick in ihre Arbeit
Im Gespräch gab Nadia Murad Einblicke in ihre Arbeit. Als junge Frau habe sie nicht gewusst, dass das Leid, das ihr der IS zufügte, ein Mittel der Kriegsführung war: Sie sei in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Es sei schwer, nach solchen Erfahrungen wieder Sicherheit und Vertrauen aufzubauen, sagte sie. Aber heute kenne sie viele Frauen und Männer, denen sexuelle Gewalt angetan wurde: Sie fühle sich als Teil einer großen Gemeinschaft.