Ein ungewohntes und durchaus imposantes Bild bietet sich Passanten in der Calwer Stadtmitte inzwischen, wenn ihr Blick nach oben Richtung in Richtung der Trasse der Hermann-Hesse-Bahn schweift: Nach umfangreichen Gehölzarbeiten sind der Verlauf der Strecke und die mächtigen Felsen, entlang derer die Züge künftig rollen, so gut wie schon lange nicht mehr zu erkennen.
Calw - Im Dezember war damit begonnen worden, das Gehölz entlang der Bahnlinie auf dem Abschnitt ab ZOB Richtung Hirsau zu entfernen. Unzählige Festmeter Holz und Gebüsch wurden beseitigt. Das Material wurde zum Teil vor Ort in riesige Container, die direkt an der Bahnlinie stehen, gehäckselt, größere, qualitativ gute Stämme, werden festmeterweise verkauft. Jetzt ist gut sichtbar, was jahrzehntelang hinter den Gewächsen verborgen war: beeindruckende Felsformationen aus Sandstein, die nun mit einem Stahlnetz bespannt werden, um die Verkehrssicherheit entlang der Bahntrasse gewährleisten zu können. "Bis Mai sollten die kompletten Arbeiten abgeschlossen sein", äußerte sich Michael Stierle, Abteilungsleiter S-Bahn und ÖPNV im Calwer Landratsamt, während einer Stippvisite auf der Baustelle gegenüber unserer Redaktion.
Nicht nur klassischer Bergbau
Die Sicherungsmaßnahmen mit dem Netz und unzähligen Haken übernimmt die Feldhaus Bergbau GmbH & Co. KG aus dem nordrhein-westfälischen Schmallenberg, die auch für den Tunnelneubau in Ostelsheim verantwortlich zeichnet. Der rund 16,5 Millionen Euro teure Neubau zwischen der Gäugemeinde und Weil der Stadt ist die größte Einzelmaßnahme im Rahmen des Projektes Hermann-Hesse-Bahn und Kernstück der reaktivierten Strecke. Durch den neuen 498 Meter langen Tunnel wird die sogenannte Hacksbergschleife mit mehr als drei Kilometern Fahrstrecke abgekürzt, was die Fahrzeit der Hermann-Hesse-Bahn deutlich verkürzt. Diese Zeiteinsparung ist für den optimalen Betriebsablauf im Halbstundentakt mit zwei Fahrzeugen nötig. Feldhaus ist auf Arbeiten im klassischen Bergbau, aber auch die Sicherung von Felshängen, auf Tunnelsanierung und die Sanierung von historischen Bauwerken spezialisiert.
Gut im Zeitplan
"Es werden rund 1100 Haken als Befestigung für das rund 3400 Quadratmeter große Stahlnetz verbaut", erläuterte Kai Kübler (Abteilung S-Bahn und ÖPNV) vor Ort. Für jeden einzelnen Haken wird mit Spezialgerät viereinhalb Meter tief in den Felsen gebohrt. Sind die Haken gesetzt, werden die Bohrlöcher mit Mörtel verfüllt und eine plattenähnliche Konstruktion angebracht. Sechs Man sind täglich auf der Baustelle im Einsatz, man liege gut im Zeitplan, so Stierle und Kübler. Diese Woche müssten planmäßig sämtliche Haken in der Felswand sitzen. Die Gesamtmaßnahme, also das Freilegen der Bahntrasse und die Sicherungsarbeiten, kosten laut Stierle 780 000 bis 790 000 Euro.
Feinplanung für Haltestelle
Derweil läuft laut Stierle die Feinplanung für den künftigen Calwer Haltepunkt der Hesse-Bahn. Der Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn bezahlt alles, was die Einrichtung des Haltepunkts am Calwer ZOB anbelangt. Die Stadt trägt demnach im Wesentlichen die Kosten für die Sanierung der beiden vorhandenen Aufzüge sowie den Bau eines dritten Express-Aufzugs. Zudem sorgt sie mit einem Fußweg dafür, dass das künftige Wohnquartier im Bereich der Hengstetter Steige angebunden werden kann. Und sie bezahlt die Verbreiterung des Stegs zwischen Bahnsteig und Aufzugsturm, die dadurch notwendig wird. Wie in einer der vergangenen Zweckverbandssitzungen berichtet wurde, erweist sich das Zwei-Millionen-Euro-Projekt technisch als doch recht aufwendig. Um das böschungsseitige Stegwiderlager herzustellen und den Steg einzuheben, müsse der Bahnverkehr der Kulturbahn an zwei Wochenenden gesperrt werden. Zudem werde voraussichtlich in der Bischofstraße an der Kreuzung Marktbrücke/Parkhaus ZOB an einem Wochenende der Verkehr ruhen, hieß es dazu.
Nur wenige Anbieter für Signalanlagen
Bei Zeitplan und Kosten liegt der Zweckverband trotz schwieriger Rahmenbedingungen wie Pandemie und Lieferengpässen im vorgegebenen Rahmen. Stierle geht davon aus, dass die ersten Fahrgäste wie geplant 2023 in die Hesse-Bahn einsteigen können. Zu einer Verzögerung könnte es seinen Worten nach allerdings doch noch kommen, denn für die Lieferung von Signalanlagen für Bahnstrecken gebe es nur sehr wenige Anbieter. Und diese seien die nächste Zeit vorrangig im Ahrtal zugange, um die Signalinfrastruktur, die durch das verheerende Hochwasser wie vieles andere dort komplett zerstört worden sei, wieder auf Vordermann zu bringen.